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Yves Lenzin: Isländersagas. Verschriftlichung und Politisierung

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Veröffentlicht/Copyright: 6. Juli 2023
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Yves Lenzin Isländersagas. Verschriftlichung und Politisierung. Basel, 2021.


Die vorliegende Studie versucht auf einem unkonventionellen Weg, die Kausalitäten zu erhellen, welche hinter der Entstehung der Isländersagas als literarisches Genre standen. Hierzu werden in der Kombination philologischer und geschichtswissenschaftlicher Zugänge die Laxdœla saga und die Fóstbrœðra saga einer näheren Analyse unterzogen und ihre politischen Konstitutionsbedingungen rekonstruiert. Vor dem Hintergrund der in den letzten Jahrzehnten dominierenden Paradigmen und Schwerpunkte der Sagaforschung und in ihrer konkreten Durchführung bedeutet diese Hinwendung zu einer politikgeschichtlich angeleiteten textgenetischen Fragestellung eine Neuerung, ebenso wie ihre Ergebnisse etablierte Vorstellungen von der Emergenz der Íslendingasögur herausfordern.

Yves Lenzin geht zunächst von der Feststellung aus, dass es zwar an Hypothesen zum Verhältnis von oraler Tradition, der Literaturgattung Isländersaga und ihren Wechselwirkungen nicht mangele, jedoch die Frage nach den konkreten Gründen für die erstmalige schriftliche Komposition einzelner Sagas noch kaum behandelt sei. Dies verbindet er mit der Kritik, die literaturgeschichtlich angeleitete Forschung behandle zu sehr das Genre als Ganzes und habe dabei die individuelle Konstitutionslogik der einzelnen Texte vernachlässigt. Diesen sehr kenntnisreich und forschungsgeschichtlich breit aufgestellten Überlegungen vermag man gut zu folgen; die tour d’horizon durch die Forschungsgeschichte führt von der Isländischen Schule über die anthropologisch und von der oral poetry-Forschung angeleiteten Arbeiten bis zum geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand, wobei den Arbeiten Axel Kristinssons zum Zusammenhang von territorialer Macht und der Entstehung von Isländersagas im 13. Jahrhundert besondere Aufmerksamkeit zukommt. Grundsätzlichen Erwägungen, die gegen die Gangbarkeit des modernen Autor-und Werkbegriffs für die Handschriftenkultur erhoben werden, hält Lenzin entgegen, dass mündliche Tradition sich nicht anlasslos auf Pergament manifestiere, sondern die Bewältigung des Medienwechsels, die Überwindung eines Anfangswiderstands, pragmatischen politischen Zwecken folgen und hierin einen wesentlichen Anlass finden müsse. Es gelte also, die Intention hinter der Urfassung zu rekonstruieren, wobei die beiden hier gewählten Sagas selbst sowie Gegenwartssagas als Informationslieferanten zum Entstehungskontext dienen. So gut begründet ersteres erscheint, so problematisch erweist sich letzteres, wenn einmal mehr die Sturlunga saga als bloßer Datenlieferant herhalten muss. Dies erweist sich hinsichtlich Lenzins Fragestellung auch deshalb als problematisch, weil sie nicht nur extrem selektiv isländische Geschichte erzählt, sondern zudem Texte enthält, die zum Teil älter sind als so manche Isländersaga, so dass auch auf kompositorischer Ebene mit Kontaminationen zwischen beiden Gattungen zu rechnen ist.

