Abstract
Joseph Jacob Gumprecht, MD, 1772–1838, is the first Jew known as a university lecturer (Privatdozent) at a German university. This biographical article analyses the network of family, friends and colleagues, in which his life course was embedded. It shows his achievements, failures and partial successes. When his career at the University of Göttingen was blocked, he moved to Hamburg, practised as a physician and man-midwife. He was not successful economically, and his family broke up. But he made noteworthy contributions to the emergent discipline of obstetrics, both as an author and editor of periodicals. Moreover, he was active in establishing associations in several fields: for the profession of medical men, and in the context of the Jewish reform movement. Gumprecht’s example shows that German Jews not just integrated themselves into the middle class, but that they actively contributed to shaping civil society and the culture of the middle class.
Die Wege, die deutsche Juden über den Erwerb von ›kulturellem Kapital‹ in das Bürgertum führten, hat Simone Lässig eindrucksvoll beschrieben; säkulare Bildung und Reform der religiösen Praxis hob sie als Schlüsselfaktoren hervor. Eberhard Wolff hat die besondere Rolle untersucht, die Ärzte als Experten und wichtiger Teil des jüdischen Bildungsbürgertums bei diesem Wandel spielten.[1] Hier soll ein Mediziner in den Mittelpunkt gerückt werden, der ein Pionier war als jüdischer Dozent an einer deutschen Universität, die sich der Aufklärung verpflichtet sah. Er beteiligte sich durch Publikationen an den aktuellen Fachdebatten und trug zur Entstehung einer wissenschaftlichen Zeitschriftenkultur bei. Sein innovativer Ansatz zur Fortentwicklung der klinisch-akademischen Lehre wurde freilich blockiert. Daraufhin trat er als Mit-Initiator zivilgesellschaftlicher Organisationen hervor, zum einen bei der Gründung einer Standesorganisation von Freiberuflern, zum anderen bei dem Verein, der die Reform der jüdischen religiösen Praxis in die Wege leitete. Sein Beispiel deutet darauf hin, dass Juden nicht nur in das deutsche Bürgertum aufstiegen, sondern dass sie Bürgertum und Zivilgesellschaft aktiv mitgestalteten. Das gilt nicht nur für das Wirtschaftsbürgertum, sondern auch das Bildungsbürgertum, das Feld der Wissenschaft und besonders die freien Berufe. Der biographische Ansatz verspricht bei dieser Untersuchung einen doppelten Gewinn. Zum einen kann er zeigen, wie der individuelle Lebensweg eingebettet ist in teils vorgefundene, teils selbst geflochtene Netze von sozialen Beziehungen in Familie, Verwandtschaft, Beruf und Umfeld. Zum anderen hebt er weniger die weithin wahrnehmbaren Erfolge hervor, sondern macht auch die Fehlschläge und partiellen Erfolge sichtbar, die für den Prozess des Wandels typischer sind als spektakuläre Einzelleistungen.
Herkunft, Jugend, Studienjahre
Joseph Jacob Gumprecht wurde 1772 in einer alteingesessenen und wohlhabenden jüdischen Familie Göttingens geboren. Seine väterlichen Vorfahren waren seit hundert Jahren als Schutzjuden in der Stadt ansässig.[2] Der Großvater Moses Gumprecht (ca. 1720–1802) wurde als Anbieter begehrter Waren und Kredite von vielen Professoren und Studenten geschätzt, zugleich als »Baron Absatz« geschmäht. Auch seine Bildung fand Anerkennung; und als der Orientalist Johann David Michaelis 1771 Moses Mendelssohn nach Göttingen einladen wollte, schlug er ihm vor, bei seinem Nachbarn, »dem Herrn Gumpertz« zu wohnen, »welcher unter unserer Judenschaft der vornehmste ist«.[3] Dessen ältester Sohn, Jacob Moses Gumprecht (1745–1815), Joseph Jacobs Vater, war ebenfalls ein erfolgreicher Kaufmann, seit 1774 mit eigenem Schutzbrief in Göttingen etabliert. Geselligkeit pflegte er auch mit Nicht-Juden, als junger Mann besonders mit Studenten – sehr zum Ärger der Göttinger Zunftbürger. Sie klagten nicht nur über die wirtschaftliche Konkurrenz der Juden, sondern erregten sich auch darüber, dass diese sich »mit den Studenten familiarisieren«: »Man kann […] die jungen Juden, Jacob Gumbrecht, [seinen Bruder] Mendel Gumbrecht, Meyer Joseph und andere, auf den Straßen mit Studenten, Arm in Arm geschlungen, spazieren und sich embrassieren sehen.«[4] Geheiratet hatte Jacob Moses Gumprecht, vermutlich um 1770, Hanna Herz Detmold (ca. 1751–1813), die aus einer angesehenen jüdischen Familie in Hameln stammte.
Als erstes von elf Kindern dieser Ehe wurde am 1. Juli 1772 Joseph Jacob geboren. Groß wird die Freude gewesen sein, und, dem Status der Familie entsprechend, wurde anlässlich seiner Beschneidung ein prächtiges leinenes Tora-Band angefertigt, kunstvoll beschriftet und mit Malerei verziert (Abb. 1). Wie üblich wurde es der Göttinger Synagoge übereignet und diente dazu, die Tora-Rolle zusammenzubinden. Heute gehört es zu der Sammlung des Städtischen Museums Göttingen. Die hebräische Inschrift lautet: »Josef, der Sohn des ehrenwerten Herrn Jokew, Angehöriger der Leviten, geboren unter gutem Stern, Neumond des Tammus 532 nach kleiner Zählung. ER lasse ihn groß werden zur Tora und zur Chuppa [Traubaldachin] und zu guten Taten. Amen Sela.«[5]




Tora-Band für Joseph Jacob Gumprecht, 1772
Maße: 330 cm × 21,5 cm. Zusammengesetzt aus vier Gewebestreifen, Grund Leinen (ungefärbt), wässrig gebundene Malerei.
Städt. Museum Göttingen, Inventarnummer 1917/335.5
Über Joseph Jacob Gumprechts Erziehung und Bildungsweg erfahren wir einiges aus dem lateinisch geschriebenen Lebenslauf, den er 1793 mit dem Promotionsgesuch bei der medizinischen Fakultät der Universität Göttingen einreichte.[6] Im Unterschied zu manchen Glaubensgenossen erwähnte er selbstbewusst, dass er aus einem jüdischen Haus stammte. Als erstes rühmte er seinen Eltern nach, dass ihnen seine charakterliche Erziehung besonders am Herzen lag: Frömmigkeit, Gewissenhaftigkeit und gute Sitten (»pietas, diligentia, mores«) wollten sie ihm vermitteln. Nicht weniger förderten sie seine geistige Entwicklung, zunächst offenbar durch Hauslehrer; ab dem 13. Lebensjahr ließen sie ihn das Göttinger Gymnasium besuchen, das als eines der ersten in Kurhannover auch Juden aufnahm. Dort lernte er u. a. Latein, Französisch, Griechisch und Englisch; mit besonderer Dankbarkeit gedachte er des Konrektors Kirsten.[7] Noch als Schüler schrieb er sich im September 1787 an der Universität ein, was gegen die Vorschriften, aber nicht ganz ungewöhnlich war.[8] Erst vier Jahre danach begann er mit dem eigentlichen akademischen Studium der Medizin. Er hörte bei den meisten Professoren dieser Fakultät: Heinrich August Wrisberg, August Gottlieb Richter, Johann Friedrich Gmelin, Johann Friedrich Blumenbach, Johann Friedrich Stromeyer, Justus Arnemann, Friedrich Benjamin Osiander. Daneben vernachlässigte Gumprecht weitere Interessen nicht. So folgte er den Vorlesungen Georg Christoph Lichtenbergs zur Experimentalphysik, Abraham Gotthelf Kästners zur reinen Mathematik, Ludwig Timotheus Spittlers zur Universalgeschichte und Johann Gottlieb Buhles zur Logik. Am 16. Dezember 1793 wurde Joseph Jacob Gumprecht zum Doktor der Medizin und Chirurgie promoviert. Seine lateinische Dissertation über die Operation von Lungenabszessen gehörte mit 52 Seiten eher zu den umfangreichen.[9]
Erst gegen Ende seines Studiums, im Sommersemester 1793, hörte Gumprecht bei Professor Osiander die Vorlesung zur Geburtshilfe und nahm an den praktischen Übungen dazu teil. Im Oktober 1792 hatte Friedrich Benjamin Osiander (1759–1822) die Professur für Geburtshilfe und die Leitung des Universitäts-Entbindungshospitals übernommen, das im Jahr zuvor den prachtvollen Neubau des sog. Accouchierhauses bezogen hatte.[10] Dieses im Kreis der medizinischen Wissenschaften noch recht junge Fach und der neu berufene Lehrer zogen den angehenden Mediziner an. Nachdem er sich außer den theoretischen Kenntnissen auch eine gewisse praktische Erfahrung durch Übungen am ›Phantom‹, dem mit Leder überzogenen weiblichen Becken, sowie durch Untersuchungsübungen an Patientinnen des Hospitals erworben hatte, durfte er im Juni 1793 selbst eine Entbindung übernehmen, natürlich unter Aufsicht des Professors. Bis zur Promotion konnte er noch vier weitere Geburten betreuen. Wie Gumprecht seinen Professoren im Lebenslauf versprochen hatte, setzte er auch als frisch gekürter Doktor seine medizinischen Studien fort. Insbesondere nahm er wieder an Osianders geburtshilflichem Kolleg und den praktischen Übungen teil. Von Ende Dezember 1793 bis April 1794 betreute er weitere vier Geburten im Hospital, kam insgesamt also auf neun Entbindungen – eine Zahl, die auch in den folgenden Jahren kaum mehr als ein halbes Dutzend von Osianders vielen hundert Studenten erreichte oder übertraf. In einem Bericht an die Regierung lobte der Professor »vorzüglich den unermüdeten Fleiß des Dr. Gumprechts, eines hiesigen Judensohns«.[11]
So war es natürlich, dass sich zwischen Lehrer und Schüler eine engere Beziehung herausbildete: Gumprecht gewann, wie Osiander es rückblickend ausdrückte, sein besonderes »Zutrauen«. Der Unterschied der Religion stand dem nicht im Wege. Die Universität Göttingen hatte damals nicht wenige jüdische Studenten, und auch unter Osianders Hörern waren mehrere. In der Stadt Göttingen wurde die Stellung der Juden allerdings gerade zu dieser Zeit besonders prekär. Ohnehin aufgrund von ›Schutzbriefen‹ (die der Landesherr gegen besondere Steuern jeweils einer Familie befristet erteilte) mit eingeschränkten Rechten nur als ›Beisassen‹ geduldet, waren sie in Göttingen seit längerem von den christlichen Kaufleuten und Händlern als Konkurrenz angefeindet. Als Anfang der 1790er Jahre einige spektakuläre Fälle Aufsehen erregten, in denen Studenten aus bekannten Adelsfamilien, mit Tausenden, ja Zehntausenden von Talern Schulden belastet, die Göttinger Universität verließen, gaben starke Stimmen auch aus der Professorenschaft den jüdischen Händlern und Geldverleihern die Hauptschuld an der gängigen Missachtung der Edikte, die Kredite an Studenten verboten oder doch stark einschränkten. So teilte die Hannoversche Regierung im April 1793 der Mehrzahl der elf in Göttingen ansässigen jüdischen Familien mit, dass ihre Schutzbriefe nicht über das Frühjahr 1796 hinaus verlängert würden. Neue Schutzbriefe konnten sie lediglich in den nördlichen Landesteilen erhalten. Unter denen, die daraufhin Göttingen verlassen mussten, war auch Jacob Moses Gumprecht, der Vater von Joseph Jacob; er zog nach Hannover.[12]
Joseph Jacob Gumprecht war von diesen Maßnahmen nicht direkt betroffen. Er hätte als Göttinger Doktor der Medizin irgendwo im Hannoverschen eine Praxis eröffnen können.[13] Doch sein Ehrgeiz ging weiter, und so entschloss er sich 1794, seine Qualifikation im Ausland zu vervollkommnen, und zwar in Kopenhagen. Dort wirkte der berühmte Geburtshelfer Professor Matthias Saxtorph.
Ein Freundschaftsalbum
Bevor Gumprecht die Stadt verließ, in der er seine Kinder-, Jugend- und Studienjahre verlebt hatte, legte er im April und Mai 1794 ein Erinnerungs- und Freundschaftsalbum an, ein sog. Stammbuch, wie es viele Studenten in dieser Zeit des Freundschaftskults taten. Er wählte die damals übliche praktische Form einer Loseblattsammlung.[14] So konnte er mehrere Personen gleichzeitig um einen Sinnspruch bitten, keiner las die Eintragung des anderen: er musste das Ganze nicht aus der Hand geben, und nur er selbst überblickte die Gesamtheit seiner Beziehungen. Denn diese wurden nicht als vielseitiges Netz, sondern als eine Summe von Zweierbeziehungen abgebildet. So ließen sich ohne Problem Erinnerungsworte auch von solchen Menschen erbitten, die untereinander nicht auf bestem Fuße standen. Als Bildmotiv wählte Gumprecht beim Göttinger Marktführer Wiederhold(t) keine Stadt- oder Landschaftsansicht, sondern kaufte einen Satz Schmuckblätter (im gängigen Format 17,3 × 11 cm), die eine antikisierende, auf eine Tafel deutende Gestalt zeigen; den Rahmen ziert eine Kartusche mit Lorbeerkranz, dem Zeichen erhofften Ruhmes, einer brennenden Fackel, einem Symbol der Aufklärung, sowie Bogen samt Köcher und Pfeilen, den Waffen Amors, als Verheißung künftiger Liebe (Abb. 2).[15] Zur sicheren Aufbewahrung der Sammlung loser Blätter waren ein passender Schuber und ein farbiger Einband bestimmt.
57 Widmungen sammelte Gumprecht von 1794 bis 1800, die meisten in deutscher oder lateinischer Sprache, einige auf Englisch, Französisch, Griechisch und Dänisch (insbesondere während der Kopenhagener Jahre). Allein in den sechs Wochen vom 4. April bis 12. Mai 1794, vor dem Abschied von Göttingen, brachte er 38 Widmungsblätter zusammen.[16] Die meisten (28) stammen von Kommilitonen, mit denen er eng befreundet oder doch näher bekannt war. Manche redeten ihn mit Du, andere mit Sie an. Fünfzehn waren Mediziner wie Gumprecht. Mehrere sprachen die Schwierigkeiten an, vor die der ärztliche Beruf den Anfänger stellte. Isaac Herz Detmoldt aus Hameln, ein jüngerer Bruder von Joseph Jacob Gumprechts Mutter, eine Woche nach ihm in Göttingen zum Dr. med. et chir. promoviert, gab ihm eine Warnung auf den Weg, die er Hippokrates zuschrieb: »In gemeinen Fällen kömmt die Unwissenheit des Arztes so wenig an den Tag als die Unwissenheit eines Steuermannes, wenn das Meer still und die Winde gut sind. Aber bei schweren Gewittern lernt man den Steuermann kennen.«[17] Düsterer klang der Wunsch, den Joseph Herz Detmold, ein noch jüngerer Bruder von Gumprechts Mutter und ebenfalls Mediziner, diesem aufschrieb: »Was hilft dir Gelehrsamkeit!? Glück sei deine Fackel, wenn du bei den Patienten im Finstern tappen muss[t]; es leite auch deine Hand, wenn du im Kasten der empirischen Mittel wühlen muss[t].«[18] Einen tröstlichen Ausweg aus solchen Verlegenheiten wies ein Zitat des österreichischen Aufklärungs-Schriftstellers Aloys Blumauer, das der Duz-Freund Leonhard Friedrich Vermeer für Gumprecht auswählte: »Schön ist’s und edel, vieler Menschen Leben zu retten, doch noch schöner, wenn daneben der Arzt zugleich, als seinen[!] Kranken Freund, auch seine Mitleidstränen weint.«[19] Doch aufmunternde Worte fehlten nicht ganz. Seligmann Joseph Oppenheim aus Frankfurt am Main stellte seinem Studienfreund das zeitgemäße Leitbild des »vernünftigen Arztes« vor Augen: »Der Scharlatan kennt weder die Schilderung der Natur noch die Natur selbst. Der bloß gelehrte Arzt kennt nur die Schilderung der Natur, aber nicht die Natur. Der vernünftige Arzt kennt zwar die Schilderung der Natur, bekümmert sich aber mehr um die Natur selbst.«[20]
Auch Kommilitonen von der juristischen und philosophischen Fakultät redeten bei diesem Thema mit. Sieben Jura- und drei Philosophie-Studenten schrieben Erinnerungsworte für Gumprecht. Christian Schloezer, 19 Jahre jung und zunächst an der philosophischen Fakultät eingeschrieben, der älteste Sohn des berühmten Göttinger Professors, erinnerte ihn mit Ovid: Es liegt nicht immer in der Hand des Arztes, dass der Kranke genest (»Non est in medico semper, relevetur ut aeger«).[21] Johann Philipp Keitel, Student der Rechte aus Goslar, ermutigte den jungen Mediziner mit einem Satz aus Knigges »Umgang mit Menschen«: »Kein Stand ist für das Menschengeschlecht wohltätiger als der eines Arztes, wenn er seine Bestimmung erfüllt.«[22]
Im Übrigen tauschten die jungen Männer gern Lebensweisheiten aus, bisweilen nonchalant wie Wilhelm Thomas Achenwall, der Sohn des früh verstorbenen Professors: »Die Welt ist wie ein Opernhaus, man kommt, man sieht, man geht hinaus.«[23] Ein wenig altklug mochte klingen, was dem gleichaltrigen Gumprecht der Jurastudent Heinrich Christoph Wassermeyer zu bedenken gab, der ebenfalls in Göttingen, aber als Sohn eines Schuhmachermeisters aufgewachsen war: »Vielen teile Deine Freuden, / allen Munterkeit und Scherz, / wenig Edlen Deine Leiden, / Auserwählten nur Dein Herz.«[24] Verse, die im Sinne einer bürgerlich-liberal getönten Moralität verstanden werden konnten, erfreuten sich so großer Beliebtheit, dass sie gleich zweimal in dies Stammbuch geschrieben wurden: »Festen Mut in schweren Leiden, / Hülfe, wo die Unschuld weint, / Ewigkeit geschworʼnen Eiden, / Wahrheit gegen Freund und Feind, / Männerstolz vor Königsthronen, / auch wenn’s gälte Gut und Blut, / dem Verdienste seine Kronen, / Untergang der Lügenbrut!« Das postulierte, aus des berühmten Karlsschülers »Ode an die Freude« zitierend, von den Ideen der Französischen Revolution beeindruckt, Christoph Heinrich Pfaff, der Ende 1793 als frisch promovierter Dr. med. von der Hohen Karlsschule in Stuttgart für zwei Semester nach Göttingen kam, um seine medizinische Ausbildung zu vervollkommnen. Hier wandte er sich besonders der Geburtshilfe zu, weil er sie als förderlich für den »Broterwerb« als Arzt ansah. So begegnete er Gumprecht; und die beiden lernten sich näher kennen, zumal Pfaff, als Osianders württembergischer Landsmann, ebenfalls die besondere Förderung des Professors genoss und mehr Entbindungen als die meisten anderen übernehmen durfte.[25] Dieselben Verse wählte Gumprechts Duzfreund, der Theologiestudent Heinrich Arnold Mügge, der wie er aus Göttingen stammte; er setzte in der drittletzten Zeile, Schillers Original getreu, die emphatische Anrede ein: »Brüder, gältʼ es Gut und Blut«.[26]
Noch zwei weitere Theologie-Studenten schrieben sich in Joseph Jacob Gumprechts Stammbuch ein.[27] Der Kreis seiner Freunde war weder durch die Grenzen der Fakultäten noch der Religionen eingeschränkt. Aus jüdischen Familien stammten nur fünf von den eingetragenen Göttinger Medizinstudenten, drei von diesen waren nah mit Gumprecht verwandt: die Muttersbrüder Detmoldt (s. o.) und der Cousin (Sohn eines Halbbruders des Vaters) Isaac Gumprecht, der im Jahre 1800 das letzte Blatt zu diesem Stammbuch beisteuerte.[28]
Wie Goethe es seinem Sohn empfahl, als er ihm 1801 ins Stammbuch schrieb: »Gönnern reiche das Buch, und reichʼ es Freund und Gespielen«[29], so hielt es auch Gumprecht: Nicht nur die Kommilitonen, mit denen er seine Studentenjahre verlebt hatte, auch die maßgeblichen Professoren der medizinischen Fakultät bat er um ein Wort der Erinnerung. Von den akademischen Lehrern, deren Vorlesungen und Übungen er (laut Lebenslauf in den Promotionsakten, s. o.) besucht hatte, fehlen nur Wrisberg und Arnemann in seinem Stammbuch. Als hohe Repräsentanten der akademischen, d. h. gelehrten Medizin demonstrierten die Professoren ihre klassische Bildung. Johann Friedrich Gmelin (1748–1804), der vor allem Pharmazie und Chemie lehrte, ließ es sich nicht nehmen, Hippokratesʼ Aphorismus 1, 1 im griechischen Original zu zitieren – wobei er dem frisch promovierten Adressaten zutraute, den (ungenannten) Autor zu kennen: »Das Leben ist kurz und die Kunst ist lang, die Krise ist flüchtig, Erfahrung gefährlich und Entscheidung schwierig.«[30] August Gottlieb Richter (1742–1812), der dem medizinisch-chirurgischen Hospital vorstand, schrieb am 8. Mai 1794 »Fortuna quaevis superanda ferendo est« (Jedes Geschick ist durch Geduld zu besiegen), was Gumprecht als leicht abgewandelten Vers aus Vergils Aeneis (V, 710) erkannt haben wird – auch ohne Quellenangabe.[31] So hielt es auch Johann Friedrich Stromeyer (1750–1830), als er das beliebte Motto des spätantiken Claudian beisteuerte: »peragit tranquilla potestas/Quod violenta nequit.« Ruhige Autorität vollbringt, was die gewaltsame nicht vermag.[32] Nur Professor Johann Friedrich Blumenbach nannte Seneca – übrigens irrtümlich – als Urheber der stoischen Weisheit »Quo fata trahunt, virtus secura sequetur.« Wohin das Schicksal zieht, wird die furchtlose Tugend folgen.[33] Der Privatdozent und Prosektor auf der Anatomie Adolf Friedrich Hempel (1767–1834) wählte dagegen einen deutschen Vers: »Uns blend’t der Fürsten Pracht, / sie sind nicht, was sie scheinen. / Ein Weiser lebt beglückt, / er ist’s und scheint es nicht.«[34]
Die Mediziner galten damals als eine von Neid und Streitsucht geprägte Berufsgruppe, und von der Göttinger Fakultät wurde das umso mehr gesagt. »Ja wohl sind die Mediziner unleidlich«, schrieb der bekannte Anatom Samuel Thomas Soemmerring, »besonders aber in Göttingen«.[35] Angesichts dieser Situation bewährte sich, dass Gumprecht sein Stammbuch als Loseblatt-Sammlung angelegt hatte, dass also die Personen, die er um ein Erinnerungswort bat, nur ihm gegenübertraten und nicht voneinander wussten. So konnte er problemlos auch den ihm gewogenen Geburtshilfelehrer Friedrich Benjamin Osiander ansprechen, der im Jahr zuvor, gleich nach dem Amtsantritt in Göttingen, heftige Auseinandersetzungen mit seinem alteingesessenen Kollegen Stromeyer und dem Privatdozenten Hempel gehabt hatte. Der Streit um die Behandlung einer Kranken und die öffentliche Kontroverse um die Entbindung einer Privatpatientin, die im Wochenbett gestorben war, hatten in Göttingen, bei der Hannoverschen Regierung und in der Fachöffentlichkeit großes Aufsehen erregt; Osiander, gerade erst aus Württemberg gekommen, hatte den Eindruck, dass aus Konkurrenz und Neid sein Ruf als Arzt und Geburtshelfer vernichtet, seine Stellung in Stadt und Universität unhaltbar gemacht werden sollte.[36] In seinem Loseblatt-Stammbuch aber konnte Gumprecht die drei Kontrahenten friedlich vereinen.

