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Jede Büchersammlung ein Werk für sich?

Wege und Charakteristika bibliothekarischer Provenienzrecherche: Vier Beispiele aus der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen
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Veröffentlicht/Copyright: 10. Oktober 2020
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Zusammenfassung

Der Beitrag beleuchtet anhand von vier Projekten aus der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen Wege und Charakteristika bibliothekarischer Provenienzrecherche. Vorgestellt werden: 1. Die Sammlung des Polyhistors und Bücherliebhabers Melchior Goldast von Haiminsfeld, 2. Provenienzrecherchen im Kontext von NS-Raubgut; 3. Sogenanntes kriegsbedingt verlagertes Kulturgut und 4. Das Digitalisierungsprojekt Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus.

Abstract

The article illustrates methods of provenance research at the State and University Library Bremen using four examples. 1. The book collection of polymath and bibliophile Melchior Goldast von Haiminsfeld; 2. Provenance research in the context of Nazi looted cultural assets; 3. Cultural assets relocated due to the war, and 4. The digitization project Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus [Digital Collection on German Colonialism).

Der Stellenwert der Provenienzforschung ist in Bibliotheken in Deutschland in der letzten Zeit stetig gestiegen; dies zeigt sich auch in der Formulierung eines „Proveniencal turn“ (im Sinne des linguistic, iconic etc. turn in den Kulturwissenschaften) als „ein neues Paradigma […], welches das Potenzial hat, zur Leitkategorie und zum Orientierungspunkt kulturwissenschaftlichen Arbeitens zu werden“. Die öffentlichen Diskurse über bibliothekarische Provenienzrecherche wurden lange Zeit von der Erforschung des im nationalsozialistischen Deutschland unrechtmäßig verlagerten Kulturguts dominiert, des sogenannten NS-Raubguts. Gegenwärtig erweitern die Provenienzrecherchen nach den „Entziehungen in der Sowjetischen Besatzungszone“ und den Kulturgütern aus kolonialen Kontexten den öffentlichen Diskurs und bilden weitere Schwerpunkte des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste.

Dabei gehört Provenienzrecherche als das Bemühen, „historische Kontexte der Aneignung und Translokation von Kulturgütern“ zu rekonstruieren, zu den Kernkompetenzen von Bibliothekaren, die sich mit historischen Beständen befassen, und findet als solche seit jeher in Bibliotheken statt. In der bibliothekarischen Arbeit umfasst der Oberbegriff der Provenienzrecherche eine Vielzahl Tätigkeiten, Ziele, Herangehensweisen, die sich entsprechend ihres Kontextes unterscheiden. Der folgende Beitrag beleuchtet anhand von vier Provenienzprojekten die Charakteristika bibliothekarischer Provenienzrecherche in der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. Zunächst wird die Provenienzrecherche am Beispiel der Sammlung des Polyhistors und Bücherliebhabers Melchior Goldast von Haiminsfeld vorgestellt, die ein wesentliches Ferment des Gründungsbestands der SuUB Bremen bildet. Die weiteren Abschnitte befassen sich mit Provenienzrecherchen im Kontext von NS-Raubgut sowie mit Kriegsverlusten, bevor ein aktuelles Digitalisierungsprojekt vorgestellt wird, die Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus. Die vier Abschnitte folgen diesem Aufbau: 1. Beschreibung des Projekts, 2. Vorstellung der Provenienzrecherche und 3. Betrachtung der zentralen Charakteristika (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) der Provenienzrecherche im Kontext des jeweiligen Vorhabens. Diesem Ansatz ist es geschuldet, dass die einzelnen Projekte nicht mit all ihren Details beschrieben werden; dies ist oftmals bereits an anderer Stelle geschehen.

1. Der Gründungsbestand der SuUB Bremen: Die Büchersammlung des Melchior Goldast von Haiminsfeld

Die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen blickt heute auf eine 360jährige Geschichte zurück. Die Gründung ihrer Vorgängerinstitution, der Bibliotheca Bremensis, im Jahr 1660 ist mehreren Umständen zu verdanken: Neben dem obrigkeitlichen Interesse an einer Bibliotheksgründung in der in der Hansestadt erstarkenden Aufklärung ist zuvorderst die Notwendigkeit zu erwähnen, mehrere im öffentlichen Raum vorhandene Büchersammlungen räumlich und organisatorisch zu vereinen.

Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Büchersammlung des reformierten Schweizer Gelehrten und Bibliophilen Melchior Goldast von Haiminsfeld (wahrscheinlich 1578–1635). Geboren in Bischofszell, zeigte sich bereits beim Jurastudium in Altdorf (und möglicherweise Ingolstadt) die Vorliebe des späteren Polyhistors für Bücher: Die hier angefertigten Vorlesungsmitschriften wurden sorgsam aufbewahrt und später in die eigene Büchersammlung integriert. 1597 erfolgte die Promotion mit einer philosophischen und einer juristischen Disputation zum Magister Artium, vorgesehene weitere Studien bis zum Doktorgrad mussten wohl wegen Geldmangels aufgegeben werden.