In einer ausführlichen und kleinschrittig argumentierenden “Positionsbestimmung” (S. 61–133) führt Lenzin in die isländische Geschichte ein und begründet sein Festhalten am Konzept eines Autors, der gezielt aus einem Netz an genealogisch orientiertem Wissen, an das er referentiell gebunden ist, selegiert und daran orientiert seine Erzählung komponiert. Geschickt abgesichert wird diese Überlegung mit Hilfe der Memory Studies, indem zwischen der Situation einer konkreten politischen Kommunikationsabsicht zur Zeit der Entstehung der Saga und ihrer späteren Situierung als Teil des kulturellen Gedächtnisses und der Identität der Isländer nach der Sturlungenzeit unterschieden wird. Es ist allerdings fraglich, ob man mit Lenzin die Grenze bei der formalen Anerkennung norwegischer Königsherrschaft 1262/64 ziehen mag oder wie hier nicht berücksichtigte Forscherinnen und Forscher diese verfassungsgeschichtliche Demarkationslinie für weniger relevant hält. Wenn man sich vor Augen führt, wie sehr sich die Njáls saga, die Bandamanna saga und Hœnsa-Þóris saga deutlich später an der Auslegung des Rechts abarbeiten, das mit der Einführung der Jónsbók 1281 im Wandel befunden ist, wird die Grenze des Übergangs der Isländersagas zu kulturellen Texten wohl später anzusetzen sein, zumal, wie Lenzin anmerkt, die genealogische Herleitung von Prestige fortgesetzt relevant bleibt. Begrüßenswert ist die kenntnisreiche Diskussion der Datierungsfrage, die aufgrund der einseitigen Beschäftigung früherer Forschergenerationen mit textgenetischen Aspekten zwar in Verruf geriet, nichtsdestoweniger aber aus historisch-anthropologischer Sicht bedeutsam und legitim bleibt. Lenzin bricht hier eine Lanze für die Errungenschaften der Isländischen Schule, was er in den folgenden Saga-Analysen mit philologischer Präzision zu untermauern weiß.

Die Laxdœla saga wird als erstes Fallbeispiel im Hinblick auf ihre Aussagen zu Isländern in der Fremde, insbesondere am norwegischen Königshof, zu Fremden auf Island, dem Islandbild und der Repräsentation und Funktion verschiedener Gesellschaftsschichten analysiert. Dabei wird nicht ansatzlos zu einer solchen Tendenzanalyse und Rückschlüssen auf die Intention der Autorinstanz übergegangen, sondern zunächst die Handschriftenüberlieferung dargelegt und ein kleinteiliger Vergleich relevanter Textpassagen zwischen den verschiedenen Redaktionen vorgenommen. So wird gezeigt, wie die Schreiber mit dem Text umgingen: Zwar finden sich vor allem auf stilistischer Ebene wiederholt kleinere Eingriffe, doch bleiben alle Redaktionen denselben Aussagen verpflichtet und wahren auch angesichts von Berührungsflächen etwa mit den verschiedenen Fassungen der Óláfs saga Tryggvasonar die Eigenart des jeweiligen Texts. Anhand dieser Beispiele gelingt es Lenzin, die relative Stabilität und damit auch die Zulässigkeit des Rückschlusses auf die Aussagen eines hypothetischen Urtextes zu plausibilisieren. Seine exemplarische Analyse der Inhalte lässt die Laxdœla saga so als das Werk eines Isländers der Sturlungaöld erscheinen, der die norwegischen Könige und enge Verbindungen zu Norwegern ausgesprochen positiv sieht, Island mit seinen begrenzten Ressourcen als einen für vornehme Männer zu überwindenden Raum darstellt und auf die Elite fokussiert, ohne dabei der überkommenen isländischen Ordnung mit den Goden und dem Alþingi besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Als Autor aus Dalir, der ab 1252 eine royalistische Position auf Island vertreten haben könne, schlägt Lenzin in Übereinstimmung mit P. Hallbergs lexikometrischen Studien Óláfr Þórðarson hvítaskáld vor, der ausweislich der Þorgils saga skarða eben jenen mit ihm verwandten Þorgils als königlichen Favoriten für die Herrschaft über Island unterstützte.