Stammbuch-Blatt von Professor Friedrich Benjamin Osiander für seinen Schüler Dr. Joseph Jacob Gumprecht, 10.5.1794
Maße: 17,3 × 11 cm
Stadtarchiv Göttingen, StaBu 043, fol. 29.
Professor Osiander widmete seinem eifrigen und vielversprechenden Schüler das Motto: »Jede Gegend ist des Weisen Vaterland«[37]; er wird dabei an dessen bevorstehende Abreise gedacht haben, vielleicht auch an die den Eltern und anderen jüdischen Familien angekündigte Ausweisung aus Göttingen. Auf dem Schild der antikisierenden Gestalt fügte er den Wunsch hinzu: »I pede fausto«, geh glücklichen Fußes – ein in Stammbüchern beliebtes Wort, das Gumprecht gewiss als Horaz-Zitat (Epist. II, 2, v. 37) erkannte. Osiander unterschrieb sich als »Lehrer und Freund«.[38] Die Beziehung ging über die des akademischen Lehrers zu einem Studenten hinaus: Ungewöhnlicher Weise schrieben auch Professor Osianders Frau und sein ältester Sohn dem jungen Doktor ins Stammbuch. Offenbar war dieser ein gern gesehener Gast in der Familie, die ja im Obergeschoss des Hospitals wohnte. »Gott ist überall«, setzte Friederike Osiander einen Tag nach ihrem Gatten als Motto auf den Schild, was der Empfänger als Ausdruck der aufgeklärten Achtung vor seiner jüdischen Religion verstehen konnte. Dazu schrieb sie den Vers: »Du forschest des Naturreichs Kräfte / der Kranken Wohl ist Dein Geschäfte. / gesegnet sei Dein Fleiß! / Gesegnet, wer zum Menschen Heil / auch beiträgt seiner Kräfte Teil.«[39] Der siebenjährige Johann Friedrich Osiander schrieb mit recht geläufiger Feder: »Und geht es über Stock und Steg, / so bleib bei gutem Mute, / bald kommt dann wieder guter Weg / und mit ihm vieles Gute.« »Sei fröhlich und getrost«, wünschte er dazu.[40]
Auch nach seinem erfolgreichen Universitätsabschluss pflegte Joseph Jacob Gumprecht die Beziehung zu den Gymnasiallehrern, denen er die Grundlagen seiner Bildung verdankte. Sowohl der Konrektor Johann Friedrich Adolph Kirsten, den er bei seinem Promotionsantrag besonders erwähnt hatte, als auch der Direktor Jeremias Nicolaus Eyring (1739–1803) und der Rektor Johann Andreas Suchfort (1747–1824) finden sich im Stammbuch. Übrigens waren alle drei auch an der philosophischen Fakultät der Universität tätig, der Direktor als ordentlicher Professor, der Konrektor und der Rektor als Privatdozenten. Eyring, der seine Beziehung zu Gumprecht als beruflich und freundschaftlich charakterisierte, gab ihm das Wort des jüngeren Plinius (den er nennt) auf den weiteren Lebensweg: Der Lohn für ehrenhaftes Verhalten findet sich im Gewissen, nicht im Ruhm (»Honestatis fructus in conscientia, non in fama.«)[41] Kirsten wünschte dem »an Verstand und Charakter vortrefflichen« jungen Mann mit dem – ungenannten – Horaz (epist. 1,1,61), dass er sich in seinem Leben nichts vorzuwerfen habe und von keiner Schuld erblassen müsse (»Nil conscire sibi, nulla pallescere culpa«).[42] Suchfort versicherte in griechischer Sprache: Es gibt keinen schöneren Besitz als einen Freund.[43]
Eine theologisch-philosophische Reflexion schrieb der betagte Professor für französische Sprache und Literatur Isaac de Colom du Clos (1708–1795) in das Stammbuch des jüdischen Doktors der Medizin: »Quʼest-ce que Dieu? / Loin de parler ici de cet Etre suprême, / gardons en l’adorant un silence profond; / car c’est un Etre immense, et l’esprit s’y confond. / Pour savoir ce qu’il est, il faut être lui-même.«[44]
Das Stammbuch war für Gumprecht vor allem eine Erinnerung an die Freunde und Lehrer seiner Göttinger Schüler- und Studentenzeit. Doch als abgeschlossen betrachtete er es nicht, als er seine Heimat- und Universitätsstadt verließ. In Kopenhagen sammelte er von Februar 1795 bis Mitte August 1798 noch dreizehn, in Hamburg Ende August 1798 drei Widmungen. Danach, wieder in Göttingen, kam nur noch das Blatt von seinem jungen Cousin Isaac Gumprecht im März 1800 hinzu. Offenbar sah Joseph Jacob Gumprecht seine Lehr- und Wanderjahre nun als beendet an.
Wie das Album zeigt, war Joseph Jacob Gumprecht als Student und junger Doktor bestens vernetzt und voll integriert in die akademische Gesellschaft der Universitätsstadt Göttingen. Mehr als zwei Dutzend Kommilitonen widmeten ihm freundschaftliche Wünsche. Die meisten waren Mediziner wie er; doch auch mit Juristen, Philosophen und sogar Theologen pflegte er enge Kontakte. Natürlich hatte er mit verwandten und anderen jüdischen Studenten geselligen Umgang, doch die meisten seiner näheren Bekannten waren Nicht-Juden; auch Söhne von bekannten Professoren gehörten dazu. Wohlwollende Worte gaben Gumprecht seine akademischen Lehrer auf den Weg; ebenso lag ihm an der fortdauernden Verbindung zu den Mentoren seiner Jugendzeit auf dem Gymnasium.
Fortbildung und Wanderschaft
Ehrgeizige junge Gelehrte, die über entsprechende finanzielle Mittel verfügten, begnügten sich nicht mit dem, was ihnen ihre Hohe Schule bot, sondern gingen nach dem Erwerb des akademischen Grades auf eine ›gelehrte Reise‹, um sich an auswärtigen Zentren bei angesehenen Männern ihrer Wissenschaft weiter zu bilden.[45] Joseph Jacob Gumprecht wählte Kopenhagen als Ziel. Als Hauptstadt des dänischen Reiches, zu dem die Herzogtümer Schleswig und Holstein gehörten, zog es auch Gebildete deutscher Sprache an.[46] Den Weg fortsetzend, den er in Göttingen eingeschlagen hatte, strebte Gumprecht vor allem zu Matthias Saxtorph (1740–1800), dem Geburtshelfer von europäischem Ruf, der in Kopenhagen als Professor und Direktor des Entbindungshauses wirkte. Die Tür wurde ihm durch einen Brief Osianders geöffnet, der mit dem dänischen Kollegen in Kontakt stand und ihm – wie in der Gelehrtenrepublik üblich – seinen Schüler »zu weiterer Ausbildung und Beförderung besonders empfahl«. Vor der Abreise trat Gumprecht noch mit einer weniger gewöhnlichen Bitte an seinen Göttinger Lehrer heran: Osiander möge ihm aus seinem Bestand eine Zange nach der Bauart von André Levret (1703–1780) überlassen, wie der Professor sie damals regelmäßig in Lehre und Praxis benutzte. Gumprecht fühlte sich nur mit diesem forceps sicher, an dem Osiander ihn ausgebildet hatte, und erwartete, dass seine Aufnahme beim Kopenhagener Entbindungshospital und dessen Direktor besonders davon abhängen werde, ob er sich als geschickt in der Anwendung der Zange zeigte. Mit Saxtorphs anders geformtem Gerät fürchtete er, nicht gleich zurechtzukommen. Osiander willigte ein, gab ihm das materiell und – für das Selbstverständnis des männlichen, operativ orientierten Geburtshelfers – symbolisch wertvolle Instrument aber nicht als Geschenk, sondern bedang sich dafür eine Saxtorphsche Zange aus. Gumprecht schickte sie erst nach eineinhalb Jahren, was der Professor als saumselig empfand.[47]
So empfohlen und ausgestattet, durfte der junge Göttinger Doktor acht Monate lang an der Kopenhagener Entbindungsanstalt praktizieren, was Ausländern nur in Ausnahmefällen gestattet wurde.[48] Damit verbunden war die »Gelegenheit zur Praxis in der Stadt, namentlich in den sogenannten Matrosenbuden, einem abgesonderten, aus kleinen Häusern bestehenden Quartier, in welchem die Matrosen der Flotte mit ihren Familien ihr Unterkommen hatten«. Allerdings war die praktische Übung bei den Frauen dieser robusten Männer nicht ohne Risiko, wie Gumprechts Freund Pfaff berichtet: Der unerfahrene Accoucheur lief, »wenn nicht alles gut ging, Gefahr […], durchgeprügelt zu werden«.
Um Fortbildung nicht nur in der Geburtshilfe, sondern auch in der allgemeinen Medizin und Chirurgie bemüht, besuchte Gumprecht das große Friedrichshospital sowie die Chirurgische Akademie und machte die Bekanntschaft der führenden Mediziner der Hauptstadt. Seinen Worten nach gewann er die »Freundschaft« nicht nur von Matthias Saxtorph, sondern auch von Johann Clemens Tode (1736–1806), Hofarzt, Professor der Medizin, Literat und berühmt für seinen »Witz in Clubs«[49], Frederik Ludvik Bang (1747–1820), Chef der medizinischen Abteilung des Friedrichshospitals, Frederik Christian Winsløw (1752–1811), Chef der chirurgischen Abteilung desselben Spitals, Heinrich Callisen (1740–1824), Generaldirektor der Chirurgischen Akademie, sowie dem aufstrebenden Chirurgen Johan Daniel Herholdt (1764–1836).[50] Die Qualität des klinischen Unterrichts im Friedrichshospital und in der Chirurgischen Akademie scheint Gumprecht nicht befriedigt zu haben, ebenso wie Christoph Heinrich Pfaff, seinen Kollegen und Freund aus Göttinger Zeiten, der einige Monate nach ihm ebenfalls zur Fortbildung nach Kopenhagen kam. Jedenfalls ergriffen die beiden zusammen mit ein paar anderen jungen Doktoren der Medizin, die gleichfalls aus Deutschland zur Weiterbildung in die dänische Hauptstadt gereist waren, die Initiative und sammelten in dem weniger angesehenen Armenhospital, dem sog. Allgemeinen Hospital (Almindelig Hospital), klinische Erfahrungen.[51]
Als Praktikant wird Gumprecht kein Gehalt bezogen haben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zum Teil, indem er in der Stadt als Arzt und Geburtshelfer praktizierte.[52] Darüber hinaus wirkte er als »Lehrer der Naturgeschichte und medizinischen Wissenschaften«, auch »Dirigent der gymnastischen Übungen« an der neu gegründeten Privatschule des deutschen Hofpredigers Christoph Johann Rudolph Christiani; zugleich fungierte er als »praktischer Arzt« für die Angehörigen dieser Einrichtung.[53] Anfang 1795 hatte Christiani vor den Toren von Kopenhagen ein stattliches Gebäude mit Garten und Feld erworben und im Mai sein Erziehungsinstitut eröffnet, ein Internat für die Söhne zahlungskräftiger Eltern, an dem in deutscher und dänischer Sprache unterrichtet wurde. Auf der Höhe der Aufklärungspädagogik, besonders beeinflusst vom Philanthropismus, zielte die Anstalt als »Hauptzweck« auf die »sittliche Bildung« seiner Zöglinge, ohne die »physische und intellektuelle Bildung« zu vernachlässigen. Lernen durch Erfahrung und Praxis war das pädagogische Prinzip. Neben Sprachen, Mathematik, Physik, Naturgeschichte standen auf dem Lehrplan Leibesübungen und praktische Tätigkeiten, u. a. bei einem »Mechanikus« und im Garten. »Welt- und Menschenkenntnis nebst einer wahren Höflichkeit« konnten die Schüler erwerben, da sie in der dänischen Hauptstadt »mit Menschen aus allen Ständen bekannt« wurden und durch den Schulleiter und Hofprediger »Zutritt zu Personen vom höchsten Range« hatten.[54] Dass dies keine leeren Reklamesprüche waren, bezeugt ein junger Deutschbalte, der 1797 für einige Monate Privatsekretär im Haus des einflussreichen Ministers Grafen Schimmelmann war: Dieser empfing den Hofprediger samt einem jüdischen Internatsschüler und lud beide zu Tische.[55] In dieser anspruchsvollen Umgebung wirkte Gumprecht von Michaelis (29. September) 1795 bis Michaelis 1796[56] als Lehrer und Arzt. Christiani nahm als aufgeklärter Geistlicher keinen Anstand, einen jüdischen Lehrer anzustellen; auch mehrere seiner Schüler stammten aus jüdischen Familien.[57] Im Sommer 1796 unterrichtete Gumprecht pro Woche 15 Stunden an sechs Vormittagen »Naturwissenschaft«, »Naturgeschichte« und »physische Anthropologie«.[58]
In Kopenhagens gebildeter Gesellschaft war Gumprecht gut eingeführt, vermutlich durch den Hofprediger, und er erfreute sich großer Beliebtheit. Das galt nicht nur für Medizinerkreise; auch in gebildeten jüdischen Häusern verkehrte er. Zur guten dänischen Gesellschaft öffneten sich ihm die Türen, weil er schnell Dänisch lernte und es fast akzentfrei sprach, wie sein Freund Pfaff beobachtete. Das wurde besonders geschätzt in dieser Zeit, als sich nach Struensee und der ›Deutschenfehde‹ das Missfallen an der Vorherrschaft der deutschsprachigen Schleswig-Holsteiner in Politik und Gesellschaft ausbreitete.[59] Überhaupt war Gumprechts Wesen dazu angetan, ihm im geselligen Verkehr Freunde zu machen. So klingt es in Pfaffs Schilderung an, bei der sich freundschaftliches Wohlwollen und Stereotypisierung mischen: »Israelit, wenn auch nicht ein Nathanael«, also kein ganz streng-religiöser Jude, »ungemein rührig, schlau, witzig bis zum Sarkastischen, was neben der Erinnerung an seine Nationalität überhaupt sich lebhaft in seiner Physiognomie aussprach, hatte er sich durch jene Eigenschaften sehr bald bei den Dänen insinuiert«, beliebt gemacht.
Die Breite der Bekanntschaften und Freundschaften, die Joseph Jacob Gumprecht in Kopenhagen schloss, spiegelt sich in dreizehn Stammbuchblättern. »In nosocom[io] puerperio«, im Entbindungshospital, unterzeichnete sich Johannes Severini, der Sohn des gleichnamigen Schulrektors (1716–1789) aus Schemnitz (damals Ungarn, heute Slowakei). Er trug einen lateinischen Vers ein, der die Schwere der Arbeit des Geburtshelfers und Chirurgen pries, und stellte dem Freund den Ruhm in Aussicht, durch Rettung eines Lebens zugleich ein zweites zu bewahren, die Gebärende samt ihrem Kind[60] – mit diesem Argument unterstrichen Geburtshelfer gern die besondere Bedeutung ihres Faches.[61] Aus der Gruppe junger Doktoren, die mit Gumprecht im Allgemeinen Hospital klinische Erfahrung sammelten, schrieb Dr. Nicolaus Heinrich Brehmer aus Lübeck (1765–1823) einen lateinischen Vers zum Lob der hochedlen Heilkunst auf.[62] Auch einer der prominentesten Mediziner der Hauptstadt, Johann Clemens Tode, verehrte Gumprecht ein lateinisches Gedenkwort. Am 17. August 1798, kurz vor dessen Abreise, schrieb er, gezeichnet von dem im Vorjahr erlittenen Schlaganfall, mit zitteriger Hand eine Horaz-Strophe auf: »Froh über das Gegenwärtige, soll der Sinn um das, was darüber hinausliegt, / sich versagen zu sorgen, soll Bitteres mit leisem / Lächeln lindern: Nichts gerät in jeder / Hinsicht glücklich.«[63]
Bei seinem Ausscheiden aus Christianis Erziehungsinstitut bat Gumprecht mehrere von seinen Kollegen um ein Erinnerungsblatt. Der Mathematik-, Geographie- und Lateinlehrer Rasmussen wählte einen Vers des norwegisch-dänischen Dichters Johan Herman Wessel (1742–1785) und trug ihn in der Sprache des Originals ein. J. A. Bramsen, der Dänisch unterrichtete, widmete dem sprachgewandten Gumprecht ebenfalls einen dänischen Vers; und der Kandidat Gensichen, der aus Breslau stammte und u. a. für Geschichte, Latein und Griechisch zuständig war, verewigte sich mit Epikurs »Lebe im Verborgenen« in der Originalsprache – einem Motto, das sich der Empfänger nicht zu eigen machte.[64] Leicht nahm es J. F. Classen, der den Zöglingen des Internats zweimal wöchentlich »als begleitender Freund« bei botanischen Exkursionen zur Verfügung stand. Als »wahrer Freund« ermunterte er Gumprecht: »Lustig gelebt und selig gestorben, / Das heißt des Teufels Konzept verdorben.«[65] Christiani, der Leiter des Erziehungsinstituts, fehlt auffälliger Weise im Stammbuch.