Es begannen fast fünfzehn unstete Jahre, bis er eine feste Anstellung fand: Die Biographie Goldast von Haiminsfelds offenbart ein für seine Zeit nicht unübliches, unstetes Gelehrtenleben in verschiedenen Städten. Nach einigen Jahren in der Schweiz (1597–1606) folgten Aufenthalte in Frankfurt am Main (1606–1615), in Bückeburg (1615–1624), wieder Frankfurt am Main (1624–1632) und schließlich in Gießen (1632–1635). Mit seinen Tätigkeiten als freier Schriftsteller, Rechtsberater, juristischer Sachverständiger, als Verleger wechselten auch seine Einkommensverhältnisse mitunter stark. Gleichbleibend war jedoch sein Interesse für Bücher: Im Laufe der Zeit konnte Goldast eine umfangreiche Bibliothek aufbauen. Seine Sammlung diente ihm als Arbeitsbibliothek, war aber auch Ausdruck seiner Bibliophilie. In ihr befanden sich zum einen Publikationen unterschiedlicher Fachrichtungen, die seine aktuellen beruflichen und privaten Interessen widerspiegeln: Juristische, literarische, medizinische und theologische Werke. Zum anderen enthält die Bibliothek mittelalterliche und neuzeitliche Manuskripte sowie von Goldast selbst verfasste Werke, zahlreiche juristische Gutachten aus seiner Feder sowie handschriftliche Kopien älterer, meist mittelalterlicher Werke und Korrespondenzen. Für letztere spielt seine „Schweizer Zeit“ eine bedeutende Rolle. Die Aufenthalte in St. Gallen mit anschließender Tätigkeit in Genf und in Bischofszell bilden den Ausgangspunkt für Goldasts Editionen. Hier wurde er für Bartholomäus Schobinger (1566–1604) tätig. Schobinger plante eine Veröffentlichung der historischen Schriften des Joachim von Watt. Er zog dafür den jungen Gelehrten Melchior Goldast von Haiminsfeld heran. Neben Schobingers Privatbibliothek wurde auch die Stadtbibliothek St. Gallen ausgewertet, wo Vadians Schriften lagen, schließlich bekamen die beiden auch Zugang zur klösterlichen Handschriftensammlung. Diese Zeit war für Goldast äußerst fruchtbar: Im Kloster St. Gallen fertigte er Tag für Tag Abschriften bedeutender mittelalterlicher Texte an. Seine editorische Tätigkeit hinsichtlich St. Gallener Quellen beschränkt sich im Wesentlichen auf die Jahre 1599–1606. In Verruf geriet er 1605, als er vom städtischen Rat der Beschädigung und Entwendung von Büchern und Handschriften angeklagt wurde.

Abb. 1: Melchior-Goldast-von-Haiminsfeld. Quelle: SuUB Bremen.
Abb. 1:

Melchior-Goldast-von-Haiminsfeld. Quelle: SuUB Bremen.

Auf die Phasen des scheinbar ziellosen Herumirrens folgte eine Phase des relativen Wohlstands in den Diensten des Grafen von Schaumburg-Lippe im niedersächsischen Bückeburg. Der Bücherliebhaber Goldast nutzte diese Phase, um die Bände seiner Bibliothek gleichmäßig einbinden und mit Stempeln versehen zu lassen. Damit weisen alle Bände der Bibliothek ein einheitliches Erscheinungsbild auf. Dies ist umso bedeutender, als „Goldasts Biographie und der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen nicht immer zweifelsfrei zu fassen sind“. – Vor den Wirrungen des dreißigjährigen Krieges fliehend, ließ Goldast im Jahr 1625 Teile seiner Bibliothek nach Bremen bringen; die Hansestadt war vom Kriegstreiben wenig betroffen, so dass hier die Sammlung in Sicherheit schien. Der Dachboden des Katharinenklosters schien ein geeigneter Aufbewahrungsort zu sein. Als Melchior Goldast von Haiminsfeld 1635 in Gießen verstarb, geriet seine Büchersammlung jedoch erst einmal in Vergessenheit.

Wiederentdeckt wurde die Goldastsche Büchersammlung im Jahr 1646 bei einem Rundgang des damaligen Ratsherrn und späteren Bürgermeisters Heinrich Meier (1609–1676). Dieser fand eine Sammlung von Kisten auf dem Dachboden des Katharinenklosters und ließ sie im Beisein eines Notars öffnen. Zum Vorschein kam die Bibliothek Melchior Goldasts von Haiminsfeld. Der Bremer Rat konnte die ansehnliche Sammlung von ca. 4.900 Druckschriften und diversen Handschriften zu einem Preis von 1.350 Talern erwerben. Die Erwerbung dieser Büchersammlung war für ihn Anlass, eine eigene Bibliothek zu gründen, die Bibliotheca Bremensis, die die verschiedenen Büchersammlungen in der Hansestadt vereinigte und einer, wenn auch beschränkten, öffentlichen Nutzung zuführte. Mit der Goldastschen Büchersammlung hatte der Bremer Rat eine auf der Höhe der Zeit stehende Humanistenbibliothek erworben, die für Goldast zwar Arbeitsinstrument war, aber auch der Selbstdarstellung und Repräsentation diente, insbesondere vor dem Hintergrund, dass zeitgenössische Gelehrte meist über Sammlungen von nur wenigen hundert Bänden verfügten.

Die Rekonstruktion der Goldastschen Büchersammlung kann heute auf weit mehr als Indizien zurückgreifen. Goldast selbst hat dafür gesorgt, allen Titeln seiner Bibliothek ein einheitliches Erscheinungsbild zu verleihen. Er nutzte die Phase des weitgehenden Wohlstandes in Schaumburgischen Diensten dazu, fast seinen gesamten Bestand an Druckwerken in Pergament neu einbinden zu lassen. Die Einbandeinträge tragen auf dem Vorderdeckel seine Initialen (M G V H) und eine Jahreszahl; als Buchschmuck diente verschiedener, aber in seiner Kombination begrenzter Blinddruck mit Rollen und Stempeln, sowie dreiseitige farbige Buchschnitte. Auch existiert ein Verkaufskatalog der Erben Goldasts, den diese an den Bremer Rat schickten. Wir sind also in der erfreulichen Situation, eine Gelehrtenbibliothek aus dem frühen 16. Jahrhundert nicht nur rekonstruieren zu können, sondern sie – mit Ausnahme einiger weniger Kriegsverluste – sogar fast vollständig überliefert zu haben.

Die Betrachtung mit der Goldastschen Bibliothek unter den Vorzeichen der Provenienzrecherche (im Sinne der „Erforschung der Biografien von Objekten in ihrem jeweiligen historischen Kontext“), mag angesichts der deutlichen Hinweise auf die Zugehörigkeit zu einer einheitlichen Sammlung verwundern. Doch lässt eine Wahrnehmung unter diesem Aspekt Charakteristika deutlich werden, die bei Provenienzrecherchen mitunter zum Vorschein kommen.

