Mark Spoerer, C&A. Ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien 1911–1961 2016.
Wie lange wird unternehmensgeschichtlichen Arbeiten zu Einzelhandelsbetrieben noch vorangestellt werden können, dass die Geschichte des Einzelhandels (vor allem für das 20. Jahrhundert) defizitär erforscht ist? Mark Spoerer jedenfalls lotet mit seiner Studie zur Kleidungswarenhauskette C&A die Potentiale einer sowohl konsum- als auch unternehmenshistorische Potentiale verbindenden Analyse aus und legt so eine mustergültige Analyse einer der größten Warenhausketten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor.
Nach einem kursorischen Überblick über die Herkunft der Familie Brenninkmeyer im Milieu westfälischer Wanderhändler seit dem 17. Jahrhundert, widmet sich Spoerer zunächst der Gründung erster Niederlassungen in den Niederlanden, später im Deutschen Reich. Der sicher spannendste Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit der Entwicklung C&As in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs – und ganz konkret mit der Entwicklung des Unternehmens im Nationalsozialismus. Mindestens drei Eigenschaften ließen den Nationalsozialisten C&A zumindest auf den ersten Blick verdächtig erscheinen: Es handelte sich dabei um ein Unternehmen, welches nicht nur im Deutschen Reich aktiv war, sondern neben den Niederlanden nunmehr auch nach Großbritannien expandiert hatte; Struktur und Größe des Unternehmens entsprachen dem in der nationalsozialistischen Rhetorik so vehement abgelehnten Warenhaustypus, dessen «Kommunalisierung» schon im 25-Punkte-Programm von 1920 gefordert (aber wegen befürchteten Versorgungsengpässen der Bevölkerung nicht durchgeführt) wurde. Drittens waren die Unternehmer der Familie Brenninkmeyer nicht nur bekennende Katholiken, sondern lebten ihren Glauben auch außerhalb des privaten Raums aus und machten ihn zu einem Teil der Spendenpraxis (die nur widerwillig an die Forderungen des NS-Staats angepasst wurde) und der Betriebs- und insbesondere auch der Mitarbeiterführung (inklusive rigider moralischer Maßstäbe, die vor allem an die Verkäuferinnen angelegt wurden).
Die sich aus diesen Elementen ergebenden Probleme behandelt Spoerer auf überzeugende Weise in seiner Analyse des Agierens des Unternehmens (sowie der Familie) während des Nationalsozialismus. Die Niederlande und Großbritannien, die anderen Staaten, in denen das Unternehmen Niederlassungen unterhielt, fungieren dabei zum einen als Vergleichshorizonte, vor denen sich die Aktivitäten in Deutschland besser einordnen lassen, geben aber zum anderen auch immer einen informierten Einblick in die dortigen Unternehmensentwicklungen sowie die unterschiedlichen Konsumgewohnheiten im Kleidungsbereich.
Sicher ließe sich bei der Arbeit die gewählte Zäsur für das Ende des Untersuchungszeitraums kritisieren; man wüsste schon gern mehr darüber, wie die Geschichte nach dem gelungenen (aber sicher nicht immer unproblematischen – Spoerer berichtet von ebenso interessanten wie aus heutiger Perspektive eigenartig fremd wirkenden Massenprotesten gegen die Eröffnung neuer C&A-Filialen, die insbesondere von Gewerkschaften getragen wurden) Wiederaufbau des Unternehmens vor allem in Westdeutschland weiterging. Wie agiert ein Unternehmen, das vor allem auf den niedrigen Preis als Argument setzt, in Zeiten der sich voll entwickelnden Konsumgesellschaft der 60er Jahre? Wie verhält es sich bei der «Rückkehr der Knappheitsrhetorik» (Michael Prinz) in den 70er Jahren, in denen das eigene Angebot einer konsumwilligen, aber gleichzeitig von ubiquitärer Krisenrhetorik heimgesuchten Gesellschaft doch wohl passgenau entsprochen haben dürfte? Diese Punkte sind allerdings weniger als Kritik am Buch zu verstehen, sondern deuten vielmehr darauf hin, dass es Spoerer gelungen ist, das Interesse so zu wecken, dass man gerne noch mehr erfahren würde.
Spoerers Band fügt sich insgesamt sehr gut in die neueren Arbeiten zur Geschichte des Einzelhandels ein. Einer der Pioniere dieses Forschungsfelds, Uwe Spiekermann, hat zahlreiche Hinweise auf Themen gegeben, denen sich die Forschung widmen sollte – als ein Beispiel sei hier nur die Frage des Ladenschlusses genannt, die Spoerer am Beispiel von C&A zu einer spannenden Streitgeschichte zwischen Unternehmensführung, Konsumenten und Konsumentinnen, Gewerkschaften und kleinformatigerer Konkurrenz verdichtet. Auch der Forderung Ralf Bankens, sich nunmehr vermehrt Einzelhandelsbetrieben aus dem Non-Food-Bereich anzunehmen, kommt Spoerer mit dem Beispiel C&A nach und führt so die historische Einzelhandelsforschung in neue Themenfelder. Von den acht von Lydia Langer und Ralph Jessen ausgemachten Themengebieten, die eine methodisch reflektierte und theoretisch informierte Erforschung des Einzelhandels anzugehen habe, finden sich bei Spoerer überzeugende Beispiel aus der Unternehmensgeschichte von C&A: die Struktur des Familienunternehmens wird ebenso transparent gemacht wie die Unternehmensstrategien; der Kommodifizierung immer größerer Teile des Lebens wird anhand der Opposition Selbernähen versus Einkauf bei C&A nachgegangen, die unterschiedlichen Stakeholder des Unternehmens nicht nur benannt, sondern in ihrer jeweiligen Funktion und ihren Interessen analysiert. Räumliche und technologische Wandlung bei und durch C&A thematisiert Spoerer ebenso wie die Erarbeitung und Verbreitung neuen Wissens im Einzelhandelsunternehmen und die Frage nach den Gründen für Kaufentscheidungen der Konsumenten und Konsumentinnen.
Insgesamt handelt es sich bei Spoerers Buch also um eine Arbeit, die nicht nur das Thema C&A (im gewählten Untersuchungszeitraum) vorbildlich breit analysiert, sondern darüber hinaus auch als vorbildliche Studie für die Erforschung anderer Einzelhandelsbetriebe (auch aus anderen Branchen) dienen kann.
© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston
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