Simon Moses Simon (ca. 1754–1829) gehörte als »Literat« zu den studierten, nicht aber zu den wohlhabenden Juden in Kopenhagen. Neben einen lateinischen Spruch setzte er eine Zeile in hebräischer Kurrentschrift, in der er, einen Jesajas-Vers (65, 1) abwandelnd, ein ironisches Licht auf die Situation des um ein Erinnerungswort Gebetenen zu werfen scheint.[66] Der Deutschbalte Garlieb Merkel (1769–1850), der gerade mit seinem revolutionären Buch über die Letten Aufsehen erregt und im Herbst 1797 einige Monate als Privatsekretär im Hause des Ministers Schimmelmann gelebt hatte, gab seinem Freund Gumprecht eine »Weisheit[s]regel« seines »Lieblingsdichters« auf den Weg, natürlich im lateinischen Original: Pflücket die Blume, die, wenn sie nicht gepflückt wird, schmählich dahinsinkt.[67] Zitierte Merkel aus Ovids ›Liebeskunst‹, so führte Wilhelm Manthey, ein junger Artillerieoffizier, die Schlussstrophe aus ›Volkers Schwanenlied‹ von Gottfried August Bürger an: »Ach sei, o Gott, dem Armen gnädig! / Lass aller Schuld ihn los und ledig! / Lass nie in andern Flammen ihn / Als Flammen seiner Liebe glühn!«[68] Beide spielten auf Amouren an, passend zu den Waffen des Liebesgottes in der Kartusche des von Gumprecht gewählten Stammbuchblattes. Dabei stellte Manthey eine explizite Verbindung zwischen dem zitierten Liebesgedicht und dem Empfänger der Widmung her: »So betet mit Bürger für Sie W. Manthey«; das »Sie« unterstrich er. Mit solchen Versen scheinen die Freunde anzudeuten, dass Gumprecht in der Gesellschaft der Damen nicht ohne Erfolg verkehrte und nähere Beziehungen knüpfte. Als er im August 1798 Kopenhagen verließ, kursierte das Gerücht, er sei mit Caroline Auguste Christiani, geb. Venturini, aufgebrochen, der Frau seines ehemaligen Arbeitgebers.[69]
Caroline Auguste Venturini war 1764 als Tochter eines angesehenen Braunschweigischen Hofmusikers geboren, hatte etwa 1791/92 den Pfarrer Christiani geheiratet und war mit ihm 1793 nach Kopenhagen gegangen. Seit der Eröffnung des Erziehungsinstituts war sie für den großen Haushalt mit allen Internatsschülern und vermutlich auch den Lehrern verantwortlich; mittags saßen 60 bis 70 Personen an ihrem Tisch. Ihre 1792 geborene Tochter starb 1795; im Januar 1797 brachte Caroline Auguste einen Sohn zur Welt, der überlebte. Sie zeichnete sich durch Bildung und breite literarische Kenntnisse aus. Der mit ihr befreundete Schriftsteller Jens Baggesen (1764–1826) rühmte sie als »geistreiche« Frau; sie habe »unaussprechlich viel Geist und Herz«, sei »interessant und lieblich«, im Unterschied zu ihrem »vortrefflichen, aber gar zu trockenen und strengen Mann«.[70] Im April 1798 erfolgte die Trennung von Tisch und Bett, 1801 die Scheidung. Seit 1801 veröffentlichte Caroline Auguste, zunächst anonym, Romane, die die herkömmliche Ehe und Unterwerfung der Frau mit radikaler Kritik beleuchteten,[71] Dass Gumprecht und Frau Christiani sich 1795–1796 im Erziehungsinstitut täglich begegneten, steht außer Frage. Ob es tatsächlich eine Affäre zwischen ihnen gab, muss offen bleiben. Nach Deutschland und insbesondere nach Göttingen scheint das Gerücht jedenfalls nicht gedrungen zu sein.
Joseph Jacob Gumprecht wandte sich von Kopenhagen zunächst nach Hamburg. Dort lebte seit 1797 ein Bruder seines Vaters, Emanuel Gumprecht Mendel (1747–1819?), mit seiner Familie; er hatte wie Joseph Jacobs Vater aufgrund der Verfügung der hannoveraner Regierung 1796 Göttingen verlassen müssen.[72] Ende August schrieben die Tante Esther, geb. Gottschalck (1752–1817), und Cousine Hanchen Mendel (1782–1854) Verse in das Stammbuch des aus Dänemark Zurückkehrenden, den sie aus seiner Göttinger Kinder- und Jugendzeit gut kannten, nun aber siezten. Während die Tante ihn ermunterte »lebe Du jetzt, das Jetzt ist Dein nur«, scheint bei der Bewunderung der 16-Jährigen für den Vetter, der auf »des hochgelahrten Stagiriten [d. i. Aristoteles] Rennbahn« rasch voranschritt, ein wenig Spott mitzuklingen, zumal über sein Sammeln von »gelehrtem Staub«.[73]
Wo und wie Joseph Jacob Gumprecht die nächsten zehn Monate verbrachte, ist nicht bekannt. Eine spätere biographische Notiz sagt, dass er 1798 »eine längere Reise« machte.[74] Deren Ziel und Zweck liegen im Dunkeln. Andere Kurzbiographien scheinen – insbesondere, wenn sie auf Gumprechts eigenen Angaben fußen – die Lücke im Curriculum Vitae überdecken zu wollen, indem sie die Rückkehr nach Göttingen nahtlos an die Kopenhagener Zeit anschließen.[75]
Der erste jüdische Privatdozent – Erfolg und Scheitern[76]
Im Juni 1799 war Joseph Jacob Gumprecht wieder in Göttingen, heimgekehrt, wie er 1802 der hannoveraner Regierung erklärte, mit dem Wunsch, seinem »Vaterlande […] nützlich zu sein«. Er mietete eine Wohnung und nahm seinen – gewiss koscheren – Mittagstisch bei Röschen Gumprecht, einer Halbschwester seines Vaters, und deren Ehemann Ruben Joseph Meyer (1764–1840). Dieser zählte zu den wenigen Juden, deren Schutzbrief für Göttingen über 1796 hinaus verlängert worden war.[77] Im Oktober 1799 konnte Joseph Jacob miterleben, wie sein Bruder Aron Jacob Gumprecht (ca. 1775/76–1852) als erster Jude in Deutschland zum Dr. jur. promoviert wurde. Ermöglicht wurde das, indem man beim Doktoreid den Bezug auf das Heilige Evangelium wegließ; allerdings verlieh man ihm als Juden die Doktorwürde ohne die Doktorrechte: Als Advokat wurde er nicht zugelassen.[78] Im März 1800 wird Joseph Jacob der Promotion seines Cousins Isaac bzw. Ignatz Gumprecht (1780–1863) zum Dr. med. et chir. beigewohnt haben, der ihm im selben Monat ein Blatt für das Freundschaftsalbum widmete.[79] Er selbst stellte im Februar 1800 bei der medizinischen Fakultät den Antrag, als Privatdozent an der Universität lehren zu dürfen, und zwar insbesondere die Entbindungskunst. Dazu wurde außer der Promotion nicht mehr als eine weitere Disputation gefordert, keine Habilitation im Sinne einer Prüfung; natürlich waren Gebühren für die Fakultätsmitglieder fällig. Der Antrag wurde ohne Probleme bewilligt, und damit war Joseph Jacob Gumprecht, soweit bekannt, der erste Privatdozent jüdischer Religion an einer deutschen Universität.[80] Zum Sommersemester 1800 kündigte er gleich mehrere Lehrveranstaltungen an, darunter »eine Vorlesung über die Geburtshülfe«, verbunden mit »prakt[ischen] Übungen am Phantom« an vier Vormittagen in der Woche, zur selben Zeit, da Professor Osiander »die Entbindungswissenschaft, […] theoretisch und praktisch«, lehrte.[81]
Zu Osiander, der damals die einträgliche Fakultätsmitgliedschaft noch nicht innehatte, nahm Gumprecht erst nach geraumer Zeit wieder Kontakt auf. Im Sommer 1800 besuchte er den ehemaligen Lehrer und äußerte drei Bitten: Der Professor möge ihm das Projekt einer medizinischen Leihbibliothek überlassen, ihm auch für seine Lehrveranstaltung ein Phantom, mehrere Bücher, Instrumente und anatomische Präparate leihen und schließlich ihn bei einigen Zangenentbindungen im Geburtshospital zusehen lassen, damit er die Anwendung von Osianders neu gestalteter Zange sehen könne. Da Gumprecht wieder in der Rolle des Schülers und Klienten vor ihm erschien, verhielt sich der Professor, wie es von einem Patron erwartet wurde: Er sagte ihm die Erfüllung der Bitten zu, das Leihen von Lehrmaterial allerdings mit der Einschränkung, soweit sein »eigener Gebrauch erlaubte«.[82] Für eine medizinische Leihbibliothek, zu der es in verschiedenen Städten Deutschlands Vorbilder gab, bestand offenbar bei Professoren und Studenten Bedarf – als Ergänzung der viel gerühmten Göttinger Universitätsbibliothek. Gumprecht kaufte bei mehreren Buchhändlern zahlreiche medizinische Bücher und Zeitschriften und führte das Projekt zum Erfolg.[83] Wenige Tage nach dem Gespräch, am 14. August, konnte Gumprecht, wie erbeten, im Entbindungshospital eine schwere Geburt sehen, bei der Osiander seine Zange zweimal ansetzen und insgesamt 19 Traktionen ausführen musste, das Kind zunächst am Schädel Eindrücke vom Forceps aufwies und kaum Lebenszeichen gab, nach Einreibung mit Wein jedoch überlebte. Die Studenten, die ebenfalls dabei waren, berichteten dem Professor, dass Gumprecht sich beim Weggehen auf eine »hämisch tadelnde Weise« über Osianders Behandlung des Falles geäußert habe. Daraufhin ließ der Professor seinen ehemaligen Schüler zu keiner weiteren Entbindung mehr zu – oder dieser verzichtete von sich aus darauf.[84]
Ende August 1800 trat Gumprecht zum ersten Mal seit seiner Dissertation wieder mit einer gedruckten Veröffentlichung hervor, einer »Einladungsschrift zu seinen Vorlesungen«. Wie in solchen Programmschriften üblich, kündigte er seine Lehrveranstaltungen für das nächste Semester an und behandelte ein Fachthema: »Über einige Ursachen der Unvollkommenheit der Geburtshülfe«. Er sah zwei Haupthindernisse, die der Vervollkommnung dieses »für das allgemeine Wohl« höchst wichtigen Faches im Wege standen. Das eine war die »zweckwidrige« Lehrweise: Aus »Eigensinn« und »Eigendünkel« wollten die »meisten Lehrer der Geburtshülfe« ihre Schüler ausschließlich auf die eigene Doktrin verpflichten. Außerdem verschwendeten sie die erste Hälfte des Semesters auf weitläufige anatomische Beschreibungen des Beckens und der »weiblichen Geburtsteile«; erst in den letzten vier Wochen führten sie die Studenten zu praktischen Übungen am Phantom. So sahen sich viele genötigt, ein »artiges Stückchen Geld […] für Privatissima« aufzuwenden, die besonders teuren Kurse in kleinstem Kreise. Das zweite Hemmnis lag für Gumprecht in der Überbetonung der operativen Geburtshilfe. Zu viele Vertreter des Faches setzten ihren Ehrgeiz in die Entwicklung und Verbesserung von Instrumenten. Verbunden mit dieser »Erfindungssucht« sei der »Trieb, von den Instrumenten so oft und so unnötig Gebrauch zu machen«. Das gelte besonders von der Zange, die bei eng gefasster Indikation »wohltätig« sei, bei unnötigem Gebrauch aber bleibende Schäden wie »Dummheit und Stumpfheit des Geistes« anrichten könne. Gegen die Überbewertung der ›künstlichen‹ Geburtshilfe stellte Gumprecht die ›natürliche‹: »Eine von der Natur beförderte und vollendete Geburt« geht »leichter und minder gewaltsam vonstatten« und ist »mit weniger Gefahr verbunden, mithin für Mutter und Kind heilsamer als eine Entbindung, die mit Hülfe der angelegten Zange beschleunigt und gewaltsam beendigt worden«.[85]
Mit dieser Schrift stellte sich der junge Privatdozent in der großen Kontroverse, die die Geburtshelfer Europas in dieser Epoche entzweite, betont auf die Seite der Befürworter der ›natürlichen‹ Geburt und abwartenden Geburtshilfe, gegen diejenigen, die von der Weiterentwicklung der ›künstlichen‹, operativen Methoden den Fortschritt des Faches erwarteten. Auf der europäischen Bühne stand der Brite William Hunter (1718–1783) für den ersten, der Franzose André Levret (1703–1780) für den zweiten Ansatz. Im deutschsprachigen Raum entwickelte der Wiener Lukas Johann Boër (1751–1835) das Programm einer »natürlichen Geburtshilfe«, während Osiander den Gegenpol vertrat.[86]
Natürlich wusste Gumprecht, dass Osiander gerade im Vorjahr Boërs Thesen aufs heftigste kritisiert hatte. Der Privatdozent profilierte sich in dieser Veröffentlichung mit einer eigenständigen Position und erklärte so seine Unabhängigkeit von dem ehemaligen Lehrer. Zugleich versprach er den Studenten einen besseren Unterricht. Beides war nicht ungewöhnlich für einen jungen Universitätslehrer. Zwar gebrauchte er an einigen Stellen starke Worte; doch in den Hauptkritikpunkten vermied er, Namen zu nennen. »Herr Professor Osiander« wurde erwähnt als »mein verehrungswürdiger Lehrer« und »einer der ersten Geburtshelfer Deutschlands«.[87] So hatte der Dekan, dem die Privatdozenten ihre Veröffentlichungen zur Zensur vorlegen mussten[88], keine Bedenken gegen den Druck.
Ganz anders las Friedrich Benjamin Osiander das kleine Druckwerk. Der Verfasser schickte es ihm am 3. September mit der Versicherung seiner »Hochachtung«, die freilich nicht mit »knechtischer Anhänglichkeit« verbunden sei. Osiander aber sah, dass Gumprechts Kritik genau auf ihn zielte. An der Göttinger Universität war er außer dem Autor der einzige Lehrer der Geburtshilfe; die Spitzen über die Lehrweise – Übung am Phantom erst im letzten Semestermonat, einträgliche Privatissima – passten ebenso wie der Spott über das stolz präsentierte eigene Zangenmodell; der Vorwurf übermäßigen Zangengebrauchs traf ins Schwarze: Osiander, im Universitätsmilieu als »Zangendoktor« apostrophiert, brachte dies Instrument in ›seinem‹ Hospital in 40 Prozent aller Geburten zum Einsatz.[89]
Seit dem Erscheinen von Gumprechts Programmschrift war die Kooperation zwischen ihm und seinem ehemaligen Lehrer beendet; nun herrschte offene Konkurrenz. Osiander antwortete in dem Medium, das Gumprecht für seine Kritik gewählt hatte, dem des gedruckten Wortes. Dazu benutzte er den Rezensionsteil des zweiten Heftes der »Annalen der Entbindungs-Lehranstalt auf der Universität zu Göttingen«, das im Oktober 1800 erschien. Da er dies Organ selbst herausgab und als Professor die vielgerühmte Göttinger Freiheit von der Vorzensur[90] genoss, brauchte er sich keine Zurückhaltung aufzuerlegen. Er rechtfertigte die ausführliche Erklärung der weiblichen Genitalien in seiner Vorlesung und wehrte die Furcht vor Schädigung des Kindes durch unnötigen Zangengebrauch ab. Auffallender als die Argumente zur Sache waren die heftigen Angriffe auf die Person des Kontrahenten. Wiederholt kennzeichnete er ihn als Angehörigen der »jüdischen Nation«, flocht bei Gelegenheit einen Judenwitz ein und fragte, ob Gumprecht vielleicht mit der Zange zur Welt gebracht wurde und »an sich und seinem Kopf« derartige »Übel« wie »Dummheit und Stumpfheit des Geistes« wahrgenommen habe.[91]
Im August 1801 veröffentlichte der Privatdozent erneut »eine Einladungsschrift zu seinen Vorlesungen«. Sie umfasste 39 Seiten, trug den unverdächtigen Titel »Ein Beitrag für die gerichtliche Geburtshülfe nebst einer Ankündigung eines Entbindungs-Klinikums«, fiel aber auf durch fehlende Verlagsangabe und den Erscheinungsort »Frankfurt und Leipzig«. Im ersten Teil argumentierte der Autor dafür, den »Kräften der Natur« in der Geburtshilfe möglichst viel Raum zu geben; im zweiten erörterte er medizinethische Fragen an Hand von zwei Fällen, in denen das Kind auf natürlichem Weg nicht lebend zur Welt gebracht werden konnte; im dritten entwickelte er den detaillierten »Plan zu einem Entbindungs-Klinikum« und kündigte seine Lehrveranstaltungen für das Wintersemester 1801/02 an.[92]
Mit dem Plädoyer für die natürliche Geburt bekräftigte Gumprecht die Position, die er schon im Vorjahr bezogen hatte; diesmal jedoch kritisierte er Osianders entgegengesetzte Grundsätze namentlich als »falsch und verderblich«. Ohne Namensnennung, doch unmissverständlich tadelte er, dass »Ruhmsucht, niedriger Egoismus, gewissenlose Eitelkeit und Eigennutz manchen Geburtshelfer« zu vielen »unnötigen« und meist »schädlichen Operationen verleiten«. Derartiger »Vorwitz« sei für die »Population« gefährlich, warnte Gumprecht, und wendete so das merkantilistische Argument der Bevölkerungsvermehrung, mit dem ärztliche Geburtshelfer für ihre angeblich Leben rettende Kunst bei Regierungen und aufgeklärter Öffentlichkeit zu werben pflegten, gegen eine bestimmte Richtung im Fach. Noch größer aber werde die Gefahr, wenn man solchen operationswütigen, »eigennützigen und gewissenlosen Männern Lehrstellen oder gar Entbindungsanstalten anvertrauen wollte«. Denn die ohnehin »unvorsichtige Jugend« werde noch »vorwitziger und dummdreister«, wenn sie »täglich ihren Lehrer mit dem Leben der Menschen spielen« sehe. Sollte noch ein Leser zweifeln, wer hier gemeint war, half ihm ein berüchtigtes Zitat auf die Spur: »Und heißt es etwa nicht, mit dem Leben des Menschen spielen, wenn man Frauenzimmer in Kindesnöten als Phantom gebraucht?« Friedrich Benjamin Osiander hatte freimütig bekannt, dass die Patientinnen in seiner Klinik »gleichsam als lebendige Phantome angesehen [werden], bei denen alles das […] vorgenommen wird, was zum Nutzen der Studierenden und Hebammen und zur Erleichterung der Geburtsarbeit vorgenommen werden kann.« Vor einem solchen »Schreckensystem« und »geburtshelferischen Terrorismus« – die Terreur-Phase der Französischen Revolution lag erst wenige Jahre zurück – zitterten die Schwangeren und Gebärenden. Die »Geburtshelfer von gemäßigter[e]n Grundsätzen« wurden durch den »Verfolgungsgeist« des Gegners eingeschüchtert: »Trägt doch ein Schwabe kein Bedenken, die Religion seines Kollegen öffentlich lächerlich zu machen«, wenn er dessen Prinzipien nicht widerlegen kann.[93]
Im zweiten Teil seiner Programmschrift griff der Privatdozent eine Debatte der Geburtshelfer auf, die europaweit über das rechte Vorgehen bei Gebärunfähigkeit infolge extrem engen Beckens geführt wurde.[94] Die von Gumprecht diskutierten Fälle, ein Kaiserschnitt und eine künstliche Frühgeburt, mochten naiven Lesern als konstruiert erscheinen. Anders sah es für das Publikum in der kleinen Universitätsstadt Göttingen aus. Sie erkannten in dem »accouchement forcé« ein Ereignis, das sich wenige Monate zuvor in ihrer Mitte zugetragen hatte: Nach zwei operativen Entbindungen, bei denen die Kinder tot zur Welt kamen, hatte Osiander im Rahmen seiner Privatpraxis die Tochter eines bekannten Juraprofessors, Ehefrau eines Privatdozenten, im siebten oder achten Monat »gewalttätig« – wie Gumprecht es nannte – entbunden, in der Hoffnung, dass der Kopf des Kindes noch nicht so groß sei. Doch starb das Kind gleich nach der Geburt und die Mutter nach wenigen Tagen. Gumprecht referierte den Fall mit manchen Einzelheiten, wenn auch ohne Namen zu nennen, und forderte für solche Taten eine exemplarische Bestrafung, nicht ohne Osianders gegen andere Kollegen gerichtetes Wort vom »Bethlehemitischen Kindermord« zu zitieren.[95]
Das »Entbindungs-Klinikum«, das der Privatdozent seinen Studenten anbot, sollte nicht in einer stationären Einrichtung, sondern in den Wohnungen der Gebärenden Gelegenheit zur praktischen Übung geben. Die Frauen würden dafür mit einem Gulden (d. i. zwei Dritteln eines Talers) bezahlt, die Hebamme, die jedes Mal nach Wahl der Patientin zugezogen werde, mit einem halben Taler. Die Praktikanten zahlten sechs Taler ein und erwarben damit das Anrecht, vier Geburten zu betreuen. Nur zwei Praktikanten würden jeweils neben Gumprecht bei einer Entbindung anwesend sein, nicht wie »auf einem Gebärhause« dreißig. Die Teilnehmerzahl an dem Klinikum wurde auf sechzehn begrenzt, damit niemand – wie bei gewissen Kollegen – genötigt sei, ein kostspieliges Privatissimum zu nehmen, um bei anfallenden Operationen bevorzugt an die Reihe zu kommen. Als weiteren Vorzug seines Klinikums strich der Privatdozent heraus, dass die Studenten gleich in die »Lage der praktizierenden Geburtshelfer versetzt« würden, mithin die »viele[n] Unbequemlichkeiten, die mit der Privatpraxis verbunden sind«, kennen und überwinden lernten, auch den richtigen Umgang mit Kreißenden einübten. All das lerne man »höchst selten auf einem Gebärhause, wo die Gebärenden als Phantom betrachtet werden«. Doch sei das geplante Klinikum »mit dem vortrefflichen hiesigen königlichen Gebärhause sehr gut« vereinbar und beeinträchtige es keineswegs; denn dorthin gingen fast nur unverheiratete Schwangere ohne »Hausgelegenheit«; Gumprechts Einrichtung hingegen ziele auf »verheiratete Frauenzimmer«, die zwar eine Wohnung haben, aber »zur Bestreitung der Wochenbettkosten Unterstützung bedürfen«. Außerdem sei das Entbindungshospital mit seinen »höchstens 100 Geburten« pro Jahr »viel zu klein« für die Ausbildung der »50 bis 60 Studierenden« pro Semester.[96]
Der Privatdozent Gumprecht machte so den Göttinger Studenten ein alternatives Angebot der praktischen Ausbildung, das nun auch Übungen an Schwangeren und Gebärenden einschloss, in Konkurrenz zu Professor Osiander und dessen Hospital. Das Preis-Leistungsverhältnis war attraktiv. Bei dem Professor kostete die Vorlesung einschließlich der praktischen Übungen 10 Taler pro Semester. Doch erhielten weniger als 10 % seiner Studenten die Gelegenheit, bei vier oder mehr Entbindungen Hand anzulegen; mehr als ein Drittel konnte keine einzige Geburt selbst betreuen. Ein Privatissimum, das die Chance eröffnete, öfter an die Reihe zu kommen, kostete 60 Taler, so wusste Gumprecht zu berichten.[97] Auf Londons freiem Markt für medizinische Lehre organisierten die Geburtshelfer – allen voran die prominenten William Smellie (1697–1763) und William Hunter – seit Jahrzehnten einen ambulanten privaten Entbindungsunterricht, für den die Studenten zahlten und die Gebärenden entlohnt wurden. So überrascht es nicht, dass auch ein deutscher Rezensent Gumprechts Plan »vortrefflich« nannte.[98] Doch in die Tat umgesetzt werden konnte er nicht.