Die Provenienzforschung bei der Goldastschen Sammlung weist die folgenden Charakteristika auf:

  1. Ziel dieser Art der Provenienzrecherche ist die Rekonstruktion einer Sammlung, ausgehend von einem bereits bekannten Sammlungsgeber, sowie, diese Erkenntnisse für die heutige Forschung zugänglich zu machen. Sammlungen sind das Ergebnis (bibliothekarischer) Relevanzentscheidungen. Die vor fachlichem Hintergrund erfolgenden Auswahlkriterien werden von einer Vielzahl von Faktoren determiniert: Inhaltliche Gründe, finanzielle Rahmenbedingungen, institutionelle und persönliche Gründe, Verfügbarkeit, der historische Diskurs – all dies spielt bei der Erwerbung von Büchern eine Rolle. Entsprechend haben zahlreiche Forschungsarbeiten und -fragen ihren Ausgangspunkt bei der so konstruierten Einheit der Sammlung einer frühneuzeitlichen Gelehrtenbibliothek. Deutlich wird: Die Provenienzrecherche verlangt nicht nur nach einer Biographie der Objekte, sondern auch nach einer Biographie der Vorbesitzer.

  2. Provenienzrecherchen nehmen ihren Ausgangspunkt bei den Exemplarspezifika, die Aufschluss über die individuellen Bücher und über den Umgang mit ihnen seit dem 17. Jahrhundert geben. Sigel und Exlibris sind (ebenso wie Bücherlisten) für die Rekonstruktion der Büchersammlung zentral. Die Vollständigkeit der überlieferten Exemplare ermöglicht u. a. mit Rückgriff auf handschriftliche Eintragungen die Rekonstruktion der Historie der Bücher von ihrer Aufnahme in die Goldastsche Bibliothek bis zur Gegenwart.

2. NS-Raubgut

Die Suche nach „verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“ während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, nach sogenanntem NS-Raubgut, steht im Fokus zahlreicher Provenienzrecherchen, so dass sie in den letzten Jahren stellenweise zum Synonym für Provenienzrecherche in öffentlichen Institutionen geworden zu sein scheint. In der SuUB Bremen begann man bereits Anfang der 1990er Jahre mit der systematischen Suche nach Büchern aus jüdischem Besitz. Den Anstoß dazu gab ein wissenschaftlicher Nutzer, der im Jahre 1991 Einträge in Büchern mit der Abkürzung „J.A.“ bemerkte und weiter recherchierte. Nachdem diese Funde in der Öffentlichkeit thematisiert wurden, forderte der Bremer Senat die SuUB Bremen auf, ihre Bestände nach zu Unrecht erworbenen Büchern aus jüdischem Besitz zu untersuchen, um sie nach Möglichkeit den ursprünglichen Besitzern oder deren Erben zurückzugeben. Die SuUB Bremen war damals eine der ersten Bibliotheken, die sich mit dieser Art der Provenienzrecherche befasste.

Die anfänglichen Recherchen erfolgten im Rahmen eines Werkvertrags durch die pensionierte Oberschulrätin Elfriede Bannas, die Titel mit dem Eintragungsvermerk „JA“ oder „Jud.Auk.“ in den Zugangsbüchern auf Eintragungsvermerke durchsah. Der ersten systematischen Suche folgten zwei weitere Projekte: 2007–2009 wurde die Suche nach NS-Raubgut in einem Projekt unter Leitung von Joachim Drews in Zusammenarbeit mit Silke Raßloff fortgeführt. Es wurden alle Bände identifiziert, die über sogenannte Juden-Auktionen in Bremen (1941–1943) in die Bibliothek gelangten. Die Bücher sind in einem eigenen Online-Katalog recherchierbar. Schließlich befasste sich in den Jahren 2015–2019 ein vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Vorhaben unter Leitung von Volker Cirsovius-Ratzlaff mit der Recherche nach sogenanntem NS-Raubgut. Erstmals wurde der gesamte Kauf- und Geschenkzugang der Bibliothek in den Jahren von 1933 bis 1948 (ca. 86.000 Bücher) systematisch auf Raubgutbestände überprüft.

In der SuUB Bremen ließen sich Titel aus Provenienzen unterschiedlicher, unter dem nationalsozialistischen Regime verfolgter Personen nachweisen. Einen großen Teil machen die Titel aus jüdischer Provenienz aus, der Stadt Bremen kommt hier eine besondere Rolle zu. Viele jüdische Familien aus Deutschland flüchteten vor den Verfolgungs- und Terrormaßnahmen des NS-Regimes. Der Weg dieser Emigranten führte auch über den Freihafen von Bremen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges blieb ihr Umzugsgut im Hafen zurück und wurde auf so genannten „Juden-Auktionen“ versteigert. Die damalige Staatsbibliothek – die Vorgängerorganisation der heutigen SuUB Bremen – erwarb Bücher auf diesen Auktionen; ein großer Teil der belasteten Provenienzen entstammt aus sogenannten Juden-Auktionen aus dem Zugangsjahr 1942. Auch Bücher politisch verfolgter Institutionen und Personen gelangten in die damalige Staatsbibliothek, bspw. Bände aus den Bibliotheken der Arbeiterkammer und Angestelltenkammer Bremen.

Das in der SuUB Bremen heute überlieferte NS-Raubgut wurde zeitgenössisch in den Bestand integriert und nicht separiert. Daher war das Ziel der in drei Projekten durchgeführten Provenienzrecherchen zunächst, die Bücher aufzufinden, bei denen der „Tatbestand des zwar seinerzeit legal erworbenen, gleichwohl aber ungerechtfertigten Besitzes von Raubgut aus jüdischem Eigentum“ als erfüllt galt. Anschließend wurden die Ergebnisse auch in den Katalogeinträgen in PICA dokumentiert, die Bücher mit Einlegezetteln gekennzeichnet sowie schließlich eine Option für ihren weiteren Verbleib entwickelt. Als Resultat wurden von der SuUB Bremen insgesamt 2.845 Objekte als NS-Raubgut bzw. restituiertes Kulturgut an die Datenbank Lost Art gemeldet. Eine Einigung im Sinne der Washingtoner Erklärung wurde seit 1991 insgesamt in 30 Fällen mit 1.515 Objekten erzielt (s. u.).

Die Identifikation der ursprünglichen Eigentümer erfolgte bei der Recherche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut auf Exemplarebene anhand von Widmungen, Stempeln oder Exlibris. Neben Namen und Zeitangaben wurden entsprechend Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft Alte Drucke beim GBV (2003) auch Exlibris oder Marginalien erfasst. Anhaltspunkte für die Recherche hätten weiterhin etwaige fragwürdige Lieferanten oder weiterführende Dokumente und Akten bei den Bibliotheksarchivalien bieten können. Im Falle der SuUB Bremen waren diese Archivalien in vielen Fällen jedoch nicht (mehr) vorhanden.

