Startseite II. Die Königsgerichtsbarkeit und das privilegium fori im deutschen Spätmittelalter (1273–1400)
Artikel
Lizenziert
Nicht lizenziert Erfordert eine Authentifizierung

II. Die Königsgerichtsbarkeit und das privilegium fori im deutschen Spätmittelalter (1273–1400)

  • Masaki Taguchi
Veröffentlicht/Copyright: 28. Juni 2023

Summary

This article studies the relationship between the German royal jurisdiction and the clerical privilege about jurisdiction (privilegium fori) from 1273 to 1400. In investigating this it is important to consider that many conflicts in which the clergy participated were decided at the sovereign court through reconciliation and arbitration. From the end of the 13th century to the begin of the 14th century, the privilegium fori was respected in principle at the rulers‘ courts, but the privilege was invalid when a cleric fell into conflict with the king himself. Especially clerics with good connections to the court – such as the clerical princes – began to submit to the royal jurisdiction. At the end of the reign of the Wittelsbach Louis IV clerical cases were often treated at the sovereign court during a severe confrontation between the emperor and the Curia. At the same time the imperial court tribunal began to be active. From the middle of the 14th century, under the Luxemburg emperor Charles IV, the clerical privileges of the suit and forms of the process at the ruler court developed further. If the court tribunal had accepted lawsuits against the clergy, Charles IV intervened in favor of the defendant. At the end of the 14th century, under Wenceslas, the parties promoted the ‘Verrechtlichung‘ of the Holy Roman Empire in the later middle ages.

Zusammenfassung

Der vorliegende Aufsatz behandelt das Verhältnis zwischen der deutschen Königsgerichtsbarkeit und dem klerikalen Gerichtsprivileg (privilegium fori) im Zeitraum von 1273 bis 1400. Bei der Untersuchung gilt es zu berücksichtigen, dass zahlreiche Konflikte, an denen Geistliche beteiligt waren, am Herrscherhof durch Vergleich und Schiedsspruch entschieden wurden. Vom ausgehenden 13. Jahrhundert an wurde das privilegium fori am Herrscherhof im Prinzip respektiert, aber das Privileg war ungültig, wenn ein Kleriker in Konflikt mit dem König selber geriet. Bei besonders herrschernahen Geistlichen, wie den geistlichen Fürsten, begann sich ihr besonderer Gerichtsstand am Herrscherhof herauszubilden. In der Spätphase der Regierungszeit Ludwigs IV. wurde die Geistlichkeit häufig verklagt, im Zusammenhang mit der zugespitzten Auseinandersetzung zwischen dem Kaiser und der Kurie einerseits und der zunehmenden Tätigkeit des kaiserlichen Hofgerichts andererseits. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts verfeinerte sich die Behandlung des klerikalen Gerichtsprivilegs unter Karl IV. Nahm das Hofgericht Klagen gegen die Geistlichkeit an, griff Karl IV. zugunsten der Beklagten ein. Im ausgehenden 14. Jahrhundert trieben die Beteiligten unter König Wenzel Differenzierungen des privilegium fori voran, und damit zugleich die Verrechtlichung des Heiligen Römischen Reiches im Spätmittelalter.

Inhalt: I. Einleitung, S. 63. – II. Die Zeit von Rudolf I. bis Heinrich VII. (1273–1313), S. 66, 1. Vorbemerkungen, 2. Geltendmachung und Beachtung des privilegium fori am Herrscherhof, 3. Die Geistlichen als Beklagte am Herrscherhof, a) Konflikte mit dem König selbst, b) Naheverhältnis zum Königtum, 4. Zusammenfassung. – III. Die Zeit Ludwigs IV. (1314–1347), S. 90. – IV. Die Zeit Karls IV. (1346–1378), S. 97, 1. Differenzierung des Streitgegenstandes und der Verfahren, 2. Der Gerichtsstand der geistlichen Fürsten am Herrscherhof, 3. Das Hofgericht und Karl IV., 4. Zusammenfassung. – V. Die Zeit Wenzels (1376–1400), S. 112. – VI. Schluss, S. 125.