Denn die Antwort auf Gumprechts Publikation erfolgte diesmal nicht auf publizistischem, sondern auf administrativem Terrain; die Initiative überließ Osiander dem informellen Sprecher der Göttinger Universität, Professor Christian Gottlob Heyne (1729–1812), zu dem er als Hausarzt guten Kontakt hatte. Dieser schrieb am 27. August 1801 an das Kuratorium als die für die Universität zuständige Abteilung der hannoveraner Regierung, warnte vor einem heraufziehenden Skandal und empfahl schnelles Eingreifen. Gumprecht habe sich strafbar gemacht, indem er die Schrift ohne Genehmigung des Dekans im Ausland, nämlich im nahen, kurmainzischen Heiligenstadt, drucken ließ; über die Bekanntmachung »geheimer Umstände« der nach der künstlichen Frühgeburt verstorbenen Frau sei deren Witwer »äußerst betroffen«; und Osiander werde auf die Verunglimpfung durch seinen ehemaligen Schüler gewiss, seinem »passionierten« Temperament entsprechend, mit einem heftigen Gegenangriff antworten, zumal die medizinische Fakultät wegen interner »Animositäten« wohl nichts unternehmen werde.[99] Ein Teil der Medizinprofessoren stand offenbar nicht auf Osianders Seite.
Dieser wandte sich erst am 31. August an das Ministerium, Gumprechts Druckschrift beifügend. »Untertänigst« stellte er »dem weisen Ermessen« der Regierung anheim, was sie gegen die Kränkung seiner Ehre unternehme, war aber mit der Frage behilflich, ob sie Gumprechts Entbindungs-Klinikum genehmigen wolle, und lieferte gleich eine Begründung für ein Verbot mit: Der Privatdozent habe »seine Geschicklichkeit im Entbinden« noch nicht bewiesen.[100]
Obwohl die vorgeschlagene Maßnahme mit dem angezeigten Delikt, der Beleidigung, in keinem Zusammenhang stand, reagierte das Ministerium unverzüglich in diesem Sinne. Es erließ am 1. September eine scheinbar allgemeine Verfügung, dass ab sofort ambulante klinische Lehrveranstaltungen genehmigungspflichtig seien. Am folgenden Tag beauftragte es das Universitätsgericht, dem alle Angehörigen der Hochschule unterstanden, Gumprecht vorzuladen, ihn zur Ablieferung aller verbleibenden Exemplare der beleidigenden Schrift zu verpflichten, für den Fall der weiteren Verbreitung eine Strafe von 100 Talern anzudrohen und ihm mitzuteilen, dass sein Entbindungs-Klinikum aufgrund des neuen Erlasses verboten sei.[101]
Professor Osiander erhielt eine Kopie dieses Schreibens, damit er sah, dass seine Ehre in der Universitätsöffentlichkeit wiederhergestellt war. Doch ganz ungeschoren kam er nicht davon. Offenbar hatte das Ministerium weitere Informationsquellen – vermutlich infolge der ›Animositäten‹ innerhalb der medizinischen Fakultät, die Gumprecht nutzte, um Bundesgenossen zu suchen.[102] So richtete das Ministerium am 2. September eine Abmahnung an Osiander: Seine Anspielungen auf Gumprechts Religion in der Rezension habe man »sehr gemissbilligt« und erwarte, dass er sich in Zukunft »einer anständigen und gesitteten Schreibart befleißigen« werde. Auch erhielt er den »wohlmeintlichen Rat«, alles zu »vermeiden, was so ausgelegt werden könnte«, als wolle er »zu der Hörung eines Privatissimi anreizen«. Anders als bei den Maßnahmen gegen Gumprecht erhielten die offiziellen Universitätsgremien von dieser Abmahnung keine Kenntnis. Nur an Heyne ging eine Kopie; doch dieser stand dem Professor nahe.[103] Wie in früheren Fällen schritt die Regierung mit abgestuften Maßnahmen gegen beide Beteiligten ein, wenn die – an sich durchaus erwünschte – Konkurrenz zwischen den Hochschullehrern in öffentliche Verunglimpfung überging und damit Ruf und Anziehungskraft der Universität in Gefahr gerieten.[104]
Das Verfahren gegen Gumprecht ging unaufhaltsam voran. Nach der Vernehmung durch das Universitätsgericht verhängte das Ministerium eine Geldstrafe von 100 Talern für die Veröffentlichung ohne Genehmigung. Die Bitte, das Entbindungsklinikum durchführen zu dürfen, wurde abgelehnt, obwohl es – wie Gumprecht vortrug – vom Dekan genehmigt war, er schon Kosten dafür aufgewendet, mehrere Teilnehmer sich angemeldet hatten und sein »Fortkommen« in Göttingen durch das Verbot »untergraben« wurde.[105]
Osiander konnte mit den Maßnahmen der Obrigkeit gegen den jungen Konkurrenten vollauf zufrieden sein; die an ihn gerichtete Ermahnung wollte er trotzdem nicht stillschweigend hinnehmen. Am 16. September 1801 sandte er zu seiner »Rechtfertigung« eine 18-seitige Epistel an das Ministerium. Detailliert legte er seine Sicht des Konflikts dar, von den Anfängen bis zur Gegenwart. Die einst enge Lehrer-Schüler-Beziehung stellte er eingangs in folgendes Licht: »Der Dr. Gumprecht hat sich, als er im Jahr 1793 bei mir Entbindungskunst hörte, auf eine seiner Nation eigene und bekannte Weise bei mir einzuschmeicheln gewusst […].« Als Gumprecht dann im Vorjahr Osianders großzügige Unterstützung mit dem »höchst beleidigenden und hämischen Programm« vergalt, habe er mit der Rezension reagiert. Mit der Verletzung der Loyalitätspflicht durch den ehemaligen Schüler rechtfertigte der Professor, dass er diesen öffentlich mit krasser persönlicher Polemik und üblen antijüdischen Stereotypen überzog. Hatte er früher den Studenten und jungen Doktor ohne Ansehung der Religion gefördert, so stellte sich dieser nach Osianders Meinung durch seinen ›Verrat‹ selbst außerhalb der Gemeinschaft der Aufgeklärten und Gebildeten, und der beleidigte Lehrer fühlte sich berechtigt, ihn wieder unter die »üble Meinung von seiner Nation« zu subsumieren. Zwar beherzigte der Professor die Abmahnung insoweit, dass er in seinen Publikationen ›Anspielungen‹ auf Gumprechts Religion unterließ; doch in seinem Schreiben an die Regierung wiederholte er die negativen Stereotype, die er in der Rezension vorgebracht hatte. Aufgrund der Nicht-Verlängerung der Schutzbriefe wusste er, dass die hannoveraner Obrigkeit keineswegs der Ansicht zuneigte, die Juden verdienten gleiche Rechte und gleiche Achtung wie andere Bürger und Untertanen. Tatsächlich erhielt der Professor umgehend die amtliche Antwort, dass seine Stellungnahme »wohlgefällig« aufgenommen wurde.[106]
Allerdings musste Osiander Ende Oktober zur Kenntnis nehmen, dass Gumprechts geplantes Entbindungs-Klinikum nicht das einzige blieb, gegen das der Erlass vom 1. September 1801 angewendet wurde: Die Regierung teilte ihm mit, sie habe beschlossen, die allgemeinmedizinische Poliklinik »aufzuheben«; zu deren Direktor war Osiander gleich bei der Berufung nach Göttingen ernannt worden. Immerhin erreichte der Professor, dass er dieses sog. »Königliche Clinicum« noch bis Ostern 1802 weiterführen durfte. So wahrte er das Gesicht, und es entstand nicht der Eindruck, als werde seine poliklinische Veranstaltung in gleicher Weise und zum gleichen Zeitpunkt von der Obrigkeit beendet wie die von Gumprecht geplante.[107]
Trotz – oder vielleicht wegen? – der scharfen Auseinandersetzung mit Professor Osiander wuchs Gumprechts Erfolg als Hochschullehrer. In den ersten Semestern hatten nur seine öffentlichen Gratisvorlesungen Anklang gefunden; die angekündigten ›privaten‹ Veranstaltungen, für die die Studenten bezahlen mussten und die in der Regel den größten Teil der Lehre ausmachten, kamen nicht zustande. Seit dem Wintersemester 1801/02 besserte sich die Situation merklich. Dazu mag beigetragen haben, dass Gumprecht sein Kolleg nicht mehr auf dieselben Stunden legte wie Osiander. Nicht auszuschließen ist, dass dem Privatdozenten das öffentliche Beziehen einer Gegenposition zu dem Professor vermehrten Zuspruch eintrug. Jedenfalls konnte er im Winter 1801/02 für seine gebührenpflichtigen Lehrveranstaltungen 23 Studenten verzeichnen, ebenso viele im folgenden Sommer, davon sieben zum zweiten Mal. Auch über die Geburtshilfe hinaus strebte er ein eigenes Profil an. So kündigte er im Wintersemester 1801/02 eine unentgeltliche Vorlesung »über die Geschichte des Brownischen Systems« an und griff damit ein Thema auf, das damals Furore machte, von den meisten Göttinger Medizinprofessoren jedoch mit Ablehnung und Skepsis betrachtet wurde: den Versuch des Schotten John Brown, durch ein einheitliches, spekulativ begründetes System den bisher vorherrschenden Empirismus in der Medizin zu ersetzen. Im Winter 1803/04 griff er dieses Thema wieder auf. In anderen Semestern las er gratis über »die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern«, seit Christoph Wilhelm Hufelands Buch (1796) ein populäres Thema, oder über die kontroverse »Schädellehre« Franz Joseph Galls, die den verschiedenen geistigen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften einen bestimmten Ort im Gehirn zuwies. Auch sonst zeigte Gumprecht sich als moderner Vertreter seiner Wissenschaft. Als erster Arzt in Göttingen, so sagte er stolz, machte er »Versuche mit dem bekannten Galvanismus«, also Experimente mit Elektrizität an tierischen oder menschlichen Körpern. Seine Praxis als Geburtshelfer und Arzt nahm einen gewissen Aufschwung; jedenfalls berichtete er im Juli 1802 der Regierung, dass er »seit mehr als einem Jahre« nicht nur zahlreiche allgemeinmedizinische »Curen«, sondern auch in jeder Woche »wenigstens eine Entbindung zu verrichten gehabt habe«. Zum Erfolg der Privatpraxis wird beigetragen haben, dass Gumprecht in seiner Heimatstadt sozial gut eingebunden war. So gehörte er dem 1798 gegründeten »Civilclub« an, einem der Geselligkeit und Lektüre gewidmeten Verein der gebildeten und besitzenden Bürger. Zeitweilig war Gumprecht dort »als Clubdichter angestellt« und verfertigte zu besonderen Anlässen Gedichte, die allerdings, wenn sie zu freimütige Scherze enthielten, auch zu Streit führen konnten.[108]
Auf der anderen Seite hatte sich Professor Osiander in der Auseinandersetzung mit Gumprecht das Monopol für die klinische Ausbildung von Geburtshelfern an der Universität Göttingen gesichert. Unterstützt von dem einflussreichen Heyne, konnte er gegenüber der Regierung die Tatsache geschickt ausnutzen, dass Gumprecht sich zu dem öffentlichen Angriff auf ihn und zur Missachtung der Zensurvorschriften provozieren ließ. Wie sehr Osiander dieses Monopol zu schätzen wusste, zeigt der Schlussbericht über das ›Königliche Clinicum‹, den er im Frühjahr 1802 an die Regierung richtete. Dass die Professoren um Hörer konkurrierten, wie für die Göttinger Universität seit ihrer Gründung vorgesehen, sei an sich sinnvoll; nur bei den praktischen Anstalten insbesondere in der Medizin habe sich dieses Prinzip nicht bewährt. Denn hier führe es zu einem unerträglichen Kleinkrieg um Studenten, Patienten, Ansehen und indirekt um einträgliche Privatpraxen. Deshalb sollte in jedem Teilgebiet der ›Arzneiwissenschaft‹ – Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe – jeweils nur eine einzige ›praktische Anstalt‹ bestehen, bei der die Poliklinik mit dem betreffenden Hospital verbunden wäre und unter der Leitung desselben Professors stände. Das habe auch den Vorteil, dass die Studenten nicht durch die unterschiedlichen Grundsätze verschiedener Lehrer verwirrt würden; andere Meinungen sollten sie erst später kennen lernen. Doch die Regierung ließ weiterhin neue medizinisch-chirurgische Clinica zu; ein Monopol der ›praktischen Anstalten‹ gab es in Göttingen nur für die Geburtshilfe.[109]
Diese Errungenschaft zu verteidigen und auszubauen, war Osiander fest entschlossen. So wandte er sich am 3. Juni 1802 erneut an die Regierung und meldete, Dr. Gumprecht habe im Februar eine für die übrigen Geburtshelfer ehrenrührige, um Gebärerinnen werbende Notiz in den ›Göttinger Anzeigen‹ veröffentlicht. Außerdem behauptete der Professor, wenn auch ohne konkreten Beleg, der Privatdozent habe trotz des Verbots seines Klinikums »einige Mal[e] zu armen Gebärenden Studierende mitgenommen und durch diese sie entbinden lassen«. Kürzlich habe er zu diesem Zweck sogar versucht, zwei Schwangere anzuwerben, obwohl sie sich beim Entbindungshospital angemeldet und als Auswärtige nur dadurch das Recht erlangt hatten, sich bis zur Geburt in der Stadt aufzuhalten. Diese Vorfälle schilderte Osiander der Regierung detailliert; sein Hauptziel war jetzt, Gumprecht als Konkurrenten um Patientinnen auszuschalten. Denn für bedürftige Schwangere war dessen Angebot interessant als Alternative zum Geburtshospital und dessen strenger Disziplin; sie verstanden, die Vor- und Nachteile beider abzuwägen. Auch die eine oder andere Göttinger Hebamme arbeitete mit Gumprecht zusammen. Die Regierung reagierte umgehend auf Osianders Klage, ließ dem Privatdozenten durch das Universitätsgericht 20 Taler als Geldstrafe für das angeblich beleidigende Zeitungsinserat auferlegen und die Verweisung von der Universität ankündigen, wenn er eine weitere Provokation begehe oder Studenten zu Gebärenden mitnehme.[110]
In dieser bedrohlichen Situation suchte Gumprecht juristischen Rat und sandte am 1. Juli eine Verteidigungsschrift von 28 Seiten nach Hannover, um seine Sicht auf den Konflikt darzulegen. Gegen den Vorwurf mangelnder Qualifikation, mit dem das Klinikumsverbot begründet wurde, wies er auf seine Ausbildung und Erfahrung hin und legte die »äußerst günstigen Zeugnisse« vor, die ihm sieben Göttinger Medizinprofessoren – besonders auch Osiander – zum Abschluss des Studiums erteilt hatten. Die Regierung blieb bei ihren Anordnungen, und, nachdem das Gericht Ende August Zwangsmaßnahmen androhte, musste er die Geldstrafe bezahlen.[111]
Danach scheint für einige Monate angespannte Ruhe in dem Konflikt geherrscht zu haben. Doch im Dezember 1802 verbreitete sich unter Gumprechts Studenten das Gerücht, dieser solle nun definitiv von der Universität entfernt werden, und 21 Hörer richteten eine Petition zugunsten des Dozenten an die Regierung. Sie betonten das in Göttingen seit jeher geltende Prinzip vom »Nutzen der Konkurrenz mehrerer Lehrer in demselben Fach«: Es befeuere die Lehrenden, »ihren Zuhörern nützlich zu werden«, gebe den Studierenden mehr Auswahl und sei in einem Fach wie der Geburtshilfe, wo es auf praktische Übung ankomme, besonders wichtig. Angesichts »der großen Anzahl von Zuhörern« könne Professor Osiander beim besten Willen nicht ausreichend und nicht allen gleichmäßig Gelegenheit dazu geben; also war man zu den teuren Privatissima »genötiget«. Da Gumprecht sich durch »lichtvollen vortrefflichen Vortrag« und »Bereitwilligkeit, auch außer den Stunden seinen Zuhörern allen möglichen Unterricht und Rat zu erteilen«, auszeichnete, baten die Studenten, »unseren geliebten, uns so nützlichen und unentbehrlichen Lehrer in unserer Mitte zu lassen«; mutig fügten sie sogar den Wunsch hinzu, das Ministerium möge ihm wieder erlauben, »uns zu den Kreißenden in seiner Privatpraxi mitzunehmen«. Wiederholt beteuerten die Unterzeichner, dass ihr Lob für den Privatdozenten keineswegs den Professor Osiander herabsetze. Auch betonten sie, dass Gumprecht nichts von der Petition wisse.[112]
Wenn Osiander als ›Anbieter‹ die Vorzüge des Monopols schätzte, so verteidigten die Studenten als ›Nachfrager‹ den Nutzen der Konkurrenz. Die Regierung aber nahm die Bittschrift als Anzeichen, dass Gumprecht gegen das Verbot seines Klinikums verstoßen habe, und wies die Universität an, ihn, wie angedroht, »sofort von dort zu entfernen«, falls die »Übertretung unseres Verbots zu einiger Gewissheit gebracht werden« könne. Drei Monate lang ging das Gericht zwei Verdachtsfällen gründlich nach, fand aber keine eindeutigen Beweise für einen Verstoß. So stimmte die Regierung im April 1803 zu, »diese Sache auf sich beruhen zu lassen«, jedoch unter Wiederholung der Verweis-Androhung im Falle eines abermaligen »erheblichen Verdachts«.[113]
Danach gibt es keine Spuren mehr von dem Konflikt zwischen den beiden Göttinger Hochschullehrern der Geburtshilfe. Gumprecht publizierte gelegentlich Aufsätze in der Zeitschrift »Lucina« des Würzburger Professors Elias von Siebold (1775–1828), der zeitweilig bei Osiander studiert, ihn dann aber wegen seines häufigen Zangengebrauchs kritisiert hatte.[114] Die Verbote der hannoveraner Regierung scheint Gumprecht respektiert und dem Professor keinen Anlass zu Interventionen mehr geboten zu haben. Trotzdem ist seine Karriere als Dozent und Praktiker in Göttingen gescheitert. Die Gründe dafür haben nur mittelbar mit diesem Streit zu tun. Die Kolleggelder von zwei Dutzend Studenten pro Semester, die Honorare für ein bis zwei Entbindungen pro Woche und einige allgemeinmedizinische Kuren reichten nicht aus, Gumprecht einen standesgemäßen Lebensunterhalt zu sichern; ein Gehalt stand dem Privatdozenten nicht zu. Ob der stadtbekannte Zwist mit Osiander seiner Privatpraxis geschadet hat, lässt sich nicht ermitteln. Gewiss hat das Verbot klinischen Unterrichts die Entfaltung seiner universitären Lehre behindert. Jedenfalls sah sich Gumprecht genötigt, zunehmend Schulden zu machen, und spätestens im Sommer 1803 sprach sich in Göttingen herum, dass er von seinen Gläubigern hart bedrängt wurde.