Die Regeln und Prinzipien der Provenienzrecherche im Kontext von NS-Raubgut sind klar definiert und folgen gegenwärtig internationalen Standards. Seit der Washingtoner Konferenz und den daraus resultierenden „Washingtoner Prinzipien“ vom 3. Dezember 1998 ist das Thema Restitution von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut wieder auf der kulturpolitischen Tagesordnung. Für die als NS-Raubgut identifizierten Titel sollen im Sinne der Washingtoner Erklärung (der sich auch die SuUB Bremen verpflichtet sieht), einer freiwilligen moralischen Selbstverpflichtung folgend, „‘gerechte und faire Lösungen‘ mit den rechtmäßigen Eigentümern oder deren Nachfahren“ gefunden werden. Die Lösungen sind freilich vor dem Hintergrund zu betrachten, dass der ideelle Wert von Büchern für die Betroffenen oft wichtiger ist als der materielle Wert. Mehr noch, die zu restituierenden Bücher sind oftmals die einzigen Erinnerungsstücke an verfolgte und ermordete Verwandte, sie tragen als Zeitzeugnisse zur Rekonstruktion von Lebensgeschichten bei!

Die Recherche nach im nationalsozialistischen Deutschland verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in der SuUB Bremen ist gegenüber anderen Projekten somit durch vorwiegend drei Charakteristika gekennzeichnet:

  1. Bei der Recherche nach NS-Raubgut werden Individuen als Sammlungsgeber rekonstruiert. Damit stehen Individuen und ihre individuellen Lebensumstände im Mittelpunkt. Ziel ist es nicht, vorhandene Sammlungen zu rekonstruieren und zusammenzuführen, sondern, gerade in Opposition hierzu, eine An-Sammlung von Titeln, die zu einer ähnlichen Zeit, vor einem ähnlichen politischen Hintergrund, unter ähnlichen Voraussetzungen in die Bibliothek gelangten, aufzulösen und ihren ursprünglichen Besitzern bzw. ihren Erben zu übergeben. Statt Sammlungsrekonstruktion heißt es hier Sammlungsauflösung!

  2. Die NS-Raubgutrecherche in Bibliotheken hat ein klar in der Gegenwart verortetes, praktisches Ziel. Sie ist nicht abgeschlossen, wenn alle Fälle erforscht sind, vielmehr müssen alle Fälle bearbeitet sein. Damit ist diese Art der Provenienzrecherche ausgezeichnet, bedeutet sie doch nicht „nur“ Recherche, sondern auch immer Handlung, Aktion – selbstredend kann es dabei keine Wiedergutmachung geben.

  3. Die NS-Raubgutrecherche operiert primär aus einer moralischen Perspektive heraus, da der historische Kontext der Translokationen diese Perspektive eindeutig vorgibt (im Gegensatz zu anderen Arten der Provenienzrecherche). Sie unterscheidet, auf den Punkt gebracht, zwischen Gut und Böse. Die Bücher als „Leichen im Keller“ der Bibliotheken verweisen auf Taten und Täter; im Falle des NS-Raubguts jedoch nicht auf einfachen Diebstahl oder schweren Raub, sondern auf den „konsequentesten Massenraubmord der Geschichte“. Die NS-Raubgutrecherche berücksichtigt stärker als jede andere Art der Provenienzrecherche den historischen Kontext und die pauschale Entmündigung, Entwertung und anschließende – wirtschaftliche und schließlich auch physische – Vernichtung von Menschen(gruppen) aufgrund ihrer religiösen, ethnischen oder anderen Gruppenzugehörigkeit durch die Nationalsozialisten. Indem diese Bewertung der Nationalsozialisten als unrechtmäßig erkannt wird, wird alles, was an daraus resultierenden unrechtmäßigen Handlungen anknüpft, ebenfalls als Unrecht erfasst: Mit der Erforschung des NS-Raubguts in Bibliotheken einher geht die Anerkennung, dass mit der Erwerbung der als NS-Raubgut identifizierten Titel Unrecht ausgeübt bzw. ein von dritter Seite ausgeübtes Unrecht durch die Unterstützung der bibliothekarischen Mitarbeiter reproduziert bzw. bestätigt wurde. Doch vermag die Restitution der Bücher, wie Jürgen Babendreier deutlich macht, möglicherweise ein schlechtes Gewissen heutiger Bibliothekare zu lindern, die sich in der Tradition zu ihren Vorgängern sehen, welche sich als Täter hervorgetan haben – die Verbrechen, denen sich auch die Bibliothekare schuldig gemacht haben, werden dadurch nicht geschmälert.

3. Kriegsbedingt verlagerte Bestände

Die Kehrseite des NS-Raubguts, auf die sich Bibliothekare in Deutschland oftmals zurückzogen, wenn es um Erläuterungen der eigenen Rolle zwischen 1933 und 1945 ging, bilden die sogenannten kriegsbedingt verlagerten Bestände. Wie Olaf Hamann hervorhebt, richtete sich das öffentliche Interesse der Restitutionen lange Zeit in erster Linie auf unikale Kunstwerke und Museumsstücke. Schriftlich überliefertes Kulturgut wie Handschriften, Archivalien oder gedruckte Bücher rückten selten in den Fokus – zu Unrecht, „enthalten [doch] gerade diese Sammlungen wesentliche Teile der historischen Überlieferung unseres Volkes und spiegeln in hohem Maße seine Identität.“

Seit 1896 hatte die damalige Staatsbibliothek Bremen ihr Gebäude am Breitenweg direkt zwischen Hauptbahnhof und Rathaus. Während des Zweiten Weltkrieges befürchtete man, die wertvollen Sammlungen könnten durch Beschädigungen des Gebäudes infolge von Bombenangriffen Schaden nehmen. Daher fanden mehrere Auslagerungsaktionen insbesondere der wertvollen Bibliotheksbestände statt. Folgenschwer war die Auslagerung von 1.492 Kisten sowie der vollständigen bremischen Bildersammlung in das Kalibergwerk A.G. in Bernburg an der Saale, die im Jahr 1942 auf Anordnung des Reichsministeriums erfolgte. Die Bände sind größtenteils als Kriegsverlust zu verzeichnen.