Ist diese Hypothese durchaus hilfreich, um zumindest die Darstellung des Konflikts im zweiten Teil der Saga als selbstzerstörerisch in ihrem zeitbezogenen Kontext jenseits einer rein ästhetischen Projektion von Mustern der Heldensage auf die “eigene” Geschichte nachvollziehen zu können, zeigen sich bei der folgenden Analyse der Fóstbrœðra saga die Grenzen dieser Vorgehensweise. Zunächst wird die Verehrung für Óláfr inn helgi deutlich, ebenso ein weniger elitenfixiertes Gesellschaftsbild als bei der Laxdœla saga; allein die Familie der Reyknesingar wird genealogisch herausgehoben. Gut begründet werden die für diese Saga charakteristischen gelehrten und erbaulichen Anmerkungen als Element der Erstfassung erwiesen, die den postulierten Autor der geistlichen Sphäre zuweisen; auch sein Humor im Umgang mit den Hauptfiguren und der exorbitanten Gewalt im Text wird überzeugend dargelegt. Wiederum erweist sich der Textstellenvergleich als überaus nützlich, zumal die Redaktionen der Fóstbrœðra saga ganz erheblich divergieren. Auch hier aber sind die konkreten Aussagen über die Figuren und ihre Handlungen verblüffend stabil. Problematisch wird jedoch die Suche nach einem Autor. Vermag man den meisten Argumenten für eine frühe Datierung (keine erkennbare Textvorlage, Rezeption in der Legendarischen Óláfs saga helga über mündliche Vermittlung, Cursus als Merkmal früher geistlicher Texte) zu folgen, so ist die selbstsicher vorgetragene Identifikation des Autors mit Ingimundr Einarsson (ca. 1090–1172) und die daraus abgeleitete Datierung der Fóstbrœðra saga in die Zeit zwischen 1130 und 1170 (nach dem Ersten Grammatischen Traktat) hochproblematisch. Lenzin kommt zu diesem Schluss, weil er einen den Reyknesingar zugehörigen, dem geistlichen Stand angehörenden, in Skaldik bewanderten, humorvollen Autor sucht und besagter Ingimundr – zufällig, möchte man betonen – in der Þorgils saga ok Hafliða im Kontext der berühmten Digression über mündlichen Sagavortrag im Jahre 1119 anlässlich einer Hochzeit begegnet. Hier wird deutlich, dass der Sprung von der philologischen Analyse zur Kontextverankerung zu groß ist. Was Lenzin in seiner Textanalyse herausarbeitet, stellt nämlich weniger ein Autorprofil als vielmehr ein Phantombild dar. Mit anderen Worten: Zweifellos wird man sich als Autor einer Erstfassung der Fóstbrœðra saga eine Person wie Ingimundr vorstellen, doch kommen hierfür zahlreiche Isländer auch um bzw. nach 1200 in Betracht, die wir mangels Aufmerksamkeit etwa der Íslendinga saga für diese Zeit schlicht nicht kennen. Für die Datierung, aus der Lenzin eine grundstürzende Änderung der Geschichte der Sagaliteratur ableiten will, besagt diese sehr lose Parallele für sich allein praktisch nichts.

Damit sei keineswegs gesagt, dass textgenetisch nicht sein kann, was genregeschichtlich nicht sein darf. Man hätte aber zur weiteren Plausibilisierung einer Genese der Íslendingasögur im 12. Jh. jenseits einer sehr unsicheren Autorenidentifikation das tun müssen, was Lenzin selbst eingangs fordert: die Grenze des Genres überschreiten. Die Entwicklung des Prosimetrums in den Konungasögur (Óláfs saga Tryggvasonar und Orkneyinga saga), der Prolog der Hungrvaka, Humor und erbaulicher Kommentar in der Sverris saga böten weitere wichtige Anhaltspunkte zur Situierung des in der Fóstbrœðra saga Vorgefundenen. Auch die Struktur der Gesamterzählung könnte eine stärkere Rolle spielen, etwa die zwei Zeitalter der Laxdœla saga zwischen Frieden und heldensageartigem Konflikt, aber auch die Steigerung der Gewalt in der Fóstbrœðra saga vom Nutzen für die Gesellschaft hin zur Disruption. Die Fóstbrœðra saga erscheint dann nicht zwangsläufig als jene strukturarme Sammlung von Tradition, als die T. M. Andersson und andere frühe Sagas ansprechen. Weiterhin bedürfte das Prosimetrum der Skaldensagas der Diskussion, denn sie sind entgegen Lenzins Aussage nicht insgesamt als früh anzusprechen und gerade die hier dominanten lausavísur keineswegs automatisch als authentischer Kern einer um sie entstehenden Begleitprosa; sie unterliegen vielfach einer wechselseitigen Aushandlung mit der Prosanarration. Zwischen der Tendenzanalyse einzelner, obgleich sehr gut gewählter Themen und dem Schluss auf einen Autor müsste also ein Gesamtbild der Narration und des sich ergebenden Gesellschaftsbildes stehen, ebenso wie ein Blick auf die Nachbargenres und ihre Politisierung. Die abschließenden, stichprobenartigen Seitenblicke auf die Reykdœla saga ok Víga-Skútu und die Hœnsa-Þóris saga tragen auch deshalb nicht zur weiteren Klärung bei, weil sie in ihren hypothetischen Autorenzuweisungen auf Sekundärliteratur bauen.