Schon im September 1801 hatte ihn Franz August Heinemann, ein kürzlich getaufter Jude aus Bovenden, auf Rückzahlung von etwa 120 Talern verklagt, die er seit 1799 geliehen hatte. Vergeblich wandte Gumprechts Anwalt ein, dass dieser noch unter »väterlicher Gewalt« stehe, da er noch keinen ausreichenden »eigenen Erwerb« habe, sondern sein Vater für einen großen Teil seines Unterhalts aufkomme; daher habe er keine rechtsverbindlichen Schulden machen können. Gumprecht musste einen gerichtlichen Vergleich akzeptieren, in dem er sich zur Rückzahlung in Raten verpflichtete.[115] Im Sommer 1803 geriet er in Rückstand. Zugleich wurde bekannt, dass auch andere Gläubiger drängten, darunter ein Kopenhagener Kaufmann und der Hauswirt wegen seit Jahresanfang rückständiger Miete. Außerdem klagte ein Göttinger Buchhändler, bei dem der Privatdozent seit dem Jahre 1800 Bücher und Zeitschriften im Gesamtwert von fast 260 Talern bezogen, bis Januar 1803 mehr oder weniger regelmäßig Teilbeträge beglichen, danach aber die Zahlungen eingestellt hatte, so dass er noch 150 Taler schuldig sei. Mit vielem Schriftwechsel ging das Verfahren seinen langsamen Gang. Im April 1804 gingen weitere Schuldklagen ein. Da Gumprecht offensichtlich nicht zahlungsfähig war, wandte sich der ständige Beisitzer des Universitätsgerichts, Professor Christoph Meiners, diskret an den Vater, Jacob Moses Gumprecht in Hannover, den er vermutlich aus dessen Göttinger Zeit – vor der Nicht-Verlängerung des Schutzbriefs 1796 – persönlich kannte. Nach dessen hinhaltender Antwort stellte ihm der Vizesyndicus der Universität am 31. Mai 1804 den Ernst der Lage seines Sohnes vor Augen: »Im Fall, Sie ihn nicht noch diesmal aus der Verlegenheit setzen«, müsse man auf Konkurs und Versiegelung des Besitzes erkennen – »wodurch denn das Glück Ihres H[e]r[r]n Sohn[s] sehr wahrscheinlich für immer zernichtet werden möchte. […] Sie haben das Urteil Ihres H[e]r[r]n Sohns jetzt in der Hand. Sind Ihnen einige hundert Taler lieber, so scheint derselbe verloren zu sein.« Der Vater half noch einmal und erklärte sich bereit, Heinemanns Forderung als die drängendste in Raten zu begleichen; »auf ein Mehreres aber kann ich mich nicht einlassen.« Dabei blieb es; vergeblich appellierte der Vizesyndicus an den »berühmten Handelsmann« in Hannover, der dort inzwischen ein Haus gekauft hatte und als Vorsteher der jüdischen Gemeinde amtierte: »Das väterliche Herz, das doch am Ende das Glück der Kinder als das höchste Vergnügen kennet, wird sich noch erweichen lassen und helfen, wo dessen Hülfe heilsam und notwendig ist.«[116]
Einige Monate ließen sich die Gläubiger noch hinhalten. Doch im Februar 1805 wurde der Konkurs eröffnet: Das Gericht ließ Gumprechts Besitz in seiner Wohnung versiegeln und forderte durch Zeitungsinserat sowie Anschläge in Göttingen und benachbarten Städten alle seine Gläubiger auf, ihre Forderungen bis zum Mai anzumelden. Bei der Versiegelung wurden ihm fünf Taler Bargeld »zum notdürftigen Unterhalt gelassen«, außerdem etwas Kleidung, wenige Gebrauchsgegenstände und das, was »zur Fortsetzung des Unterrichts und der Praxis wie auch sonst unentbehrlich« schien: 23 Bücher, unter denen als erstes »Osianders Entbindungskunst«, das zweibändige Lehrbuch von 1802, aufgeführt wurde, daneben geburtshilfliche Werke von Matthias Saxtorph, Jean Louis Baudelocque (1745–1810), Georg Wilhelm Stein (1757–1803) und andere medizinische Titel. Drei fachfremde Bücher durfte er behalten: Kants »Anthropologie«, den soeben erschienenen »Wilhelm Tell« und eine »Enzyklopädie der Leibesübungen«. Schließlich blieben ihm die wichtigsten Instrumente und Unterrichtsmittel: zwei eigene und zwei geliehene Geburtszangen, ein Hebel, »ein Kind in Spiritus«, zwei weibliche Becken samt einem »Kind zum Phantom«. All seine übrige Habe, insbesondere die stattliche Bibliothek, wurde in zwei Zimmern seiner Mietwohnung versiegelt. Im Mai 1805 stellte das Gericht den Schuldenstand fest. Gemeldet hatten sich 14 Gläubiger, darunter zwei Kopenhagener Kaufleute, drei Buchhändler, zwei Apotheker, ein Schneidermeister, der Hauswirt und zwei Schutzjuden. Die höchste Einzelforderung hatte mit Abstand Ruben Meyer. Für den Mittagstisch stellte Gumprechts Onkel nun seit dessen Rückkehr nach Göttingen im Juni 1799 monatlich sechs Taler, insgesamt 378 Taler in Rechnung, dazu ein Darlehen von 240 Talern und etliche Waren, alles in allem 675 Taler. Alle Kreditoren zusammen forderten mehr als 1 400 Taler. Anfang Juni 1805 kündigte Gumprechts Anwalt einen außergerichtlichen Vergleich an. Die Kreditoren warteten, wohl kaum aus Hoffnung, eher aus Einsicht in das krasse Missverhältnis zwischen Passiva und Aktiva.[117]
Anfang März 1806 begrub Joseph Jacob Gumprecht die letzte Hoffnung auf ein Fortkommen in Göttingen; er verließ »die hiesige Universität und Stadt […], ohne Nachricht zu erteilen«. Schon im Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester, das am 22. März in den »Göttingischen Gelehrten Anzeigen« erschien, fehlte sein Name.[118] Sein Hauswirt wollte die versiegelten Räume anderweitig vermieten; so nahm das Verfahren seinen Lauf. Vier Tage lang wurde ein detailliertes Inventar von Gumprechts Besitz erstellt; 25 der 29 Seiten nahm seine Bibliothek in Anspruch, etwa 400 Titel, ganz überwiegend medizinischer Art, meist in deutscher, einige in lateinischer und französischer Sprache. Ein paar Möbel und Kleidungsstücke konnten gleich Ende März bei Gelegenheit einer Nachlass-Auktion mit versteigert werden. Von den Büchern und Instrumenten wurde ein Katalog gedruckt; dann kamen auch sie zur Versteigerung.[119] Im Juli 1806 zog das Gericht Bilanz. Die Auktion der Bibliothek brachte einen Brutto-Erlös von 55 Talern, die der übrigen Gegenstände 4 Taler; dazu kamen 10 Taler in bar, die schon bei der Versiegelung sichergestellt waren. Nach Abzug der Kosten und Gebühren blieben Aktiva von 16 Taler 4 Groschen und 4 Pfennig. Die zusammengerufenen Gläubiger erklärten, »dass itzt gegen den gemeinen Schuldner weiter nichts vorgenommen werden solle«, und waren einverstanden, dass »der Rest der Masse« dem Hauswirt als Abschlag auf die Miete ausbezahlt werde. So geschah es.
Friedrich Benjamin Osiander lehrte und förderte in aufgeklärter Weise die Studenten, die für sein Fach ein tieferes Interesse zeigten, unabhängig von ihrer Herkunft und Religion. Er bildete eine Reihe jüdischer Mediziner aus, auch nach dem Konflikt mit Gumprecht.[120] Doch wenn die Absolventen nicht seinen rigorosen Erwartungen an die Verhaltensweisen eines loyalen Schülers entsprachen, fühlte er sich nicht mehr an die Gebote einer »anständigen Schreibart« gebunden. Fand er statt eines ergebenen Klienten gar einen Konkurrenten, der mit einem alternativen Ansatz um Studenten und Patientinnen warb – wie Gumprecht, der sich von ihm lossagte, bevor er über genügend eigenes soziales Kapital verfügte,[121] so trug Osiander kein Bedenken, seine Position und seine Verbindungen zu nutzen, um die Obrigkeit zur Repression gegen den Wettbewerber zu bewegen. Bei all dem waren die normativen Vorstellungen, die er als Maßstab zugrunde legte, untrennbar mit seinen persönlichen Überzeugungen und wissenschaftlichen Präferenzen verbunden: Eine Alternative zu seinem interventionistisch-operativen Ansatz in der Geburtshilfe ließ er nicht gelten. Vertrat ein ehemaliger Schüler gegenteilige Grundsätze, so war er für Osiander ein Verräter. Am Rand des Entbindungsprotokolls vom 14.8.1800 fügte er bei dem Hinweis auf Gumprechts Anwesenheit später hinzu: »Judaeus Ischarioth« – jüdischer Ischariot. Wie der Jünger Judas Ischariot seinen Herrn Jesus verriet, so tat es Gumprecht mit seinem akademischen Lehrer![122]
Er war nicht der einzige, der dieses Umschlagen von liberal-aufgeklärter Förderung in krass negatives Stereotyp erlebte. 1811/12 unterrichtete Osiander – wie auch andere Göttinger Professoren – fast ein Jahr lang Charlotte Heiland, genannt von Siebold (1788–1859), als einzige Studentin, im Kolleg anscheinend gemeinsam mit den männlichen Medizinern, außerdem privatissime und praktisch, Entbindungen im Hospital betreuend, mit und ohne Zange. Dass sie als Medizinstudentin, nicht Hebammenschülerin, zugelassen wurde, verdankte sie ohne Frage der Tatsache, dass sie durch ihren Stiefvater der berühmten Ärztefamilie der Siebolds angehörte. Professor Osiander war voll des Lobes über ihre Leistungen und stellte sie den männlichen Studenten als Muster vor. 1817 wurde sie von der Universität Gießen promoviert, ihrem Wunsch entsprechend, in einem regulären Prüfungsverfahren. Danach schickte sie ihre Dissertation samt den Thesen, die sie in der Disputation verteidigt hatte, ihrem einstigen Lehrer in Göttingen. Nach aufmerksamer Lektüre fand der viele Aussagen seiner Lehre widersprechend; nicht zuletzt wünschte sie, den Gebrauch der Geburtszange einzuschränken. Als abschließendes Urteil notierte er auf dem gedruckten Exemplar: Diese Schrift meiner ehemaligen Schülerin gibt »einen klaren Beweis ab, wie weit sie schon von m[einen] Lehrsätzen abgewichen ist; und ich kann daher nicht darauf stolz sein, sie gebildet zu haben. Vielmehr gibt sie mir dadurch das Zeugnis, dass ich Recht hatte, mich gegen den ihr zu erteilenden Unterricht lange zu sträuben; denn ich glaubte nie, dass beim Unterricht charakterloser Weiber und Mädchen viel Erfreuliches herauskomme. Sie sind wie ein Rohr, das der Wind hin und her wehet, und vollends zur Autorschaft ganz verdorben. Das Schwangerwerden steht ihnen auf jeden Fall besser an, als über Schwangerschaften zu schreiben.« Er widmete ihr sogar einen lateinischen Hexameter: »Non libris, pueris gignendis apta puella est«, nicht Bücher, sondern Kinder hervorzubringen taugt ein Mädchen.[123] Wenn der Schüler oder die Schülerin von seiner Doktrin wesentlich abwich, sah der Professor sich in den Vorurteilen bestätigt, die er zuvor mit beachtlicher Liberalität beiseite gestellt hatte. Doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden Fällen: Die Kritik an Charlotte Heilands Thesen brachte Osiander nicht in die Öffentlichkeit, sondern schrieb sie nur in sein Exemplar der Druckschrift. Freilich hatte die Doktorin ihn auch nicht persönlich kritisiert; und sie war keine Konkurrentin, sondern wirkte im fernen Darmstadt.[124]
Arzt und Geburtshelfer in der Hansestadt: bürgerliche Gesellschaft und jüdische Reform
In einer Zeit wechselnder Besatzungen und Einquartierungen, wie sie die europäischen Kriege 1805/06 für das hannoveraner Territorium mit sich brachten,[125] konnte Joseph Jacob Gumprecht dem Konkurs in seiner Heimatstadt entfliehen. Er wandte sich nach Hamburg, wo die größte jüdische Gemeinde Deutschlands mit mehr als 6 000 Angehörigen bestand, darunter nahe Verwandte und erfolgreiche Ärzte. Dort hatte er 1798 auf der Rückreise von Kopenhagen Station gemacht und die Familie seines Vatersbruders Emanuel Gumprecht Mendel aufgesucht. Außerdem lebte ein Halbbruder seines Vaters, Moses Gumprecht (1756?–1842?) mit seiner Familie in der Hansestadt.[126] Auch dessen Sohn Isaac bzw. Ignatz Gumprecht hatte sich dort als Arzt niedergelassen.
Joseph Jacob Gumprecht praktizierte in Hamburg als Arzt und Geburtshelfer. In der Hansestadt, die etwa 130 000 Einwohner zählte,[127] waren im Jahre 1806 nicht weniger als 113 »Doctores der Medizin et Chirurgie« registriert, davon 20 zugleich als Geburtshelfer.[128] Die meisten fanden offenbar genügend Beschäftigung und Einkommen; denn auswärtigen Kollegen fiel auf, dass das »Hamburger Publikum« schon in dieser Zeit »gewohnt war, nicht allein bei abnormen, sondern auch bei normalen Geburtsfällen den Arzt zum Beistand zu wählen«. Natürlich zählten nur die wohlhabenden Stände, die einen akademisch gebildeten Mediziner bezahlen konnten, zu diesem Hamburger Publikum. Ein lokaler Sachkundiger präzisierte: »Die meisten vornehmen Frauen bedienen sich männlicher Hülfe oder gebrauchen wenigstens einen Hebarzt als Assistenten«, zusätzlich zur Hebamme.[129] Von Joseph Jacob Gumprecht wird berichtet, dass er dort »als einer der ausgezeichnetsten Ärzte u[nd] Geburtshelfer wirksam war« und außerdem »Hebammen unterrichtete«.[130]
Die Hebammenausbildung fand in Hamburg in Form einer Lehre bei einer erfahrenen Hebamme statt; dafür war ein Lehrgeld zu bezahlen. Daneben sollten die Kandidatinnen bei einem Geburtshelfer theoretischen und praktischen Unterricht nehmen. Dieser Aufgabe unterzog sich Gumprecht. Zugute kam ihm dabei die Lehrerfahrung, die er als Universitätsdozent gesammelt hatte. Über den Kernbereich des Hebammenwissens – Verlauf und Zeichen von Schwangerschaft und Geburt sowie dabei zu leistende Hilfe – hinaus legte er Wert auf ›weiche‹ Fähigkeiten: Schulung in Gesprächsführung, dem »Ausfragen« der Gebärerinnen, sowie Erziehung zu »Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit«. Wichtig war ihm, dass die Schülerinnen nicht nur auswendig gelerntes Wissen hersagen, sondern das Gelehrte praktisch anwenden konnten. Nicht zuletzt sollte die »Kunst zu fühlen« eingeübt werden, die Fähigkeit, durch äußere und innere Untersuchung die Kindslage zu bestimmen – diese »Kunst« vermisste er auch bei vielen männlichen Geburtshelfern. Die praktische Ausbildung, der wichtigste Teil des Unterrichts, sollte nach Gumprechts Vorstellung an Patientinnen unter Aufsicht eines Geburtshelfers vonstattengehen. Doch gerade in dieser Hinsicht wurde häufig über Defizite geklagt. Vermutlich hat Gumprecht seine »Lehrlinge« zu bedürftigen Gebärenden mitgenommen, die das gegen ein kleines »Geschenk« erlaubten. So hielt es ein Hamburger Kollege, und so hatte er selbst es für sein Göttinger »Klinikum« mit den Studenten geplant, freilich nur in heimlichen Ansätzen durchführen können. Zwar gab es in Hamburg ein Entbindungshaus, das jährlich etwa 100 Geburten verzeichnete, allerdings war es nur ein kümmerlich ausgestattetes »Anhängsel des Zuchthauses«. Zudem durfte es nicht für Ausbildungszwecke benutzt werden. »Nur auf verbotenem Wege«, gegen Bestechung der schlecht bezahlten Haushebamme, konnten Lehrlinge »eingeschmuggelt« werden. Auf diese Weise erhielten auch Gumprechts Schülerinnen dort Gelegenheit zur Übung. Erleichtert wurde das durch das gute Verhältnis des ärztlichen Direktors des Entbindungshauses und Armenarztes, Dr. Georg Kerner (1770–1812), zu Gumprecht. Jener erwähnte ihn dankbar in der Öffentlichkeit als einen der drei Kollegen, die ihm »in schwierigen Fällen den uneigennützigsten Beistand« leisteten; auch habe Gumprecht den Wunsch geäußert, bei der Entbindungsanstalt neben Kerner tätig zu werden. Das hätte die praktische Ausbildung seiner Hebammenschülerinnen ohne Frage erleichtert. Der Lehre diente gewiss auch die stattliche Sammlung von Instrumenten, Objekten und Büchern zur Geburtshilfe, die er nach der Flucht aus Göttingen wieder hatte aufbauen können. In Hamburg wurde Gumprecht laut Kerner »als verständiger Geburtshelfer allgemein geschätzt«. Auch ärztlichen Kollegen half er mit seiner Expertise oder seinen Instrumenten; so lieferte er einem Arzt, der wenig von Geburtshilfe verstand, einen ausgearbeiteten Fragenkatalog für die Prüfung einer Hebamme, und befreundeten Geburtshelfern wie Dr. Kerner lieh er seine Zange.[131]
In Hamburg, das keine Universität hatte, traten nicht wenige Ärzte als wissenschaftliche Autoren auf, obwohl das nach dem Urteil eines sachverständigen Zeitgenossen nicht zum Florieren einer Praxis beitrug.[132] Jüdische Mediziner spielten bei den Publikationen eine prominente Rolle.[133] Auch Gumprecht blieb, fern der Hochschule, in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit präsent, und zwar weiterhin mit einer Gegenposition zu Osiander. Gleich im Jahre 1807 startete er eine Zeitschrift, das »Hamburgische Magazin für die Geburtshülfe«. Er gab es gemeinsam mit Dr. Justus Heinrich Wigand (1769–1817) heraus, der in der Hansestadt seit 1793 eine große Praxis führte, in schwierigen Fällen wie Gumprecht dem Dr. Kerner uneigennützig beistand und sich mit einer Reihe von wissenschaftlichen Publikationen einen Namen gemacht hatte. Dabei war er auf herbe Kritik Osianders gestoßen und hatte sie öffentlich erwidert; er neigte Lukas Johann Boërs Ansichten von der ›natürlichen Geburtshilfe‹ zu.[134] Darin wie in der Opposition zu dem Göttinger Professor traf er sich mit Gumprecht. Der kam gleich in der Vorrede zu dem ersten Heft der Zeitschrift auf einige Punkte zurück, die er in seinem ersten Programm 1800 kritisiert hatte: »Erfindungssucht«, die Jagd nach immer neuen Instrumenten; »Entbindungssucht«, der Drang zu Operationen; »Orthodoxie« und »Man hat der Natur kein Gehör gegeben« – das waren die Hindernisse, die der »Vervollkommnung« der Geburtshilfe im Wege standen, jedenfalls bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gebe es beachtliche Fortschritte. Zu diesen wollten die beiden Herausgeber mit der Zeitschrift beitragen. Dabei trat Gumprecht bescheiden hinter seinem »Freund« Wigand zurück, der bereits vielfach als Autor aufgetreten sei und den Beifall der Kollegen erworben habe. Er selbst dagegen habe bisher nur kleine Stücke veröffentlicht, praktiziere aber seit zwölf Jahren als Geburtshelfer und habe das Fach sechs Jahre in Göttingen erfolgreich gelehrt – und vielleicht, fügte er, aus dem Mangel eine Tugend machend, hinzu, wäre es besser, »wenn die Geburtshelfer alle erst 12 Jahre die Geburtshülfe ausgeübt hätten, bevor sie als Schriftsteller aufgetreten wären«.[135]
Gumprecht und Wigand steuerten jeder mehrere, meist kurze Beiträge zu den ersten beiden Heften ihrer Zeitschrift bei. Oft handelte es sich um Fallgeschichten aus der eigenen Praxis. Hamburg bot, so betonten sie, für die »Empirie« viele und mannigfaltige Gelegenheiten zu interessanten Beobachtungen; zudem konnte man sich »bei einem jeden wichtigen Falle« mit Kollegen »beratschlagen«.[136] Gumprecht verfasste auch die Rezensionen, die am Ende des Heftes Platz fanden. Gleich in der ersten Ausgabe argumentierte er, dass es noch kein Kompendium gebe, »welches dasjenige für die Geburtshülfe leistet, was ein solches eigentlich leisten sollte«.[137] Im nächsten Heft buchstabierte er das in einer ausführlichen Besprechung des ersten Bandes von Osianders Grundriss aus. Manchen Kapiteln spendete er Lob: Die Beschreibung des weiblichen Beckens sei »sehr gut geraten«; auch »die Beschreibung der fünf Geburtsperioden ist gut geraten«. Doch insgesamt fiel das Urteil entschieden negativ aus. Als Leitfaden für eine Vorlesung und Lehrbuch für Studenten sei es gar zu weitschweifig, enthalte viel Überflüssiges – »es ist hart für den Käufer, solchen Quark bezahlen zu müssen« – und manch Unrichtiges, lasse oft eine logische Anordnung des Stoffes vermissen. Spott traf einige Steckenpferde des Autors wie »grundloses Räsonnement über die Erzeugung«, modische Spekulationen über elektrische Kräfte bei der Entstehung des Embryos, »Vorurteile aus dem grauen Altertume« über wahrscheinliche Erkennungszeichen des Geschlechts des Ungeborenen. Der Rezensent verschwieg nicht, dass er den Verfasser, seinen »vormaligen Lehrer«, sehr gut kannte. Nicht immer hielt er sich an die Regeln für eine gute Rezension, die er im Anschluss an Johann Christoph Greiling (1765–1840)[138] im ersten Heft aufgestellt hatte: Rezensenten sollen nicht den »Witzling« oder »Lustigmacher« spielen, sie müssen »Geisteswerke, nicht die Verfasser« kritisieren. Gumprecht aber fand, dass Osiander die »Diät seiner Mutter« während der Schwangerschaft »sehr verdächtig« mache, da doch »der Genuss des Branntweins während der Schwangerschaft« ein Mittel sei, »sich und die Leibesfrucht dumm zu machen«[139] – auf diese späte Retourkutsche wollte er nicht verzichten; zu gut erinnerte er sich an Osianders Frage, ob er mit der Zange zur Welt gekommen sei und an sich die Folgen in Form von »Dummheit und Stumpfheit des Geistes« bemerkt habe.