– Der Verfasser dankt Frau Prof. Karin Nehlsen-von Stryk herzlich für sprachliche Korrekturen und inhaltliche Anregungen. Die diesem Aufsatz unterliegenden Studie wurde von der Japan Society for the Promotion of Science [JSPS] finanziell unterstützt (19H01402).


Published Online: 2023-06-28
Published in Print: 2023-06-27

© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Artikel in diesem Heft

  1. Frontmatter
  2. Aufsätze
  3. I. Uneheliche Söhne zwischen Erbrecht und Weiheverbot: Norm und Praxis von Illegitimität im ausgehenden Frühmittelalter
  4. II. Die Königsgerichtsbarkeit und das privilegium fori im deutschen Spätmittelalter (1273–1400)
  5. III. Mediatio und superioritas
  6. IV. Erzählen vor Gericht: Die Basler Zeugenverhörprotokolle der Jahre 1475–1480
  7. V. Securitas. Die Debatte um Unverletzlichkeit und Immunität in der politischen und Rechtstheorie der Diplomatie vom 13. bis zum 18. Jahrhundert
  8. VI. Freedom of Testation in the Revolutionary and Napoleonic Legislation
  9. VII. Entspricht das jetzt dem Volksgeist? Geltungsfragen im „Heutigen Römischen Recht“
  10. VIII Das Reichsoberhandelsgericht als Cour de Cassation für Elsass-Lothringen und seine Rechtsprechung in Zivilsachen (1871–1879)
  11. Miszellen
  12. Zur Identifikation von Extravagante 26 des Liber Papiensis in der Hs. Mailand, Biblioteca Ambrosiana O. 55 sup
  13. Das Hienrecht – ein unbekannter Begriff der mittelalterlichen Rechtssprache
  14. Ergänzungen zu „Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters und ihre Handschriften“
  15. Ein Bruch mit der Tradition und eine Gefahr für den Reichsfrieden? Die Errichtung der Neunten Kur im Urteil des Reichshofratsconclusums vom April 1693
  16. Ius commune on the Periphery? A Study of Peasants’ Wills in Poland in the XV–XVII centuries
  17. Konrad Maurers Briefe in öffentlichen Sammlungen. Ein Nachtrag
  18. Agrarrechtsgeschichte – ein konstitutiver Gegenstand der Erforschung landschaftsbezogener Rechtsgemeinschaften
  19. Unter einem „neuen Himmel“? Wachstum und Wandel im juristischen Publikationswesen an der Wende zum 20. Jahrhundert
  20. In the shadow of Auschwitz … Jews before Special Courts of the ‘Third Reich’ 1933–1945
  21. Repository for Digital Editions of Legal Historical Sources: ‘IURA. Sources of Law from the Past’)
  22. Literatur
  23. 100 Jahre Bundes-Verfassungsgesetz. Verfassung und Verfassungswandel im nationalen und internationalen Kontext
  24. Andres, Hannah, Karl Peters (1904–1998)
  25. Authorities in Early Modern Law Courts
  26. Autonomie des Rechts nach 1945. Eine Veröffentlichung aus dem Arbeitskreis für Rechtswissenschaft und Zeitgeschichte an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur /Mainz
  27. Der Bardewiksche Codex des Lübischen Rechts von 1294
  28. Barta, Heinz, Der Gabentausch. Eine verwirklichte Utopie? Zugleich ein Beitrag zur Unterscheidung der normativen Epochen „Gegenseitigkeit“ und „Recht“ sowie zur Rechtsgeschäftslehre und Rechtsethnologie
  29. Beginn der Gegenwart. Studien zur juristischen Zeitgeschichte der 1980er Jahre
  30. Buggeln, Marc, Das Versprechen der Gleichheit
  31. The Cambridge Companion to Hugo Grotius
  32. Decock, Wim, Le marché du mérite
  33. Douglas, Lawrence R., Späte Korrektur
  34. Durchbruch der Moderne? Neue Perspektiven auf das 19. Jahrhundert