Denn nach Kriegsende gelangten die ausgelagerten Bestände über sogenannte Trophäenkommissionen der Roten Armee in die damalige Sowjetunion. Teils verblieben sie in Moskau und Leningrad (dem heutigen St. Petersburg), teils wurden sie über das ganze Gebiet der damaligen Sowjetunion verteilt. Die kriegsbedingten Verluste der SuUB Bremen umfassen heute ca. 100.000 Bände. Ausgewählt wurden offenbar gezielt die ältesten und wertvollsten Werke, wobei sich die Mitglieder der Trophäenkommissionen des Wertes der von ihnen „verlagerten“ Kulturgegenstände durchaus bewusst gewesen sein dürften. Die Verluste der heutigen SuUB Bremen umfassen u. a. historische Drucke aus allen Sachgruppen, darunter Werke mit wertvollen Holzschnitten, Stichen oder anderen Illustrationen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Auch sind ca. 2.000 Kupferstiche (meist bremische Ansichten, Grundrisse, Porträts und Karten), die Münz- und Medaillensammlung, die Sammlung der Musikhandschriften sowie große Teile der Gesamtausgaben und der wissenschaftlichen Zeitschriften verloren gegangen. Weiterhin fehlen 52 Inkunabeln und vier mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche, 86 neuzeitliche und elf orientalische Handschriften.

Abb. 2: Schäden am Gebäude der Staatsbibliothek. Quelle: SuUB Bremen.
Abb. 2:

Schäden am Gebäude der Staatsbibliothek. Quelle: SuUB Bremen.

Die Bemühungen der Rekonstruktion und Restitution der Kriegsverluste der SuUB Bremen gehen bis auf die 1990er Jahre zurück. Im Rahmen zweier umfangreicher Restitutionsprojekte konnten ab den 1990er Jahren ca. 15.000 Bände der SuUB Bremen aus Tiflis (Georgien) und Eriwan (Armenien) restituiert werden. In der Sowjetunion blieben Sammlungen aus deutschen Bibliotheken hingegen verborgen. Ein deutsch-sowjetischer Freundschaftsvertrag aus dem Jahr 1990, in dem man sich auf die Rückführung der Bestände verständigte, konnte aufgrund der politischen Lage nicht umgesetzt werden.

In den 1990er Jahren bereisten Bibliothekare aus (Nord-)Deutschland, darunter Armin Hetzer von der SuUB Bremen, mehrfach die Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg, um die deutschen Bestände zu lokalisieren. Um diese Kulturgutverluste auf beiden Seiten zu dokumentieren und eine Grundlage für deren Suche und Rückführung zu schaffen, gründeten zehn Länder im Jahr 1994 in Bremen die „Koordinierungsstelle der Länder für die Rückführung von Kulturgütern“. Seit 1998 beteiligten sich alle 16 Bundesländer und seit 2001 auch der Bund an der Koordinierungsstelle, die seit 1998 ihren Sitz beim Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt in Magdeburg hatte und 2015 im Deutschen Zentrum Kulturgutverluste aufgegangen ist. Der 2009 gegründete deutsch-russische Bibliotheksdialog (DRBD) nahm den roten Faden des runden Tisches von 1992 wieder auf. Im anderthalbjährlichen Rhythmus treffen sich gegenwärtig im Kontext des deutsch-russischen Bibliotheksdialogs Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus Deutschland und Russland wechselseitig in beiden Ländern, um sich über die „kriegsbedingt verlagerten Bestände“ auszutauschen; auf deutscher Seite ist die Staatsbibliothek zu Berlin federführend verantwortlich. Die gemeinsamen Ziele sind, dass die in den Bibliotheken vorhandenen, kriegsbedingt verlagerten Sammlungen katalogisiert, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und dauerhaft bewahrt werden. Im Rahmen dieses Dialogs wurden Recherchen nach wechselseitigen Aufenthalten der Bestände vereinbart.

Die Identifikation kriegsbedingt verlagerter Bestände der SuUB Bremen erweist sich aus mehreren Gründen als schwierig. Zunächst wurden die im Zweiten Weltkrieg ausgelagerten Bestände in der SuUB Bremen – wie in anderen Bibliotheken in Deutschland – nur unzureichend verzeichnet. In der Staatsbibliothek erfasste man die Kriegsverluste erstmals im Rahmen einer Inventur in den Jahren 1948 bis 1952 im Abgleich mit den zeitgenössischen systematischen Bandkatalogen. Es entstand eine Verlustkartei, auf ca. 100.000 Karteikarten handschriftlich entsprechend Preußischer Instruktionen geschrieben. Die Kriegsverluste bei den unikalen Beständen (wertvolle Handschriften und Inkunabeln) wurden ebenfalls handschriftlich in den betreffenden Zugangsbüchern und Bandkatalogen notiert.

Doch auch in den russischen Bibliotheken sind die Bestände nur rudimentär verzeichnet. Dies ist den Umständen ihrer Ankunft dort geschuldet: In der damaligen Sowjetunion konnte die hohe Anzahl der mit den Trophäenkommissionen eintreffenden Titel oftmals zunächst nicht eingearbeitet, geschweige denn verzeichnet werden. Häufig befanden sich diese Bücher in losen Fonds in den Magazinen der Bibliotheken. Auf Vorträgen im Kontext des deutsch-russischen Bibliotheksdialogs 2019 in Berlin wurde formuliert, die Bücher seien teils zur Verfügungsmasse bei der staatlichen Verteilung von Büchern für den Neuaufbau von Bibliotheken bzw. den Ausgleich von Bibliotheken geworden, die selbst starke Einbußen infolge des Krieges erlitten hatten. In den Zugangsbüchern der russischen Bibliotheken sind diese Titel in der Regel nicht oder nur unvollständig (bspw. Jahre nach ihrem eigentlichen Zugang) verzeichnet. Aufgrund dieser Situation erweist sich die gegenwärtige Recherche nach kriegsbedingt verlagerten Beständen deutscher Bibliotheken insbesondere in Russland als schwierig.