Weit positiver fiel Gumprechts Urteil über Hermann Josef Brünninghausens (1761–1834) 1802 publizierte Zange aus: Er benutze sie selbst seit fünf Jahren in den meisten Fällen, habe sie auch befreundeten Kollegen geliehen, die sie mit Erfolg anwendeten; überhaupt sei sie »eine der besten und zweckmäßigsten« – ein Urteil, das bei heutigen Geburtshelfern Bestand hat.[140]
Im selben Heft druckte Gumprecht große Teile seiner Programmschrift von 1801 wieder ab, insbesondere den Fall des »accouchement forcé« und die Kritik an dem ungenannten, aber auch für Nicht-Göttinger leicht identifizierbaren Osiander. Seinerzeit habe er die Abhandlung nur seinen Göttinger Freunden zukommen lassen, so umschrieb Gumprecht die konfliktgeladene Geschichte der Publikation; wegen der »Wichtigkeit des Falls« und, »weil er sich wirklich in Praxi zugetragen«, werde er nun »einem größer[e]n Publico« mitgeteilt. Zusätzliche Details zielten auf menschliche Anteilnahme: »Die Selige, welche das Opfer jener gewalttätigen Entbindung wurde, war eine der liebenswürdigsten und achtungswürdigsten Damen aus meiner Bekanntschaft.« Der schuldige Geburtshelfer aber erzählte den »Hergang« der »schrecklichen Operation« am selben Tag »mit vieler Selbstgenügsamkeit« – nicht ahnend, dass kurze Zeit später Kind und Mutter »das Zeitige mit dem Ewigen verwechselt[en]«.[141]
Wigand wies in einem Aufsatz auf Justina Siegemund und ihr 1690 zuerst veröffentlichtes Hebammenbuch hin. Zu Unrecht sei sie vielen Geburtshelfern unbekannt; er habe in ihrem Buch »so manches Wahre und Praktischbrauchbare gefunden, von dem uns die neuere Geburtshülfe wenig oder gar nichts sagt«. Zum Beweis führte er zahlreiche Passagen aus der Auflage von 1756 an.[142] Im zweiten Heft sind auch mehrere weitere Autoren mit Aufsätzen vertreten, wie die Herausgeber es von Anfang an wünschten. Der Harburger Arzt Gottfried Philipp Michaelis (1768–1811), Sohn des Göttinger Orientalisten, machte einen neuen Geburtsstuhl in Text und Bild bekannt. Sein Schwager Rudolf Wiedemann (1770–1840), Professor für Geburtshilfe in Kiel, kritisierte den Interventionismus vieler Kollegen in einer Abhandlung »Über verkehrte Hülfsleistung bei Geburten und deren schlimme Folgen«.[143] Beiträge lieferten außerdem Joseph Jacob Gumprechts kürzlich konvertierter Cousin Isaak Mendel (1780–1811), Arzt in Hamburg, und Adolf Friedrich Nolde (1764–1813), Direktor des Braunschweiger Entbindungshauses, zuvor Professor in Rostock. Nolde hatte bereits im ersten Heft »Bemerkungen über das Kindbetterinnen-Fieber« publiziert.[144] Die Zeitschrift entwickelte sich also zunehmend zu einem auch für Externe interessanten Fachorgan.[145] Doch 1810, im ersten Heft des zweiten Bandes, teilte Justus Heinrich Wigand den Lesern mit, dass sein Freund Gumprecht sich leider genötigt sah, von der Herausgabe und Redaktion des Magazins zurückzutreten. Grund sei teils »die Menge seiner praktischen Geschäfte«, teils »andere literarische Arbeiten, welche er seit kurzem begonnen«.[146] Wenn das erste auf eine florierende Praxis deutete, bleibt offen, welche – vermutlich wissenschaftlichen – Werke Gumprecht zu schreiben plante. Mit größeren Veröffentlichungen ist er nicht mehr hervorgetreten.
Innerhalb von zwei Jahren hatte Gumprecht sich in der Hamburger Ärzteschaft bestens vernetzt. Der Jurist Ferdinand Beneke (1774–1848) berichtet in seinem Tagebuch über eine gesellige Zusammenkunft von Medizinern, an der er im Dezember1808 teilnahm. Sie fand im »sehr elegant eingerichteten« Haus des Dr. Wigand statt. Erklärter Zweck des Treffens waren »Pendelversuche und and[e]re Experimente«; auch der »treffliche Naturforscher Pfaff von Kiel« war dabei. Doch »leider ging der wissenschaftliche Zweck, wie man sagt, vor die Hunde. Denn die Majorität der mitanwesenden Ärzte hatte keinen Sinn dafür, wie das bei Hamburgischen Praktikern gewöhnlich der Fall ist. Merkantilische Übertreibung der Erwerbstätigkeit wegen der kostbaren Subsistenz und vieles Essen stumpfen in der Regel den hiesigen Arzt für die höhere Wissenschaft ab.« Dass eine nicht unbeträchtliche Minderheit mit fachlichen Publikationen hervortrat, ignorierte Beneke. Bei den Juristen, so relativierte er, sei es »noch viel ärger«. Von den offenbar zahlreichen anwesenden Medizinern erwähnt Beneke sieben namentlich, darunter mehrere, zu denen Gumprecht in näherer Beziehung stand. Mit Wigand gab er das »Magazin« heraus; mit Kerner arbeitete er in der Geburtshilfe zusammen; Isaak Mendel – für Beneke »ein bescheid[e]ner Mensch« und »sehr philosophischer Kopf« – war Gumprechts Cousin; Pfaff und Chaufepié kannte er aus der Kopenhagener Zeit. Dem letzteren, der damals Benekes Frau im Wochenbett behandelte, bescheinigte dieser freilich, dass er »trotz seiner brillanten Praxis vielleicht unter allen Anwesenden die wenigste Wissenschaftlichkeit und gewiss noch weniger Geist« besitze. Dagegen stach »Dr. Gumprecht« als »gescheiter, witziger Jude« ab. Das mag zu dem »Ton« dieser Gesellschaft gepasst haben, der »aufgeweckt, obwohl ein wenig rüde« war.[147]
Etwa 1810 trat Joseph Jacob Gumprecht in den Stand der Ehe. Vermutlich fand die Hochzeit am Wohnort der Familie seiner Braut Betty Schwabe in Bremer Lehe (heute Teil von Bremerhaven) statt. Sie war dort am 26. Mai 1793 geboren,[148] also noch keine 18 Jahre alt, 20 Jahre jünger als der Bräutigam. Ihr Vater, Markus Hertz Schwabe (1766–1862), stammte aus Ovelgönne (Wesermarsch) und hatte als Kaufmann und Heereslieferant ein ansehnliches Vermögen erworben, allein »durch Fleiß und Mühe unter Gottes Segen«, ohne je etwas zu erben, wie er später in seinem Testament betonte.[149] Nachdem Lehe 1810 zunächst zum Königreich Westfalen, dann zum Kaiserreich Frankreich gekommen war, ging Schwabes Aufstieg weiter. Dazu trug bei, dass er von dem staatlichen Monopol, der Tabakregie, das ausschließliche Recht erworben hatte, Tabak zu verkaufen – für ihn und die staatlichen Finanzen ein einträgliches Geschäft, bei den Konsumenten verhasst wegen überhöhter Preise. Zeitweilig wohnte der französische Oberbefehlshaber in seinem Haus.[150] Schwabes Tochter wird also ›eine gute Partie‹ gewesen sein; Gumprecht brachte kaum ein beachtliches Vermögen, sondern sein Ansehen als promovierter Mediziner ein. Etwa 1812/13 heiratete Joseph Jacobs jüngerer Bruder, der sich Adolph Gobert (1779–1853) nannte, Bettys ältere Schwester Rosette (Rosalie) (1791–1853).[151] Betty Gumprecht, geb. Schwabe, zog nach der Hochzeit zu ihrem Mann nach Hamburg; sie mieteten eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Poolstraße, die zu den traditionellen Wohnbereichen der Hamburger Juden zählte.[152] Am 20. September 1811 brachte Betty eine Tochter zur Welt, der die Eltern den Namen Bertha gaben.[153]
Als die französische Herrschaft wankte, entstand auch in Lehe Unruhe. Am 12. März 1813 versammelte sich, wie eine örtliche Chronik später berichtete, »ein Haufen Volks«, bewaffnet »mit Flinten, Heugabeln, Knitteln etc.«, und zog vor das Haus von Gumprechts Schwiegervater, in dem die »Hauptniederlage der Tabaksregie« war. Markus Hertz Schwabe bot an, den Tabak herauszugeben, nur möge man »sein Haus schonen«. »Das Volk gebrauchte jedoch Gewalt«, schlug die Fenster und Türen ein, warf die Tabakfässer hinaus und zerschlug sie. »Jeder, der da wollte, belud sich mit Tabak«, und »selbst alte Frauen eilten den umherpolternden Schnupftabakfässern nach, um sich eine gute Prise zu holen«. Zwar wurde die französische Herrschaft in der Region noch einmal für einige Monate stabilisiert. Doch Schwabe verließ Lehe bald nach der Erstürmung seines Hauses, um nach Hamburg zu ziehen. Das örtliche Geschäft übergab er seinem Bruder und dessen Sohn.[154]
1815 wohnte Markus Hertz Schwabe dann in Hamburg in der Großen Michaelisstraße, in einem Haus mit beiden Schwiegersöhnen, Adolph Gobert und Joseph Jacob Gumprecht. 1816 war unter dieser Adresse auch die Firma M. H. Schwabe et Gobert, »engl[ische] Manufakturwaren«, verzeichnet. 1817 hatte Schwabe seinen Wohnsitz samt der gemeinsamen Firma in ein Haus am Neuen Steinweg verlegt, und die Brüder Gumprecht und Gobert waren in ein anderes Haus der Großen Michaelisstraße gezogen.[155] Während die Familie von Adolph und Rosette Gobert nach der Geburt des ersten Sohnes im März 1815 rasch wuchs[156], blieb es bei Joseph Jacob und Betty Gumprecht bei dem einen Kind.
Seit 1815 widmete Gumprecht einen nicht unerheblichen Teil seiner Energie dem Bemühen um einen freien Zusammenschluss von Hamburger Ärzten. Informelle Treffen in kleineren Zirkeln wie das von Beneke beschriebene hatte es seit längerem gegeben, doch nun sollte eine größere Vereinigung mit fester Form gebildet werden. Joseph Jacob Gumprecht gehörte zum engsten Kreis der Mediziner, die die Gründung des ärztlichen Vereins in Hamburg betrieben. In einzelnen deutschen Städten wie Mannheim (1780), Lübeck (1809) und Berlin (1810) hatten sich solche Assoziationen bereits gebildet;[157] Hamburg zählt mit zu den frühesten. Die Idee kam von dem jüdischen Arzt William Leo Wolf (1780–1850), der 1814 von Altona nach Hamburg übersiedelt war, und von dem längst etablierten und beliebten Johann Heinrich Chaufepié. Seit 1814 versammelten sich etliche Kollegen »zu geselliger und belehrender Unterhaltung« in Chaufepiés Haus, und zum Jahresbeginn 1815 richtete er an alle Hamburger Ärzte ein Schreiben, das zur Bildung eines Vereins und zu regelmäßigen Zusammenkünften einlud. Fast 50 Männer folgten dem Aufruf und setzten im Juli 1815 eine Kommission ein, die eine Vereinsgründung vorbereiten sollten. Unter den fünf Gewählten waren Chaufepié, Leo Wolf und Joseph Jacob Gumprecht. Am 2. Januar 1816 fand die Gründungsversammlung des ärztlichen Vereins mit 91 Mitgliedern statt.[158] Der erste gewählte Vorstand bestand aus den fünf Männern des Vorbereitungskomitees. Gumprecht gehörte ihm bis zum turnusgemäßen Ausscheiden Anfang 1819 an; nach Chaufepié übernahm er das Amt des Sprechers.[159]
Der Verein gab sich detaillierte »Gesetze«. Eine vorläufige Fassung hatte die Vorbereitungsgruppe ausgearbeitet; sie wurde im ersten Jahr auf mehreren Mitgliederversammlungen eingehend diskutiert, geändert und im Januar 1817 beschlossen. Zweck des Vereins waren »wissenschaftliche Unterhaltung« und der Aufbau einer Fachbibliothek. Dafür wurde ein recht hoher Beitrag erhoben und ein Lokal in einem »anständigen Privathaus« angemietet; der größere Raum diente für die Versammlungen, der kleinere als Lese- und Bibliothekszimmer. Der Plan für die »Büchersammlung« war äußerst ehrgeizig, er zielte auf Vollständigkeit im internationalen Maßstab, angemessen dem Selbstverständnis einer weltoffenen Handelsstadt: Der Vorstand wurde »verpflichtet, alle und jede im Laufe des Jahrs erscheinenden, medizinischen, chirurgischen und pharmazeutischen Bücher für das Lesezimmer anzuschaffen, welche in lateinischer, deutscher, englischer, französischer, italienischer, dänischer, schwedischer, holländischer, spanischer und portugiesischer Sprache gedruckt und durch den hiesigen Buchhandel aufzutreiben sind« – mit Ausnahme solcher Schriften, die nichts Neues brachten. Wichtige Entscheidungen einschließlich der Aufnahme neuer Mitglieder, traf die »Generalversammlung« in geheimer Abstimmung. Mit dieser ausgearbeiteten Organisationsstruktur sticht der Hamburger Verein aus den frühen Gründungen hervor; üblich wurden Statuten, feste Mitgliedsbeiträge, gewählte Vorstände und regelmäßige Mitgliederversammlungen erst bei den ärztlichen Vereinen der zweiten Jahrhunderthälfte.[160]
Seinen Mitgliedern versprach der Verein, laut einem von Gumprecht 1817 verfassten Überblicksartikel, »nützliche wissenschaftliche Unterhaltung«, »ruhige freundschaftliche Beratung in schwierigen Fällen«, »Mitteilung neuer Erfahrungen und seltener Beobachtungen« sowie Erweiterung der Kenntnisse durch die Bibliothek. Besonders, wenn »der angehende oder wenig beschäftigte Arzt zu literarischen Arbeiten geneigt« sei, bringe ihm der Zugang zu der in- und ausländischen Literatur größten Nutzen. Vorsichtig drückte Gumprecht die Hoffnung aus, dass durch die häufigen Begegnungen »die kollegialischen Verhältnisse […] gewinnen und eine gewisse Scheu vor jedem widerrechtlichen oder indelikaten Betragen gegeneinander […] eher denkbar« sei. Zu verbreitet war die Erfahrung, dass – wie es später ein Verbandsgründer ausdrückte – die Ärzte wie Spinnen, »ein jeder in seinem Netze«, lebten und gegeneinander »die sprichwörtliche Feindschaft dieser Insekten« manifestierten. Freilich räumten spätere Jubiläumsschriften ein, dass trotz einer Verbesserung des »kollegialischen Verhältnisses unter den Ärzten« auch im Verein »Reibereien«, »kollegialische Zerwürfnisse« und »Kollisionen« nicht ausblieben.[161]
Dem »Publikum« nutze der Verein, so Gumprecht, durch verschiedene Tätigkeiten der Gesundheitsvorsorge, vor allem durch seine »Impfanstalt«: Von 1816 an impften junge Ärzte im Auftrag des Vereins kostenlos die Kuhpocken; diese »Vaccination« erreichte im Laufe der Jahrzehnte viele tausend Menschen, bis die Aufgabe von der öffentlichen Hand übernommen wurde. Grundsätzlich erwartete Gumprecht, dass in Hamburg, wo »die Gesetze der medizinischen Polizei monarchischer Staaten […] zu sehr mit der bürgerlichen Verfassung und Freiheit kollidieren« würden, der Verein ein »vorzügliches Substitut eines gesetzlichen Zwanges« schaffen könne, indem er allmählich Vorstellungen über das »Betragen des gesamten medizinischen Personales« verbreite und durchsetze.[162]
Im Januar 1817 fasste der Verein den Plan einer weiteren Einrichtung zum Nutzen des Publikums, diesmal des besser gestellten Teils: Frauen, die einen Dienst als Amme antreten wollten, sollten auf ihren Gesundheitszustand und ihre Tauglichkeit untersucht werden. Gumprecht übernahm es, eine solche »Ammenanstalt« zu organisieren. Doch musste er im Juli mitteilen, dass er das Vorhaben aufzuschieben genötigt war; eine »Badereise« zur Wiederherstellung seiner Gesundheit sei unvermeidlich. Gleich danach, noch im laufenden Jahr, solle das Projekt verwirklicht werden. Allerdings stellte Gumprecht dann fest, dass »das Unternehmen zu viele Kosten verursachen würde«. Der Verein gab es auf, aber nach wenigen Jahren stellte die öffentliche Hand einen Arzt für diese Aufgabe an.[163]
Die wissenschaftliche Tätigkeit und Fortbildung, die der Verein in der Satzung zu seinem Hauptzweck erklärt hatte, fand in den ersten Jahrzehnten nicht so viel Anklang wie erwartet. Die entsprechenden Versammlungen waren spärlich besucht, und es kostete Mühe, Mitglieder als Referenten zu gewinnen. Joseph Jacob Gumprecht aber hielt mehrere Vorträge, meist zu geburtshilflichen Themen, u. a. über das Unterbinden der Nabelschnur, das Hebammenwesen und allgemein über Mängel dieses Faches und seiner Ausübung.[164]
1817 übernahm Gumprecht eine größere Aufgabe, gemeinsam mit dem jüngeren Georg Hartog Gerson (1788–1844), der aus einer alten jüdischen Ärztefamilie stammte:[165] Die beiden gaben eine Zeitschrift, »Hamburgisches Magazin für die ausländische Literatur der gesamten Heilkunde«, heraus; sie sollte aufgrund der Anschaffungen der Vereinsbibliothek die Kollegen im ganzen deutschen Sprachraum über wichtige Neuerscheinungen aus dem Ausland unterrichten. Im Juli 1817 erschien das erste Heft in einem Berliner Verlag. Im ersten Aufsatz stellte Gumprecht den Hamburger Verein und das Programm der Zeitschrift vor.[166]
Im Unterschied zu den meisten frühen Zeitschriften achtete man von vornherein auf strenge Periodizität: Monatlich kam ein Heft von annähernd 100 Seiten heraus, sechs Stücke bildeten einen Band. Jedes Heft hatte drei Teile: Längere Referate zu selbständigen Schriften, kürzere Auszüge aus Zeitschriften und knappe Notizen von fachlichem Interesse. Alle Vierteljahr wurde eine bibliographische Liste der Neuerscheinungen des abgelaufenen Quartals hinzugefügt, geordnet nach Fachgebieten; dabei waren »Hauptwerke« besonders markiert. Mehr oder weniger periodische »Berichte« über die Fachliteratur – etwa der Geburtshilfe – waren im deutschen Sprachraum bereits seit 1790 erschienen. Neu war bei dem »Magazin«, dass es den Focus ausschließlich auf die ausländische Literatur richtete, entsprechend der weltoffenen Haltung des Hamburger Ärztlichen Vereins und seiner Bibliothek. Von Anfang an wurden Werke in englischer, französischer, niederländischer, spanischer, italienischer und lateinischer Sprache angezeigt; englische und französische Titel überwogen. Auch Veröffentlichungen über die Medizin in kolonialen Kontexten fanden wiederholt Interesse. Mehr als das »Magazin«, das Gumprecht und Wigand 1807–1808 herausgegeben hatten, löste sich das neue Periodikum von der Tradition des Herausgeber- oder »Professorenjournals«, in dem der Herausgeber, oft ein Professor, hauptsächlich eigene Texte publizierte. Schon das Titelblatt annoncierte, dass Gumprecht und Gerson die Zeitschrift »in Verbindung mit mehreren Mitgliedern des ärztlichen Vereins in Hamburg« herausgaben. Die Beiträge sind durchweg nicht mit dem Namen des Autors gekennzeichnet, großenteils aber mit Namenskürzeln, die meist nur für Insider des Hamburger Vereins zu entschlüsseln waren. Einige steuerten zahlreiche Referate bei, etwa »v. E.«, laut Mitgliederliste vermutlich Eliezar Salomon v. Embden, der aus Emmerich stammte, 1800 in Frankfurt/Oder promoviert wurde, 1804–1816 in England gelebt und sich dann in Hamburg niedergelassen hatte, bevor er 1838 nach England zurückging.[167] Häufig findet sich das Kürzel »G-n«, das gewiss für den Herausgeber Gerson steht. Selten hingegen gibt es ein Zeichen, das auf den anderen Herausgeber Gumprecht deutet: »Gt.« bzw. »G« unter zwei kurzen geburtshilflichen Artikeln. Außerdem wird ihm je ein Referat zu einem Heft des Pariser »Journal de médecine, chirurgie, pharmacie« und des »London medical repository« zugeordnet.[168] Demnach scheint Gerson weit intensiver für die Zeitschrift gearbeitet zu haben. Nach Erscheinen des dritten Halbjahresbandes wurde das Magazin Ende 1818 eingestellt, bis Gerson es ab 1823 mit neuem Partner fortsetzte.