  35. Emanzipation und Recht. Zur Geschichte der Rechtswissenschaft und der jüdischen Gleichberechtigung
  36. Flam, Helena, Juristische Expertise zwischen Profession und Protest
  37. Flechsig, Katharina, Von Causenflickern und Rittern der Rechte
  38. Fortini, Orsolina, Deutsche Einflüsse auf den italienischen Codice di Commercio von 1882
  39. Glossen zum Sachsenspiegel-Landrecht. Petrinische Glosse
  40. Gluth, Sophia, Der apokryphe Nietzsche
  41. Graeber, David/David Wengrow, Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit
  42. Hachenburg, Max, Wie eine Riesenwoge rauscht das Schicksal auf uns zu – Kolumnen in der Deutschen Juristenzeitung 1918–1933
  43. Lischka, Julia, Umgang mit Unrecht – Die Aufhebung von während der NS- und DDR-Zeit ergangenen strafrechtlichen Unrechtsurteilen
  44. Haug, Tilman, Städtische Verwaltung und Justiz in der Frühen Neuzeit
  45. Hilscher, Désirée, Den Helden geschaffen
  46. Die Idee subjektiver Rechte
  47. Hermann Kantorowicz’ Begriff des Rechts und der Rechtswissenschaft
  48. Kikuchi, Shigeto, Herrschaft, Delegation und Kommunikation in der Karolingerzeit
  49. Lahusen, Benjamin, „Der Dienstbetrieb ist nicht gestört“
  50. Landau, Peter, Deutsche Rechtsgeschichte im Kontext Europas
  51. Martin, Pascal, Friedrich Ludwig Keller, théoricien et praticien du procès civil
  52. Martius, Carl Friedrich Philipp von, Von dem Rechtszustande unter den Ureinwohnern Brasiliens
  53. Zur Mühlen, Roland von, Mit schweren Schritten aufs Schafott
  54. Neumann, Volker, Volkswille
  55. Wilhelm von Ockham, De iuribus Romani imperii /Das Recht von Kaiser und Reich
  56. Priemel, Kim Christian, The Betrayal
  57. Vom Konzessions- zum Normativsystem. Materialien zur Aktienrechtsnovelle 1870
  58. Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt Kassel
  59. Schütz, Tim, „Hoffnungslose Kriminelle“ und „Neigungstäter“
  60. Philipp von Schweinitz, Justizbauten als ࿤sthetischer Ausdruck des Rechts
  61. Schweitzer, Doris, Juridische Soziologien. Recht und Gesellschaft von 1814 bis in die 1920er Jahre
  62. Sorge, Christoph, Abh࿤ngige Autoren
  63. Speich, Heinrich, Burgrecht
  64. Staudigl-Ciechowicz, Kamila Maria, Das Dienst-, Habilitations- und Disziplinarrecht der Universit࿤t Wien 1848–1938
  65. Steinfels, Marc/Helmut Meyer, Vom Scharfrichteramt ins Zürcher Bürgertum
  66. Strafverfolgung in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin (West)
  67. Die Tiroler Landesordnungen von 1526, 1532 und 1573
  68. Urteiler, Richter, Spruchkörper. Entscheidungsfindung und Entscheidungsmechanismen in der Europäischen Rechtskultur
  69. Francisco de Vitoria, De iustitia. Über die Gerechtigkeit, Teil III
  70. Vorderfflik twistringhe unde twydracht. Städtische Konflikte im späten Mittelalter
  71. Welch gütiges Schicksal! Ernst-Wolfgang Böckenförde/Carl Schmitt: Briefwechsel 1953–1984
  72. Wilangowski, Gesa, Frieden schreiben im Spätmittelalter
  73. Zwischen Aufarbeitung und Geheimhaltung: Justiz- und Behördenakten in der Zeitgeschichtsforschung
  74. Neuerscheinungen
  75. Nachrufe
  76. Diethelm Klippel
  77. Das Mühlhäuser Rechtsbuch. Auf dem Weg zu einer Neuedition
  78. Zum 43. Rechtshistorikertag Zürich 2022
Heruntergeladen am 29.11.2025 von https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/zrgg-2023-0002/html
Button zum nach oben scrollen