Die Rekonstruktion der Provenienzen ist besonders dann erschwert, wenn die üblichen exemplarspezifischen Merkmale, die auf Provenienzen verweisen, wie z. B. Bibliotheksstempel, Signaturen, Signaturenschilder entfernt wurden. Hinzu kommen ganz praktische Hindernisse wie Sprachbarrieren sowie unklare Besitzstempel und deren namentliche Zuordnungen zu Bibliotheken. Dass inzwischen der Aufenthaltsort einiger kriegsverlustiger Bestände der SuUB Bremen in Russland geklärt ist, ist insbesondere der Arbeit und dem Engagement der russischen Kolleginnen und Kollegen sowie der gegenwärtigen internationalen Zusammenarbeit im Rahmen des deutsch-russischen Bibliotheksdialogs zu verdanken. Diese schafft gute Grundlagen, die Provenienzforschung kriegsbedingt verlagerter Bestände voranzubringen.

Die Auseinandersetzung mit kriegsverlustigen Beständen stellt sich somit von deutscher Seite aus als Identifikation der verlustigen Bestände dar; von russischer Seite aus als Provenienzrecherche auf der Grundlage der von deutscher Seite erstellten Listen unter Einbeziehung der Zugangsverzeichnisse, der Stempel, Exlibris und Besitzeinträge sowie, falls vorhanden, weiterer archivalischer Unterlagen. Bei den Kriegsverlusten der SuUB Bremen ermöglichten insbesondere die überlieferten Stempel eine Zuordnung. Die Provenienzrecherche kann in diesem – wie im umgekehrten Fall – nur durch internationale Zusammenarbeit und Wissenstransfer gelingen!

Die Provenienzforschung kriegsbedingt verlagerter Bibliotheksbestände weist folgende Charakteristika auf:

  1. Die Provenienzrecherchen im Kontext des kriegsbedingt verlagerten Kulturguts haben ihren Ausgangspunkt auf beiden Seiten (der verlorenen sowie der aufgenommenen Bücher) im ungünstigen Fall in einer diffus erscheinenden Masse von Beständen. Die titelspezifische Zusammenstellung ist nicht zu rekonstruieren. Ziel der Provenienzrecherchen im Kontext der kriegsverlustigen Bestände ist daher zunächst die Bestimmung der relevanten Teile, die wie Puzzle-Teile zur Rekonstruktion einer Sammlung beitragen, mithin die Rekonstruktion einer historischen Sammlung.

  2. Der Erfolg der Provenienzrecherchen bei kriegsbedingt verlagerten Beständen ist nur über die internationale Zusammenarbeit zu erreichen, die in ihrem Mittelpunkt steht. Der kooperative Charakter der Recherchen ist mehr als nur eine „Nebenwirkung“ der Provenienzrecherchen, aktuell der deutsch-russischen Zusammenarbeit. Die Provenienzrecherchen sind von ihrem Grundsatz her kooperativ angelegt. Jede Seite ist auf die Expertise, die Fähigkeiten, aber auch das Entgegenkommen und das Wohlwollen der anderen Seite angewiesen. Dabei lassen sich Informationsvermittlung und Herstellung des Zugangs zu den Quellen nicht erst dann durchführen, wenn eine politische Lösung erreicht ist.

  3. Das praktische Ziel der Provenienzrecherchen ist zunächst offen. Auf die Frage, zu welchem Ergebnis die Provenienzrecherchen durchgeführt werden, gibt es unterschiedliche Antworten. Das gemeinsame Ziel, auf das sich die Teilnehmer des deutsch-russischen Bibliotheksdialogs verständigt haben, ist der Nachweis der Bestände. Die bibliothekarische Praxis zu den Konsequenzen dieser Nachweise ist vielfältig: „Die Verlustfragen haben nicht nur eine juristische und politische Dimension und sie kennen nicht nur eine einzige Antwort, nämlich die vollständige Rückgabe. Die Realität ist weitaus vielfältiger und die Projekte zeigen das Bemühen, die Informationen über die Verluste zu erhöhen und die Zugänglichkeiten zu verbessern oder überhaupt herzustellen.“ Statt die Rückgabe von Bänden als einheitliches, einziges Ziel zu formulieren, müssen wir für die bibliothekarische Praxis prüfen, welche alternativen Lösungswege eingeschlagen werden können. Die SuUB Bremen beteiligt sich bspw. an Prozessen der virtuellen Zusammenführung von Bibliotheksbeständen im Rahmen von Digitalisierungsprojekten.

4. Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Deutschlands kolonialer Vergangenheit rückt in der letzten Zeit zunehmend in den öffentlichen Fokus. Das vierte hier vorgestellte Projekt der SuUB Bremen zeigt daher in besonderer Weise die Bedeutung von Provenienzrecherchen für die aktuelle Bibliotheksarbeit. Die „Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus“ ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Digitalisierungsprojekt, das von 2017 bis 2019 gemeinsam von der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) durchgeführt wurde. Ziel war es, eine Auswahl von Titeln zum deutschen Kolonialismus zu digitalisieren, strukturieren und als OCR-Volltext für die Beforschung im Kontext der Digital Humanities aufzubereiten. Die Integration der Volltexte in die digitale Forschungsinfrastruktur CLARIN-D eröffnet die Möglichkeiten, dieses große Textkorpus computergestützt auszuwerten und zu bearbeiten. Das Projekt wurde durch die Creative Unit „Koloniallinguistik – Language in Colonial Contexts“ der Universität Bremen und die Teilgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Ingo H. Warnke initiiert und unterstützt. Ein sich aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachdisziplinen zusammensetzender wissenschaftlicher Beirat begleitet das Vorhaben.

Vor dem Hintergrund einer Quellenauswahl, die sich postkolonialistischen Herangehensweisen verpflichtet sah, gewann die Provenienzrecherche an Bedeutung. Zunächst galt es, den Gegenstand „Kolonialismus“ zu definieren. Seine Brisanz erhält die Begriffsbestimmung durch den von den Postcolonial Studies herausgearbeiteten Umstand, dass jede Einschätzung des Kolonialismus aus heutiger Sicht immer auch die Mechanismen reproduziert, die mit kolonialistischen Agitationsweisen selbst verbunden sind, und somit kolonialistischen Handlungsweisen selbst verpflichtet bleibt; indem einige Titel und Themen als dem Kolonialismus zugehörig wahrgenommen werden, andere wiederum nicht. Denn die aus einer gegenwärtigen, eurozentrischen Perspektive erfolgende Identifikation von Themen, Autoren, Titeln etc. als dem Kolonialismus zugehörig, von anderen als ihm nicht zugehörig bedeutete eine Hierarchisierung in der Bedeutungszuschreibung und damit eine Reproduktion kolonialistischer Verhaltensweisen. Dies musste die Quellenkompilation berücksichtigen.