An der Bildung einer weiteren freien Assoziation hat sich Joseph Jacob Gumprecht in Hamburg aktiv beteiligt: Er war Gründungsmitglied des Neuen Israelitischen Tempelvereins von 1817. Für viele Angehörige der gebildeten jüdischen Oberschicht verloren die tradierten Formen der Religiosität im Gefolge von Aufklärung und bürgerlicher Vergesellschaftung ihre bindende Wirkung. Nicht wenige konvertierten zum Christentum. Für Berlin hat man von einer »Taufepidemie« gesprochen; die »lange Welle« der Konversionen stieg dort von den 1770er bis in die 1820er Jahre immer höher an.[169] In Hamburg, der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, lagen die Zahlen nicht so hoch wie in der preußischen Hauptstadt. Doch auch dort häuften sich im frühen 19. Jahrhundert die Übertritte unter den Gebildeten und Wohlhabenden. Nahe Verwandte Gumprechts gingen diesen Schritt. Fast die ganze Familie seines Onkels Mendel ließ sich zwischen 1804 und 1810 taufen, einschließlich der Tante Esther und Cousine Hanchen, die sich 1798 in Joseph Jacobs Stammbuch verewigt hatten. Cousin David Mendel (1789–1850), seit der Taufe 1806 August Neander genannt, wurde der prominenteste: Er studierte evangelische Theologie und lehrte seit 1813 an der neuen Universität Berlin als ordentlicher Professor für Theologie die Kirchengeschichte. Einzig das Familienoberhaupt, Joseph Jacobs Vatersbruder Emanuel Gumprecht Mendel, blieb Jude; er hatte Hamburg und seine Familie spätestens 1806 verlassen.[170] Auch der Cousin Dr.med. Isaac/Ignatz Gumprecht, dessen Promotion er 1800 in Göttingen miterlebt hatte, vollzog den Glaubenswechsel.
Joseph Jacob Gumprecht beschritt einen anderen Weg. Gemeinsam mit seinem Schwiegervater Markus Hertz Schwabe, seinem Kollegen Dr. Leo Wolf, dem Initiator des Ärztlichen Vereins, und 62 weiteren jüdischen Hausvätern aus Hamburg unterschrieb er am 11. Dezember 1817 die »Vereinigungs-Urkunde des Neuen Israelitischen Tempelvereins in Hamburg«. Die Unterzeichner gingen von der Feststellung aus, dass der »öffentliche Gottesdienst«, teils wegen der abgenommenen Kenntnis der hebräischen Sprache, in der er bisher ausschließlich gehalten wurde, teils wegen der »mannigfaltigen dabei eingeschlichenen Mängel« seit einiger Zeit von »vielen vernachlässigt« wurde. Ziel des Vereins war, den Gottesdienst »zu seiner ihm angemessenen Würde und Bedeutung zurückzuführen« und »den fast erkalteten Sinn für die ehrwürdige Religion der Väter wieder zu beleben«. Zu diesem Zweck wollte man einen »würdigen und geordneten Ritus« für die Gottesdienste an Sabbath- und Festtagen herstellen. Kernstücke sollten »eine deutsche Predigt und Choral-Gesang mit Begleitung der Orgel« sein. Die Hamburger Aktivisten beriefen sich auf das »Beispiel mehrerer Israelitischer Gemeinden in Deutschland und namentlich der in Berlin«. Die Gottesdienste sollten in einem eigens dafür einzurichtenden »Tempel« stattfinden. Entsprechend dem neuen Ritus umgestaltet werden sollten auch die »religiösen Gebräuche« an den Schwellen des Lebenslaufs wie der »Aufnahme der Neugebor[e]nen in den Bund der Väter« und Trauungen. Neu einzuführen war »ein religiöser Akt […], durch welchen die Kinder beiderlei Geschlechts, nachdem sie in der Glaubens-Lehre einen angemessenen Unterricht erhalten haben, als Bekenner der mosaischen Religion eingesegnet werden« – offenbar nach dem Vorbild der protestantischen Konfirmation. In vierzehn Paragraphen regelte die Urkunde die innere Organisation der Vereinigung. Die Leitung wurde einer vierköpfigen »Direktion«, die Finanzverwaltung einer fünfköpfigen »Deputation« übertragen. Die Tätigkeit in diesen Gremien war ein unentgeltlich auszuübendes Ehrenamt, das nicht ohne triftige Gründe abgelehnt werden konnte. Die Wahl und andere wichtige Entscheidungen lagen bei einem Comité von fünfzehn Personen, das per Los aus allen volljährigen männlichen Mitgliedern bestimmt wurde.[171]
Der Gründung des Tempelvereins vorausgegangen war 1815/16 die Einrichtung einer »Israelitischen Freischule«. Auf privater Stiftung und Initiative beruhend, aber vom Gemeindevorstand unterstützt, sollte sie die Kinder ärmerer Juden kostenlos unterrichten, diese »zu sittlichen, religiös-guten Menschen« bilden und »zu brauchbaren Gliedern der Gesellschaft« machen. Dazu gehörte auch, das Jiddische durch das Hochdeutsche zu ersetzen. Vor allem »gute, brauchbare Dienst- und Gewerbsleute« sollten aus ihr hervorgehen, entsprechend der Erwartung, dass die Handwerke für Juden geöffnet würden und eine Berufsumschichtung vom Trödelhandel zu produktiver Arbeit beginnen könnte. Gumprechts Schwiegervater Schwabe gehörte von Anfang an zu den Förderern der Anstalt. Nachdem die Schule im Juni 1816 eröffnet war, wurde 1817 Dr. Eduard Kley (1789–1867) zu ihrem Leiter berufen. Erfahrungen gesammelt hatte er in Berlin als Privatlehrer und Prediger an dem privaten Tempel Israel Jacobsons (1768–1828), des bedeutenden Reformers, der zuvor im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel und im Königreich Westfalen gewirkt hatte. Die Ideen zur Modernisierung von Schule und Kultus trug Kley nach Hamburg, wo sie sich mit den Wünschen eines kleinen, aber einflussreichen Teils der Gemeinde trafen. In der Freischule veranstaltete Kley sonntägliche Andachten für Erwachsene mit Choralgesang, begleitet vom Harmonium. Der schnell wachsende Zuspruch mündete Ende 1817 in die Gründung des Tempelvereins. Kley wurde zum Prediger berufen, zusätzlich zu seinem Amt als Schulleiter; und im Oktober 1818 öffnete der Tempel seine Pforten in einem gemieteten Lokal. Im selben Jahr wurden erste Teile eines eigenen hebräisch-deutschen Gebetbuchs gedruckt; als es 1819 vollständig erschienen war, stellte es die »erste umfassende Reformliturgie« dar. Sogleich stießen die Neuerungen auf heftigen Widerspruch bei denen, die die alten Texte und Riten als unverzichtbaren Kern des Judentums festhalten wollten.[172]
Wie Gumprecht in seiner gymnasialen und universitären Bildung, im Beruf als Arzt und im gesellschaftlichen Verkehr an der bürgerlichen Lebenswelt seiner Umgebung partizipierte, so nahm er auch – gemeinsam mit ärztlichen Kollegen und Kaufleuten wie seinem Schwiegervater – teil an den Bestrebungen, seine Religion in einer Weise zu reformieren, dass sie mit der modernen Welt in Einklang kam. Die religiösen Vorschriften sollten nicht mehr alle Lebensbereiche prägen; und die religiösen Rituale wurden so verändert, dass sie die Menschen der Moderne in ihrer Sprache und ihrem ästhetischen Empfinden erreichten, sie erheben und bessern konnten. Das Judentum erschien nicht mehr als ein seit Jahrtausenden unverändertes Korpus von Lehren, Gesetzen und Bräuchen, sondern als etwas Lebendiges, das an die Denk- und Lebensweise des von der Aufklärung geformten europäischen Menschen anzupassen sei, ohne den Kern der jüdischen Religion aufzugeben.[173] Wie in Hamburg seit dem späten 18. Jahrhundert von aufgeklärten Bürgern praktiziert,[174] organisierten sich diese Bestrebungen als freie Vereinigung mündiger Individuen, im Tempelverein, freilich ohne sich von der Korporation der jüdischen Gemeinde abzuspalten.
Rückzug nach Hannover
Nach 1810, etwa ab seinem 40. Geburtstag, nicht lange nach seiner Hochzeit, wurde Joseph Jacob Gumprechts Leben mehr und mehr von Krankheit überschattet. Ein biographisches Lexikon wusste später zu berichten, dass das Leiden »während der Okkupation Hamburgs durch die Franzosen«, also zwischen 1810 und 1814, seinen Anfang genommen hatte. Wir hören von Lähmungserscheinungen an beiden Beinen infolge »gichtischer Beschwerden«.[175] Im Sommer 1817 unternahm Gumprecht eine »Badereise« in der Hoffnung, seine Gesundheit wiederherzustellen. Im Spätsommer 1818 hielt er sich in Bad Pyrmont auf und veranlasste gegen die »Lähmung der unteren Extremitäten« Versuche mit Moorbädern, ohne dauerhaften Erfolg.[176] Im Jahre 1819 sah er sich, wie er 1823 der Öffentlichkeit mitteilte, »durch Kränklichkeit genötigt, […] seine praktische Laufbahn« als Arzt und Geburtshelfer »gänzlich zu verlassen und sich nach der Residenzstadt Hannover zu begeben, woselbst er seit jenem Jahre privatisiert«.[177] Wann genau er von Hamburg wegzog, ob er dort die antijüdischen »Hep-Hep-Tumulte« Ende August 1819[178] noch erlebte, ist nicht bekannt. Ebenso wenig ist klar, warum er aus der Krankheit und Berufsunfähigkeit den Schluss zog umzuziehen. Doch steht fest, dass Gumprecht in Hannover ohne seine Familie lebte. Seine 26-jährige Frau Betty blieb mit der achtjährigen Tochter Bertha in Hamburg, wo ihr Vater Markus Hertz Schwabe und ihre Geschwister, darunter Rosette (Rosalie) Gobert, wohnten. Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bruch der Familie und Joseph Jacobs Weggang. Ob die Trennung mit Gumprechts Krankheit zu tun hatte, lässt sich nicht klären.
In Hannover hatten Joseph Jacobs Eltern seit 1796 gelebt; die Mutter war 1813, der Vater 1815 gestorben.[179] Dort wohnten zwei seiner Brüder, Dr. jur. Aron Jacob Gumprecht, der seit dem Königreich Westfalen endlich als Advokat zugelassen war, und der »Mechanicus und Opticus« Israel Gumprecht (1780/81–1853). Beide hatten sich 1816 vom reformierten Superintendenten taufen lassen und trugen nun die Vornamen Friedrich Ernst bzw. Ludwig Friedrich.[180] Auch Dr. med. et chir. Isaac Herz Detmoldt, der Bruder seiner Mutter, der kaum älter als Joseph Jacob war und fast gleichzeitig mit ihm in Göttingen promoviert hatte, lebte in der Stadt; er war ebenfalls 1815 als Georg Heinrich Detmold zum Christentum übergetreten.[181]
Seine Praxis hatte Gumprecht krankheitsbedingt zwar aufgeben müssen, doch erteilte er weiterhin Unterricht in Geburtshilfe für Ärzte und Chirurgen. So berichtet sein Freund aus Göttinger und Kopenhagener Zeiten Christoph Heinrich Pfaff vom Jahr 1824, als es zu einem unverhofften Wiedersehen kam, das ihm merkwürdig genug für eine umständliche Schilderung erschien: Auf einer Reise mit zwei Töchtern übernachtete Pfaff in Celle. Als sie gegen Abend in dem großen Gastzimmer den Tee einnehmen wollten, »fuhr ein Wagen vor, und es wurde ein ältlicher, etwas unheimlich aussehender, sich schwerfällig bewegender Mann von einem jüngeren Führer hereingeleitet, den er mit tiefer, fast hohler Stimme in abgebrochenen Worten polternd ausschalt, und seinen Platz im entgegengesetzten Teile des Zimmers einnahm. Es trat nun eine Stille ein, und, was mir meine Kurzsichtigkeit nicht erlaubte, bemerkten meine Töchter, dass der Fremde, der ihnen schon vorher etwas unheimlich vorgekommen, seine starren Blicke auf mich richtete. Auf einmal brach er mit starker Bassstimme wiederholt in die Worte aus: er ist’s! er ist’s! Jetzt wurden meine Töchter von einem Schauder ergriffen, flüchteten schnell aus dem Zimmer, um Hülfe herbei zu rufen gegen einen, nach ihrer Meinung, Wahnsinnigen. Wie groß war ihr Erstaunen, als sie bei ihrer Rückkehr in Begleitung des Wirtes die Arme des Fremden um mich geschlungen fanden. Es war nämlich kein anderer als Gumprecht, der sich mir zu erkennen gegeben hatte. Ich erfuhr von ihm, dass er leider schon einige Jahre durch gichtische Beschwerden gelähmt war und in Hannover sich mit dem Unterrichte dortiger Ärzte und Chirurgen im Accouchement befasse.«[182]
Nachdem Gumprecht zunächst Wohnungen in der Calenberger Neustadt von Hannover, erst in der Langen-, dann der Neuenstraße gemietet hatte, finden wir ihn ab 1826 in der Altstädter Judenstraße (die damals nicht mehr vorwiegend von Juden bewohnt wurde), und zwar in Hausnummer 625, dem sog. Ballhof; dieser beherbergte einen großen Konzert- und Ballsaal, zwei kleinere Säle sowie ein Restaurant. Die Erklärung für diesen Wohnsitz verdanken wir Christoph Heinrich Pfaff, der Gumprecht 1829 dort zum letzten Mal sah: »Er hatte seine Wohnung in dem Lokale eines Clubs, dessen Direktor er war, und dessen Hauptunterhaltung neben dem Kartenspiele, in welchem er ein Meister war, in Bällen bestand.« Das fand der Jugendfreund umso kurioser, als Gumprechts »untere Gliedmaßen […] nun ganz gelähmt« waren: »Er musste beständig auf einem Rollstuhle fortbewegt werden, und doch war sein jüdisch joviales Temperament ungebrochen geblieben« – diese Gemütsart qualifizierte ihn offenbar in Pfaffs Augen für das Amt des Leiters eines geselligen Clubs. Kartenspiele waren nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen die vorherrschende Beschäftigung in »Privatgesellschaften« und »Herrenclubs«. Für die Judenstraße Haus 625 verzeichnet das Adressbuch sogar zwei Clubs, den »alten« und den »neuen Ballhofsclub«, die ersten unter den elf Clubs der Residenzstadt. Mitglieder solcher geselligen Vereine waren damals in Hannover »königliche Offizianten, Geschäftsmänner und angesehene Privatpersonen«; es waren Männergesellschaften, die nur zu besonderen Veranstaltungen wie den alljährlichen Maskenbällen Damen zuließen. Ihre Exklusivität wahrten die Clubs, indem die Aufnahme durch geheime Abstimmung erfolgte. Für die Aufgabe als »Direktor« gehobener Vergnügungen wird Gumprecht seine Erfahrung als »Clubdichter« des Göttinger Civilclubs zustatten gekommen sein. Jedenfalls wurde 1836 bei einem Besitzerwechsel des Ballhofs der neue Eigentümer ausdrücklich verpflichtet, in alle Verträge mit den dort tagenden Clubs und »deren Beamten« einzutreten.[183]
Im März 1828 finden wir Joseph Jacob Gumprecht eingetragen im Kirchenbuch der evangelisch-lutherischen Marktkirche von Hannover: »Gumprecht, Doct. med., mosaischer Religion, geboren in Göttingen den 7. Juli 1772, ward am 9. März von Herrn Pastor Bödeker durch die Taufe in das Christentum aufgenommen und erhielt bei dieser feierl[ichen] Handlung die Namen Johann Justus. Taufzeugen waren 1. der Advokat und Notar H[er]r Franz Georg Johann Gottfried Rautenberg und 2. der Kammerzahlcommissair H[er]r Johann Georg Ernst Menge.« Ob die beiden Zeugen mit Gumprecht durch den Ballhofclub oder auf andere Weise verbunden waren, ist nicht überliefert. Das Sakrament spendete der zweite Prediger an der gotischen Hauptkirche Hannovers, Hermann Wilhelm Bödeker (1799–1875).[184] Hatte Gumprecht, 55 Jahre alt und gelähmt, ein religiöses Bekehrungserlebnis? War der Anpassungsdruck für den Direktor eines geselligen Clubs in Hannover stärker als für den Arzt und Geburtshelfer in Hamburg? Hoffte er, auf diesem Weg die ›vernünftige Religion‹ zu finden, zu der er einst in Hamburg mit dem Tempelverein aufgebrochen war? So lässt sich deuten, was er zu Pastor Bödeker über seine Motive sagte. Dieser notierte in seinem Tagebuch: »Den 9. März [1828] taufte ich den israelitischen Dr. med. J. J. Gumprecht, etwa 56 Jahr[e] alt. Er wollte aus demselben Grunde nicht Katholik werden, sondern Protestant, aus welchem er nicht Jude länger bleiben konnte – – die vernünftigste Religion war Ziel seines Strebens. Einer genaueren Vorbereitung bedurftʼ es unter diesen Umständen nicht.«[185] Jedenfalls entsprach diese Erklärung den Erwartungen des Geistlichen, so dass er auf eine vertiefte Gewissenserforschung und längere Unterweisung in der evangelisch-lutherischen Religion verzichtete.