Lenzin legt die eigenen Überlegungen und Argumente sehr transparent dar, wobei der Stil des Forschungsberichts den Leser stets mitnimmt, mitunter aber gleichsam in Schleifen am selben Ort vorbeiführt. Wäre also teils eine straffere Darstellung möglich gewesen, ist doch ihre große Luzidität zu würdigen. Die Studie wurde nicht als Dissertation eingereicht und entstand abseits des Universitätsbetriebs, beruht allerdings auf einer Masterarbeit. Ihre Qualitäten stehen außer Frage, doch wird auch erkennbar, dass ihr ein Kolloquium bzw. eine Betreuung genutzt hätte, wenn zum Beispiel mit einem obsoleten Germanenbegriff hantiert und von “germanischen Werten” gesprochen wird, wo eigentlich die sagazeitliche Fehde gemeint ist. Hinsichtlich der Forschung zur Causa scribendi bzw. Konstitutionslogik historiographischer Texte hätte bestehende Forschung (G. Althoff, K. Schulmeyer-Ahl) zur Schärfung des Arguments beigetragen. Auch finden sich in der Skandinavistik durchaus mehr Arbeiten zum Komplex von Politik, kulturellem Gedächtnis und Literaturgenese als Lenzin berücksichtigt (v. a. L. Boje Mortensen zu “schneller Geschichtsschreibung”, P. Hermann, L. Lönnroth, J. Zernack, L. Wamhoff, R. Scheel), so dass die Postulierung eines “radikal neuen Zugangs” etwas hoch gegriffen wirkt. Von diesen Einwänden abgesehen stellt Yves Lenzins Buch eine sehr eigenständige Leistung dar, die vor allem die Individualität der Sagatexte und ihre Kohärenz auch in der vormodernen Handschriftenkultur vor Augen führt. Sie provoziert zwar partiell zum Widerspruch, deutlich mehr aber zum Nach-und Weiterdenken, und so ist ihr ein breites Publikum zu wünschen.


Corresponding author: Roland Scheel, Institut für Nordische Philologie/Skandinavistik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Münster, Deutschland, E-mail:

Online erschienen: 2023-07-06
Erschienen im Druck: 2023-04-25

© 2023 the author(s), published by De Gruyter, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License.

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  1. Frontmatter
  2. Articles
  3. Raum- und zeitsemantische Oppositionen als Analysekriterium: Beispiellektüren skandinavischer Gedichte (Staffeldt, Ibsen, Christensen, Tranströmer)
  4. Genkendelse og ønsket om at glemme. Anagnorisis i Morten Borgersens Jeg har arvet en mørk skog (2012) og Wencke Mühleisens Kanskje det ennå finns en åpen plass i verden (2015)
  5. Ekokritiska perspektiv i Maria Parrs Keeperen og havet
  6. The Fleece of the Ram
  7. Mnemonic ‘Boundary Objects’ and Postcolonial Restitution
  8. Precursors of Sociolinguistic Typology
  9. The Gender Incongruency Effect in L3 Swedish due to Imperfect Gender Acquisition in L2 German
  10. Book Reviews
  11. Ebba Hjorth (Hauptherausgeberin), Henrik Galberg Jacobsen, Bent Jørgensen, Birgitte Jacobsen, Laurids Kristian Fahl: Dansk Sproghistorie
  12. Frode Ulvund: Religious Otherness and National Identity in Scandinavia, c. 1790–1960: The Construction of Jews, Mormons, and Jesuits as Anti-Citizens and Enemies of Society
  13. Anne Klara Bom: H. C. Andersen som kulturelt ikon
  14. Philipp Wagner: Chronotopische Insularitäten. Zur Inseldarstellung in den skandinavischsprachigen Literaturen um 1900 und der Gegenwart
  15. Erik Zillén: Fabelbruk i svensk tidigmodernitet. En genrehistorisk studie
  16. Carolin Löher: Dachmarke Literatur. Die Literaturvermittlungsinstitution Literaturhaus in Deutschland und Skandinavien
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  18. Gunilla Hermansson/Jens Lohfert Jørgensen: Exploring NORDIC COOL in Literary History
  19. Yves Lenzin: Isländersagas. Verschriftlichung und Politisierung
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