Daher konnte keine repräsentative, vielmehr musste eine exemplarische Auswahl der zu digitalisierenden Quellen erfolgen. Die Grundlage für die exemplarische Zusammenstellung von Titeln zum historischen Kolonialismus im Projekt bildete der historische Bandkatalog „Kolonialwesen“ der SuUB Bremen, der 1907/08 entstand und bis in die 1950er Jahre fortgeführt wurde. Dieser systematische Bandkatalog weist drei Abteilungen auf: 1. „Kolonialwesen im Allgemeinen“, 2. „außerdeutsche Kolonien einzelner Völker“, 3. „deutsche Kolonien“. Die „Digitale Sammlung Deutscher Kolonialismus“ beruht auf der Gliederung dieses Bandkataloges und beinhaltet daher primär deutschsprachige Titel zu einem weit gefächerten thematischen Spektrum. Die Titel wurden zwischen 1884 und 1919 publiziert und entstammen somit der historischen Kernzeit des deutschen Kolonialismus. Für den Projektpartner, die UB Frankfurt am Main, erfolgte die Titelauswahl nach gleichlautenden Kriterien.

Abb. 3: Titel aus der „Digitalen Sammlung Deutscher Kolonialismus“. Quelle: SuUB Bremen.
Abb. 3:

Titel aus der „Digitalen Sammlung Deutscher Kolonialismus“. Quelle: SuUB Bremen.

Im Bremer systematischen Bandkatalog „Kolonialwesen“ wurden alle Titel zusammengefasst, die aus zeitgenössischer bibliothekarischer Sicht dem Themenumfeld Kolonialismus zuzuordnen waren. Kolonialismus wurde zu einem „systemschaffenden Ordnungsmerkmal“. Der Bandkatalog umfasst somit Titel aus einer Vielzahl von Fachgebieten: Geographie, Politikwissenschaft, Kultur- und Sprachwissenschaften, Geschichte und Philosophie sind nur einige. Der Historische Bandkatalog „Kolonialwesen“ spiegelt, wie alle thematischen Kompilationen, keine vermeintlich objektive Realität, sondern die subjektive – intersubjektive Wahrnehmung dieser Realität wieder. Da der Gegenstand des Bandkatalogs jedoch ein gedankliches, weltanschaulich aufgeladenes Konstrukt ist, ist er selbst Ausdruck der herrschenden institutionellen, persönlichen etc., aber vor allem auch politischen Diskurse.

Im Digitalisierungsprojekt erfolgte mit der Grundlage des Historischen Bandkatalogs „Kolonialwesen“ eine Orientierung an zeitgenössischen bibliothekarischen Relevanzentscheidungen. Digitalisiert wurden diejenigen Titel, die zeitgenössisch als dem Themenumfeld des Kolonialismus zugehörig eingeschätzt wurden, die historische Titelauswahl mithin, die die Bremer Bibliothekare bereitgestellt hatten.

Diese Art der Quellenkompilation bedingte die Notwendigkeit einer Provenienzrecherche im Vorfeld des Projekts. Die zeitgenössische bibliothekarische Sammlung „Kolonialwesen“ entstand über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten (von 1907/08 bis Ende der 1940er Jahre). Die bibliothekarischen Provenienzrecherchen sollten die Erwerbungszeiträume und -umstände rekonstruieren.

Ausgangspunkt für die Provenienzrecherchen bildete der systematische Bandkatalog und die in ihm vergebenen Signaturen. Denn waren die Titel in der Bremer Staatsbibliothek bis 1927 entsprechend einer Fächerzuordnung aufgestellt, wurde nun eine Magazinaufstellung entsprechend Numerus Currens eingefügt. Die Numerus Currens-Signatur beinhaltete als erstes Ordnungsmerkmal das Zugangsjahr eines Titels. Dies ermöglichte eine rasche Identifikation der nach 1933 erworbenen Titel anhand ihrer Signatur. Erst in einem nächsten Schritt wurden für die Rekonstruktion des Zugangs in die Bibliothek Exemplarspezifika berücksichtigt.

Die Problematik war diese: Sollte die überwiegende Anzahl der im Bandkatalog Kolonialwesen enthaltenen Titel nach 1933 in die damalige Staatsbibliothek Bremen gelangt sein, müsste die vollständige Sammlung möglicherweise primär unter dem Gesichtspunkt einer nationalsozialistisch motivierten kolonialrevisionistischen Herangehensweise betrachtet werden; ein Umstand, der für die digitale Transformation der Sammlung nicht unbedenklich wäre. Die gründliche Provenienzrecherche diente daher einer Abgrenzung von primär nationalsozialistisch-kolonialrevisionistischen Interessen und den zugrundeliegenden Sammlungsprinzipien.

Insgesamt umfasst der Bremer Bandkatalog Kolonialwesen ca. 1.200 Titel. 611 Titel erschienen in der Kernzeit des deutschen Kolonialismus von 1884 bis 1919, davon gelangten 74 nach 1933 in die wissenschaftliche Bibliothek Bremens. In quantitativer Hinsicht handelte es sich beim Bandkatalog „Kolonialwesen“ also nicht primär um einen Ausdruck nationalsozialistisch motivierter, kolonialrevisionistischer Auffassungen. Im Digitalisierungsprojekt entschied man sich daher, auch die nach 1933 in die Bibliothek gelangten Titel zu digitalisieren.

Zusammenfassend lassen sich folgende Charakteristika zur Provenienzrecherche nach kolonialen Beständen darstellen:

  1. Die für die koloniale Bibliothekssammlung exemplarisch ausgewählten Bücher sind im Unterschied zu musealen Artefakten, die den Gegenstand von Provenienzrecherchen im musealen Bereich bilden, nicht das Eigentum der betreffenden Ethnien. Die bibliothekarische Provenienzrecherche im Kontext der Digitalen Sammlung Deutscher Kolonialismus hatte nicht die Restitution von Büchern als Ziel, keine unmittelbar praktischen Konsequenzen sind mit der Provenienzrecherche intendiert. Dies macht derlei Provenienzrecherchen jedoch nicht weniger bedeutsam!