Als im Mai 1829 auch in Hannover ein Ärztlicher Verein gegründet wurde, gehörte Gumprecht sogleich zu den aktiven Mitgliedern. Der Initiator des Vereins, der junge Chirurg Louis Stromeyer (1804–1876), behielt ihn in Erinnerung: »Der Älteste unter uns war Dr. Gumprecht, der in Hamburg als Geburtshelfer eine große Praxis gehabt hatte und, durch Lähmung der unteren Extremitäten invalide geworden, in seine Vaterstadt zurückgekehrt war; er hatte im geburtshülflichen Fache viele Erfahrung und war ein Mann von Geist und Witz.« Damit konnte er zu dem – laut Stromeyer – »besten Resultat des Vereins« beitragen, »den freundlichen Gesinnungen, welche er unter seinen Mitgliedern erhielt«. Praktisch war für Gumprecht, dass der Ärzteverein seine Versammlungen in den Räumen des Ballhofs abhielt.[186] Auch Substanzielles hatte Gumprecht zu den 14-täglichen Abendveranstaltungen beizusteuern: Wie schon in Hamburg hielt er mehrfach Vorträge insbesondere zu geburtshilflichen Themen; den einen oder anderen dieser Texte machte er in Zeitschriften einem überörtlichen Publikum zugänglich. 1830 beschäftigte er sich mehrfach mit Mängeln des Hebammenwesens und Vorschlägen zur Verbesserung. In einem ersten Referat kritisierte er »die bisher beobachtete zweckwidrige Wahl der Subjekte […], woraus Hebammen gebildet werden sollen«. Ob er wie die meisten seiner Kollegen darauf zielte, dass in vielen Gemeinden die verheirateten Frauen das Recht ausübten, die Hebammen-Kandidatinnen zu wählen – ihr einziges ›politisches‹ Recht –, wissen wir nicht, da dieser Vortrag nicht im Druck erschien. Am 1. September 1830 nahm er sich Defizite des Hebammenexamens vor. Er ging von der These aus, dass der Weg des Menschen in diese Welt »sehr kurz« sei und »viel bequemer eingerichtet als unsere besten Eisenbahnen« – Gumprecht zeigte sich auf der Höhe der Zeit, in Deutschland gab es noch keine Eisenbahn. Trotzdem gebe es bei der Geburt zuweilen Hindernisse und mannigfaltige Gefahren. Hebamme und Geburtshelfer sollten für den glücklichen Ausgang sorgen. Wie die meisten Mediziner wies Gumprecht der Hebamme die Rolle zu, dass sie »eigentlich wenig zu tun hat«, nur »mit den Mitteln, welche die Natur anwendet,« die Geburt fördern und vor allem »vorsichtig und wachsam« sein solle, damit, falls eine Schwierigkeit auftrete, »der Geburtshelfer zu rechter Zeit zu Hülfe komme«. In Notfällen müsse sie freilich auch eine Wendung im Uterus durchführen. Für diese Aufgaben sollten Ausbildung und Prüfung die Kandidatinnen vorbereiten. Alle müssten an einer Entbindungsanstalt unter Aufsicht eines Geburtshelfers praktisch geschult werden. Erst nach ausreichendem Unterricht dürften sie zum Examen zugelassen werden; dieses solle von einer Kommission, nicht etwa dem Lehrer, abgenommen und in Frage und Antwort protokolliert werden. Die Prüfung sei praxisnah mit Phantom und Kindspuppe zu gestalten.[187]
In einer späteren Vereinsversammlung kommentierte Gumprecht die Fallgeschichte eines englischen Geburtshelfers, die in einer deutschen Zeitschrift nachgeduckt war. Es ging um die Perforation eines Ungeborenen, nach Gumprechts Ansicht ohne klare Beweise, dass es bereits tot war, und ohne ausreichende Prüfung von Alternativen. Einleitend gab er einmal mehr seiner »Unzufriedenheit mit dem heutigen Stande« der »Entbindungskunst« Ausdruck; insbesondere verurteilte er übertriebenen Interventionismus. »Nie etwas Zweckwidriges in der Praxis zu unternehmen« war ihm »die glänzendste passive Seite der Ärzte, Wundärzte und Geburtshelfer«; dadurch werde »viel Schaden« vermieden, wie ihn »gewissenlose, vorwitzige, der gütigen Natur vorgreifende Kollegen« bei Geburten anrichteten. »Die Kunst, richtig zu fühlen«, sei entscheidend für die »praktische Brauchbarkeit« des Geburtshelfers. Deshalb wählten die Vertreter des Fachs als ihr Emblem »eine offene flache Hand, in deren Mitte sich ein Auge befindet«. Doch »für Deutschlands Accoucheurs« sei wohl, so meinte er sarkastisch, eine »Geburtszange« das passendere Symbol, für die englischen Kollegen ein »Perforatorium«, für die italienischen, die gerade mit der Pelviotomie, der Durchtrennung der Schambeinfuge, experimentierten, eine »Knochensäge«.[188]
Trotz seines Leidens bewahrte Gumprecht sich den scharfen Witz. Wohnen blieb er bis zu seinem Ende im Ballhof, dem Sitz seines Clubs und Versammlungslokal des Ärztlichen Vereins. Am Neujahrstag 1838 starb er. Das Kirchenbuch der Marktkirche verzeichnet ihn als ersten Gestorbenen des Jahres, natürlich unter seinem christlichen Namen: »1838, 1. Jan[uar]. Gumprecht, Johann Justus, Doktor der Medizin und Chirurgie. Geschiedener Ehemann. Alter: 65 Jahre, 5 Mon[ate], 25 Tage.«[189] Beerdigt wurde er auf dem Nikolaifriedhof, auch Altstädter Friedhof genannt. Auf der Grabstätte wurde eine Stele errichtet, 120 cm hoch, 62 cm breit: »Dem Andenken des unvergesslich teuren Vaters J. J. Gumprecht, Doctor medicinae, geb. den 1. Juli 1772, gest. 1. Jan. 1838.« Auf der Rückseite des Steins war zu lesen: »Ach, es ist die letzte Gabe, die der Kinder Herz Dir weiht. Nicht begrenzt vom stummen Grabe, Liebe reicht bis in die Ewigkeit.« Das Grabmal stand dort mehr als hundert Jahre, überdauerte auf dem christlichen Friedhof die Verwüstungen der NS-Zeit und die Zerstörungen des Weltkriegs. Zum Opfer fiel es – mit vielen anderen – der Stadtplanung der 1950er Jahre: Eine vierspurige Straße wurde quer über den Nikolaifriedhof gelegt.[190]
Dem »unvergesslich teuren Vater« setzte Bertha Gumprecht, das einzige Kind, den Gedenkstein. 26 Jahre zählte sie, als der Vater starb. Ob und wie sie mit dem Vater zu dessen Lebzeiten, in den 18 Jahren nach seinem Wegzug von Hamburg, in Verbindung stand, ist nicht bekannt. Dokumentiert ist, dass sie im Alter von 22 Jahren am 22. Juni 1834 den drei Jahre älteren Kaufmann Adolph Hinrichsen (1808–1887) geheiratet hatte, der aus einer bedeutenden Schweriner Familie stammte und 1823 nach Hamburg gekommen war. Getraut wurden sie von dem zweiten Prediger des Tempels Gotthold Salomon (1784–1862); sie hielten sich also zu den jüdischen Reformern wie der Vater ihrer Mutter und – seinerzeit – ihr Vater. Bertha wohnte bis zur Hochzeit im Alten Steinweg, fraglos mit der Mutter im Haus ihres Großvaters Markus Hertz Schwabe und dessen Compagnon, ihres Vatersbruders, Adolph Gobert, die gemeinsam den florierenden Handel mit englischen Manufakturwaren betrieben.[191] Nach der Heirat bezogen Adolph und Bertha Hinrichsen eine Wohnung in der Admiralitätsstraße. Mit einem Compagnon gründete er eine erfolgreiche Korsettfabrik. Am 17. April 1835 gebar Bertha einen Sohn, den sie Robert nannten, am 30. Juli 1837 einen zweiten namens Cäsar; 1839–1848 folgten drei weitere Söhne.[192] Bis zu seinem Tod erlebte Joseph Jacob – bzw. Johann Justus – Gumprecht also die Geburt von zwei Enkeln. Ob er sie je gesehen hat, ist fraglich.
Seine (Ex-)Frau Betty Gumprecht, geb. Schwabe, zog nach Joseph Jacobs Weggang zurück in das Haus ihres Vaters. Von einem förmlichen Scheidungsverfahren ist keine Spur zu finden.[193] Ihr Vater Markus Hertz Schwabe war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der Filialen in Glasgow, Manchester und Leipzig betrieb, z. T. mit seinen Söhnen und Schwiegersöhnen, und vom Großherzogtum Mecklenburg mit dem Titel eines Kommerzienrats geehrt wurde. Er wurde sehr alt. Bevor er 1862 im Alter von 96 Jahren starb, errichtete er im Jahre 1855 vor zwei Notaren und sieben Zeugen ein Testament. Zu diesem Zeitpunkt führte er keine eigene Firma mehr, sondern hatte seine Kapitalien angelegt. Auch waren schon zwei von seinen acht Kindern sowie zwei Schwiegersöhne gestorben: 1833 die 1801 geborene Tochter Julie, 1844 deren Mann Dr. Georg Hartog Gerson und 1853 die älteste Tochter Rosette samt ihrem Mann Adolph Gobert.[194] Wie üblich fiel das Erbteil der verstorbenen Töchter deren Nachkommen zu. Der jüdischen Tradition entsprechend, setzte der Testator Legate nicht nur zugunsten seiner Bedienten, sondern vor allem für verschiedene wohltätige und gemeinnützige Zwecke aus, durchweg innerhalb der Hamburger deutsch-israelitischen Gemeinde, u. a. für »verschämte Arme«, für die israelitische Armenanstalt und karitative jüdische Vereine, aber auch für die israelitische Freischule und besonders für den neuen israelitischen Tempel, die beiden zentralen Institutionen der jüdischen Reform, die er von Anfang an gefördert hatte. Erst nach Auszahlung all dieser Legate kamen seine Witwe und seine Nachkommen an die Reihe. Weit überproportional bedachte Schwabe dabei zwei Angehörige: seine kinderlose zweite Frau Henriette, geb. Bodstein (ca. 1797–1882), die er 1827 als 61-Jähriger nach dem Tod der ersten Frau geheiratet hatte,[195] und seine Tochter Betty Gumprecht. Die Position der Witwe testamentarisch zu sichern, hatte in der jüdischen Tradition höchste Priorität. Dass eine der Töchter, die bei ihrer Heirat gewiss eine standesgemäße Mitgift bekommen hatte, in gleicher Weise versorgt wurde, bedurfte einer Rechtfertigung: »Während ich meine sämtlichen übrigen Angehörigen bei Lebzeiten nach meinen besten Kräften versorgt habe«, traf das auf Betty Gumprecht – wie auf die Ehefrau – nicht zu. Offenbar war von ihrem Heiratsgut nichts übrig, auch hatte Joseph Jacob Gumprecht nicht für sie gesorgt. Infolge seiner langen Krankheit wird er dazu gar nicht imstande gewesen sein.
Markus Hertz Schwabe verfügte letztwillig, dass sein Vermögen, wie es sich nach Auszahlung aller Legate darstellte, in zwei gleiche Teile zu teilen sei. Die erste Hälfte sollte fast gleichmäßig unter seine beiden Söhne und sechs Töchter bzw. deren Nachkommen sowie seine Witwe geteilt werden, dergestalt, dass jede(r) ein Zehntel von der Hälfte erhielt; nur der ältere Sohn Ludolf, der nach England ausgewandert war, bekam zwei Zehntel, mit der Begründung, dass der Vater ihm erst später »eine selbständige Existenz gegründet« hatte als dem jüngeren Hermann. Ludolf gab offenbar Grund zur Sorge, so dass ihm 1858 sein doppeltes Erbteil lediglich zum Nießbrauch zugesprochen wurde. Bis auf diesen Sonderfall wurden also Töchter und Söhne im Testament gleich behandelt; keineswegs waren die Töchter vom Erbe ausgeschlossen oder auf einen halben männlichen Erbteil gesetzt, wie noch im frühen 19. Jahrhundert relativ häufig. Längst vor dem Testament hatte der Vater den Söhnen »eine selbständige Existenz gegründet«, den Töchtern ohne Frage eine standesgemäße Mitgift in die Ehe gegeben. Die Höhe dieser Gaben ist nicht bekannt; sie sollten bei der Verteilung des Erbes nicht berücksichtigt werden.
Die zweite Hälfte des Vermögens fiel zu gleichen Teilen an die Witwe und Betty Gumprecht; denn sie hatten »seit einer Reihe von Jahren mit mir ein Hauswesen gebildet und mein Alter mit gleich treuer und herzlicher Liebe gepflegt und beglückt«; durch den Tod des Ehemanns bzw. Vaters verloren sie »ihre Stütze«. Der aber hegte, »den innigen, natürlichen Wunsch […], dass sie, so viel möglich, nach meinem Ableben die bei meinen Lebzeiten gewohnte Lebensweise fortzusetzen im Stande sein und einen gemeinschaftlichen Haushalt zu bilden fortfahren mögen«. Betty befand sich also in dem Status der unversorgten Tochter; für sie zu sorgen hatte nach jüdischer Tradition – ähnlich wie die Versorgung der Witwe – Vorrang vor den Erbansprüchen der versorgten Geschwister. Freilich fiel beiden ihr Viertel des gesamten Nachlasses nicht als freies Eigentum zu, sondern nur zu »lebenslänglichem Nießbrauch«; d. h. nur die Zinsen, nicht das Kapital standen ihnen zu – eine für Frauen oft praktizierte Regelung. Nach ihrem Tod sollte das zugrundeliegende Kapital unter Schwabes Nachkommen nach demselben Schlüssel aufgeteilt werden wie zuvor die erste Hälfte.
Markus Hertz Schwabe war in seinem Testament offensichtlich bestrebt, den Grundsatz der Gleichbehandlung all seiner Kinder – verbunden mit der Versicherung, dass er »sie alle mit gleicher Liebe umschließe« – zu vereinbaren mit einer besonderen Fürsorge für diejenigen, die sich in ungesicherter Lage befanden: seine Witwe als Stiefmutter der Kinder, und die ›Sorgenkinder‹ Ludolf Schwabe und Betty Gumprecht. Entsprechend der Größe des Nachlasses und der Komplexität der Erbteilung, bestellte Schwabe vier Testamentsvollstrecker, seinen jüngeren Sohn Hermann (dass er sich 1851 hatte taufen lassen, war kein Hinderungsgrund), seine Schwiegersöhne Goldschmidt und Samson sowie seinen »Großschwiegersohn« Adolph Hinrichsen, den Mann von Bertha, geb. Gumprecht. An deren Familienzweig fiel auch eine Gabe von besonderer symbolischer Bedeutung: Seine brillantene Brustnadel vermachte Schwabe dem ältesten Urenkel Robert Hinrichsen, der bei Errichtung des Testaments 20 Jahre alt war.[196]
Markus Hertz Schwabes Witwe Henriette und seine Tochter Betty Gumprecht blieben nach seinem Tod, seinem Wunsch entsprechend, zusammen wohnen. Freilich gaben sie den bisherigen Wohnsitz am Alsterdamm (heute Ballindamm), direkt an der Binnenalster, auf und zogen in den nahen Glockengießerwall, an dem bald die Kunsthalle erbaut wurde. Im Sommer aber wohnten sie in einem der drei Landhäuser auf dem Grindel, deren lebenslänglichen Nießbrauch Schwabe ihnen neben den Kapitalerträgen vermacht hatte.[197]
Betty Gumprecht gehörte wie ihr Vater zum Kreis der reformgesinnten Juden Hamburgs. Sie lebte zurückgezogener als ihre jüngere Schwester Johanna Goldschmidt (1806–1884), die als Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Begründerin eines christlich-jüdischen »Sozialen Frauenvereins zur Ausgleichung konfessioneller Unterschiede« (1848/49) und Initiatorin Fröbelscher Kindergärten hervortrat. Betty gehörte dem Frauenverein an, der die israelitische Freischule unterstützte.[198] Für Gotthold Salomon, den Prediger des Tempels, sammelte sie 1843 anlässlich seines 25-jährigen Amtsjubiläums ein Album mit zahlreichen Freundschaftsadressen von jüdischen und christlichen Persönlichkeiten aus ganz Deutschland und darüber hinaus, gemeinsam mit ihren Schwestern Johanna Goldschmidt und Rosette Gobert sowie ihrer Stiefmutter Henriette Schwabe und ihrer Tochter Bertha Hinrichsen.[199]
Am 3. April 1874 starb »Betty, geborene Schwabe, Joseph Gumprecht[s] Dr. med. Witwe«, 80 Jahre alt, in ihrer Wohnung am Glockengießerwall, die sie mit der vier Jahre jüngeren Stiefmutter teilte. Auch wenn ihr 36 Jahre zuvor verstorbener (Ex-)Mann sich als von ihr geschieden betrachtete, galt sie ihrer Familie als »verwitwet«. Die offizielle Todesanzeige erstattete ihr Schwiegersohn Adolph Hinrichsen, Kaufmann, 66 Jahre alt.[200] Kaum drei Jahre später, am 27. Februar 1877, verschied Bertha Hinrichsen, Betty und Joseph Jacob Gumprechts Tochter, jüdischer Religion, im Alter von 65 Jahren und fünf Monaten. Ihr Sohn, der Kaufmann Cäsar (César) Hinrichsen, meldete den Todesfall beim Standesamt und wusste den Namen ihres Vaters, seines Großvaters, korrekt mit den jüdischen Vornamen anzugeben: »Joseph Jacob Gumprecht, Dr. med. et chir.« Berthas Mann Adolph Hinrichsen überlebte sie um zehn Jahre.[201] Unter den Enkeln von Bertha und Adolph Hinrichsen, den Urenkeln von Betty und Dr. Joseph Jacob Gumprecht, von denen Betty noch mehrere erlebte, waren Dr. jur. Max Hinrichsen (1863–1938), Senatspräsident am Oberlandesgericht Hamburg, Edmund Hinrichsen (1874–1952), Inhaber der Firma Adolph Hinrichsen & Co., und Dr. phil. h. c. Henri Hinrichsen (*1868), hochangesehener Musikverleger in Leipzig, ermordet in Auschwitz am 17. September 1942.[202]
Fazit
Joseph Jacob Gumprecht war entschlossen, eine bürgerliche Lebensweise zu verwirklichen, wie seine christlichen Altersgenossen und weitgehend gemeinsam mit ihnen. Seine Leitvorstellungen von vernünftiger Selbstbestimmung und nützlicher intellektueller Leistung waren – wie bei nicht-jüdischen Gebildeten – geprägt von der Aufklärung. Gumprechts Elternhaus hatte den Grund für diesen Weg gelegt, nicht nur durch den im Handel erworbenen Wohlstand, sondern ebenso durch den eröffneten Bildungsgang jenseits der jüdischen Institutionen, auf Gymnasium und Universität, sowie durch die – für den Vater bezeugte – Praxis von Verhaltensweisen, die keine Scheu vor näherem geselligen Kontakt mit Nicht-Juden zeigten. Wie Gumprechts Stammbuch dokumentiert und sein späteres Leben zeigt, war er eine Persönlichkeit, die viele Freunde gewann und mit Erfolg Beziehungsnetze über religiöse und nationale Grenzen hinweg knüpfte.
In ökonomischer Hinsicht hingegen war Joseph Jacob Gumprecht nicht erfolgreich. Ein Konkurs beendete sein Bemühen um eine universitäre und freiberufliche Karriere in Göttingen. Trotz einer wirtschaftlich vorteilhaft scheinenden Heirat kam er auch in Hamburg nicht zu dauerhaftem Wohlstand; und in den von Krankheit gezeichneten letzten beiden Lebensjahrzehnten dürfte seine Subsistenz sehr bescheiden gewesen sein. Kaum heller stellt sich das Bild seines Familienlebens dar. Die Ehe scheiterte, die Familie zerbrach. Freilich bewahrte ihm die einzige Tochter ein dankbar-ehrendes Andenken. Und die Nachkommen gingen den von ihm eingeschlagenen Weg im Bürgertum weiter, vielleicht noch erfolgreicher als er – bis zu dem Absturz in der Shoa.
Joseph Jacob Gumprecht ragt heraus aus seinen Zeitgenossen, indem er als erster Privatdozent jüdischer Religion an einer deutschen Universität lehrte. Seine Beiträge zu dem jungen Fach der Geburtshilfe und sein akademischer Unterricht standen auf der Höhe der Zeit. Bei der Lehre entwickelte er bemerkenswerte innovative Konzepte, die von den Studenten sehr geschätzt wurden. Sein Plan lief darauf hinaus, die Poliklinik als zweiten Weg der praktischen Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer neben dem in Deutschland dominierenden Gebärhospital zu etablieren. Damit bot er zugleich bedürftigen Frauen die Alternative einer Entbindung in ihrer häuslichen Umgebung. Während in London solche dezentralen Lösungen bereits im 18. Jahrhundert überwogen, wurde Gumprechts Ansatz in Göttingen blockiert, und geburtshilfliche Polikliniken konnten sich in Deutschland erst seit den 1820er Jahren in nennenswertem Umfang entwickeln.[203] Ohne die Grundlage einer gesicherten akademischen und wirtschaftlichen Stellung war Gumprechts Versuch, sich neben und gegen den ordentlichen Professor und Hospitaldirektor als unabhängiger Dozent und Fachvertreter zu positionieren, zum Scheitern verurteilt. Eine Professur lag ohnehin noch lange außerhalb der Reichweite eines ungetauften Juden.
An seinem neuen Wirkungsort, der Hansestadt Hamburg, entfaltete Gumprecht nicht nur eine ansehnliche ärztliche Praxis und setzte seine wissenschaftlichen Arbeiten mit der Herausgabe von Zeitschriften und eigenen Publikationen fort. Vor allem beteiligte er sich mit großem zivilgesellschaftlichem Engagement an der Gründung mehrerer freier Vereinigungen. Er integrierte sich nicht einfach in ein vorhandenes Bürgertum, sondern er gestaltete die Bürgerlichkeit aktiv mit. Er war eine treibende Kraft bei der Organisation der Ärzte als Freiberufler in einem nach demokratischen Grundsätzen geordneten Verein, und er erwartete, dass dieser in der Stadtrepublik durch freie Übereinkunft Regelungen erwirken könne, die in monarchischen Staaten von der Obrigkeit autoritativ erlassen wurden. Auch an der Vereinigung, die den neuen israelitischen Tempel begründete, nahm Gumprecht aktiven Anteil und trug so dazu bei, dass die religiöse Reform im deutschen Judentum »Wurzeln schlug«.[204] Nach seinen Kräften wirkte er mit an der Schaffung von Assoziationen freier Bürger, wie sie wenig später Alexis de Tocqueville als wesentliche Grundlage eines demokratischen Staatswesens und einer zivilisierten Gesellschaft von Gleichen identifizierte.[205]
Ich danke den benutzten Archiven und Bibliotheken für ihre Unterstützung. Ein ganz besonderer Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen, die mir großzügig mit Auskünften, Ratschlägen und Informationen geholfen haben: Dr. Thomas Appel, Göttingen; Dr. Jutta Braden, Hamburg: Dr. Eike Dietert, Gleichen; Prof. Dr. Manfred Jakubowski-Tiessen, Göttingen; Prof. Dr. Robert Jütte, Stuttgart; Dr. Rüdiger Kröger, Landeskirchliches Archiv Hannover; Henrike Schmidt, M. A., Stadtarchiv Hannover; Eike Schmidt-Lange, Göttingen; Dr. Peter Schulze, Hannover; Dr. Jürgen Sielemann, Hamburg; Dr. Cornelia Skodock, Stadtarchiv Hannover.
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