Die Magie der Präsenz – Das Spiel mit kulturellen Deutungsmustern im ›Fortunatus‹
Wenn in einem Roman ein Kästchen verschwindet, läßt das aufmerken. Ein Kästchen birgt selbst schon ein Geheimnis, indem es einen dunklen, vor den Augen geschützten Innenraum bildet, einen Ort der Unsichtbarkeit. Wenn ein solches Kästchen verschwindet, mutet sein Verschwinden wie eine Verdoppelung an; und es liegt nahe, dieser doppelten Inszenierung von Abwesenheit nachzuspüren und nach den textuellen Strategien einer solchen Erzeugung der Effekte von Abwesenheit und Unsichtbarkeit und damit zugleich nach Effekten der Präsenz zu fragen. Dieser Frage nachzugehen, reizt umso mehr, als das Verschwinden des Kästchens mit dem Wunsch nach einem ›neuen Mann‹ zusammenhängt. Einer solchen literarischen Konfiguration möchte ich in diesem Beitrag zum ›Fortunatus‹ nachgehen, wobei sich das Augenmerk vor allem auf die Überblendung unterschiedlicher Deutungsmuster richtet. Es handelt sich dabei um Überlegungen, die über den vorgestellten Fall hinaus auf die Interferenzen unterschiedlicher Wissensformationen im Erzählen des 15. und 16. Jahrhunderts zielen. Die Episode vom verschwundenen Kästchen scheint mir einen besonderen Aufschlußwert für die anvisierte Anordnung zu besitzen. Sie steht daher im Mittelpunkt dieses Aufsatzes. Ich knüpfe daran am Ende meines Beitrages einige kurze Bemerkungen, mit denen ich gleichzeitig die Aufgabenstellung für weitere Untersuchungen jener Formationen im Spannungsfeld von Politik und Poetik skizzieren möchte. Vor diesem Hintergrund wird es unmittelbar einleuchten, wie provisorisch die folgenden Darlegungen nur sein können. Sie vermögen bestenfalls ein Schlaglicht auf diese Gemengelage von List, Ritual und Subversion zu werfen.
© Max Niemeyer Verlag GmbH, Tübingen 2004
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