  2. Diese Art der Provenienzrecherche fragt primär nach den Motiven der Akteure und versucht, selbige über die Herkunft der Sammlung zu rekonstruieren. Für die Bibliotheksgeschichte ist es aufschlussreich zu wissen, vor welchem Hintergrund der Bandkatalog „Kolonialwesen“ angelegt wurde – und inwiefern sich hier dokumentierte Geisteshaltungen fortgetragen haben. Die Provenienzrecherchen sollten in Erfahrung bringen, ob mit der im Bandkatalog „Kolonialwesen“ dokumentierten Quellenkompilation eine nationalsozialistisch geprägte Geisteshaltung transportiert würde, die sich mit der digitalen Transformation der Quellen in der Digitalen Sammlung Deutscher Kolonialismus widergespiegelt hätte; was es zu vermeiden galt.

Fazit

Der vorliegende Beitrag suchte verschiedene Facetten von Provenienzrecherche zu verdeutlichen. Weder kann es darum gehen, ästhetische, kulturelle oder religiöse Dimensionen von Objekten durch ein ausschließliches „zu uns gekommen sein“ zu ersetzen; noch kann ihr Ziel die positivistische Anhäufung von Fakten zum einzelnen Objekt sein. Auch „erschöpft [sie] sich keinesfalls in der Beantwortung der Frage nach rechtmäßigem oder unrechtmäßigem Besitz und mithin auch nicht in der Frage: Restitution – ja oder nein.“

Anhand der untersuchten Projektbeispiele der SuUB Bremen sollten die unterschiedlichen Charakteristika und Wege bibliothekarischer Provenienzrecherche verdeutlicht werden. Im Kleinsten findet Provenienzrecherche bei der Erschließung jedes einzelnen Titels im Alltag statt, wenn die Exemplarspezifika reflektiert werden – bis hin zu großen, mehrjährig angelegten Projekten mit in der Provenienzforschung ausgewiesenen wissenschaftlichen Personal.

Natürlich darf man die hier vorgestellten Projekte nicht einfach vermischen und gleichsetzen. Man darf nicht die Enteignungen der primär jüdischen Mitbürger mit den kriegsbedingt verlagerten Beständen gleichsetzen, noch mit den Verlagerungen von Büchern – denn in gewisser Weise handelt es sich auch hier um kriegsbedingte Verlagerungen –, die ein Melchior Goldast von Haiminsfeld vornimmt. Dass Provenienzrecherche auch ohne Translokation der Objekte sinnvoll ist, zeigt das Beispiel der Digitalen Sammlung Deutscher Kolonialismus.

Die hier vorgestellten Projekte machen deutlich, dass Provenienzrecherche in Bibliotheken juristische, moralische, politische und natürlich auch bibliothekarische Dimensionen hat, von denen sie nicht loszulösen ist. Sie zeigen, dass auch die bibliothekarische Provenienzforschung zwei Erkenntnisinteressen hat, dass „zentripetal und objektbiographisch“ orientierte Provenienzforschung untrennbar mit der „zentrifugal und genealogisch“ orientierten verbunden ist. Babendreier differenziert dementsprechend „zwischen jenen [Personen], […] die eine Sammlung als ästhetisches Artefakt zusammenhalten und jenen, die sie als ohnehin willkürliche Akkumulation abermals auseinandernehmen.“ Die Auseinandersetzung mit Provenienzrecherche eröffnet einen anderen Blick auf das bibliothekarische Sammeln und die Ergebnisse dieses Sammelns.

Unser heutiges Wissen um Provenienzen verändert den Umgang mit Kulturgütern nachhaltig und tiefgreifend. Sie ermöglicht und erklärt die kulturelle Verortung von Objekten. Sie wirft ein neues Licht auf die einzelnen Gegenstände, indem diese an der Schnittstelle von Objekt- und Sammlungsbiographie verortet werden. Provenienzrecherche erscheint als Ergebnis mit der Konfrontation des kulturellen Erbes verschiedener Epochen: Der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, aber auch der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, des Kolonialismus oder des kulturellen Erbes des Dreißigjährigen Krieges und seiner Auswirkungen in Deutschland. Zu Teilen ist sie somit auch eine Kriegsgeschichte, da Kriege in besonderer Weise geeignet zu sein scheinen, ungewollte bzw. unüberprüfbare Translokationen von Gegenständen wie Büchern zu verursachen.

Doch müssen wir uns stets bewusst sein, dass, was für den einen die Abwesenheit von Büchern ist, für den anderen seine Anwesenheit ist; dass Provenienzrecherchen also immer auch die eigene Perspektive – und die eigenen und fremden Interessenlagen reflektieren müssen. Gewahr wird, vor welchem Hintergrund wir Provenienzrecherche betreiben, was unsere eigene Rolle (als Bibliothekare, aber auch als Individuen) in diesem Prozess ist und sein soll. Die Details müssen den ihnen zustehenden Raum bekommen, doch dürfen wir uns hierin nicht verlieren. Dies bedeutet keine Priorisierung verschiedener Arten von Provenienzrecherche; sondern ein Plädoyer für eine Selbst-Verortung, für eine Bewusstwerdung der Voraussetzungen und Ziele des bibliothekarischen Handelns auch im Bereich der Provenienzrecherchen. Um es mit Bénédicte Savoy zu sagen: Wir sind aufgefordert, „das kulturelle Erbe als eine sich ständig erneuernde Begegnung zwischen den Sterblichen […] und den – vielleicht beinahe – Unsterblichen (das sind sie, die Objekte) zu begreifen.“ Begegnen wir ihnen mit Würde, Anstand – und (Selbst-)Reflexion!


*Article Note

Dr. Maria Hermes-Wladarsch leitet die Abteilung für Historische Sammlungen, Handschriften & Rara an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. In dieser Funktion betreut sie die in diesem Beitrag beschriebenen Projekte. Als Kulturhistorikerin liegen ihre eigenen wissenschaftlichen Forschungsschwerunkte auf der bremischen Geistes- und Kulturgeschichte des 17. bis frühen 20. Jahrhunderts.


Published Online: 2020-10-10
Published in Print: 2020-10-01

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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