Home Classical, Ancient Near Eastern & Egyptian Studies Jüdisches Urkundenwesen und christliche Obrigkeiten im spätmittelalterlichen Österreich
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Jüdisches Urkundenwesen und christliche Obrigkeiten im spätmittelalterlichen Österreich

  • Eveline Brugger
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Die Urkunde
This chapter is in the book Die Urkunde

Zusammenfassung

Aus dem spatmittelalterlichen Osterreich sind zahlreiche Urkunden mit judischen Bezugen uberliefert, von denen der Grosteil aus christlich-judischer Interaktion hervorging. Sowohl die Urkunden judischer Aussteller als auch diejenigen, in denen Juden als Beteiligte auftraten, mussten daher formal und inhaltlich fur beide Gruppen Rechtsverbindlichkeit garantieren. Das Interesse des Landesfursten beschrankte sich weitgehend auf die Dokumentation judischer Darlehensgeschafte; allerdings fuhrten landesfurstliche Eingriffe in das judische Kreditwesen zur Herausbildung spezifischer Gewahrleistungsformeln. Von groserem Einfluss auf die judische Beurkundungspraxis war die von den lokalen - haufig stadtischen - Autoritaten gepragte diplomatische Tradition, die bei Bedarf auch entsprechend adaptiert werden konnte; dies gilt vor allem fur die Beglaubigung deutscher Urkunden durch hebraische Unterschriften. Seltener war die Ausstellung hebraischer Urkunden, deren Aufbau jedoch ebenfalls weitgehend dem etablierten Formular folgte. Einen exklusiv judischen Raum in der ansonsten mit der christlichen Seite geteilten Sphare der Geschaftsurkunden stellen die hebraischen Vermerke dar, die der Organisation dienten, aber auch fur Polemik genutzt werden konnten. In den Urkunden, die von lokalen weltlichen oder geistlichen Obrigkeiten selbst ausgestellt wurden, sind meist keine spezifischen Unterschiede zwischen Urkunden mit judischen Bezugen oder ohne diese festzustellen, was freilich nicht uber die vergleichsweise exponiertere Stellung der judischen Bevolkerung hinwegtauschen darf.

Zusammenfassung

Aus dem spatmittelalterlichen Osterreich sind zahlreiche Urkunden mit judischen Bezugen uberliefert, von denen der Grosteil aus christlich-judischer Interaktion hervorging. Sowohl die Urkunden judischer Aussteller als auch diejenigen, in denen Juden als Beteiligte auftraten, mussten daher formal und inhaltlich fur beide Gruppen Rechtsverbindlichkeit garantieren. Das Interesse des Landesfursten beschrankte sich weitgehend auf die Dokumentation judischer Darlehensgeschafte; allerdings fuhrten landesfurstliche Eingriffe in das judische Kreditwesen zur Herausbildung spezifischer Gewahrleistungsformeln. Von groserem Einfluss auf die judische Beurkundungspraxis war die von den lokalen - haufig stadtischen - Autoritaten gepragte diplomatische Tradition, die bei Bedarf auch entsprechend adaptiert werden konnte; dies gilt vor allem fur die Beglaubigung deutscher Urkunden durch hebraische Unterschriften. Seltener war die Ausstellung hebraischer Urkunden, deren Aufbau jedoch ebenfalls weitgehend dem etablierten Formular folgte. Einen exklusiv judischen Raum in der ansonsten mit der christlichen Seite geteilten Sphare der Geschaftsurkunden stellen die hebraischen Vermerke dar, die der Organisation dienten, aber auch fur Polemik genutzt werden konnten. In den Urkunden, die von lokalen weltlichen oder geistlichen Obrigkeiten selbst ausgestellt wurden, sind meist keine spezifischen Unterschiede zwischen Urkunden mit judischen Bezugen oder ohne diese festzustellen, was freilich nicht uber die vergleichsweise exponiertere Stellung der judischen Bevolkerung hinwegtauschen darf.

Chapters in this book

  1. Frontmatter I
  2. Vorwort V
  3. Inhalt VII
  4. Die Urkunde. Text ‒ Bild ‒ Objekt. Eine Einführung 1
  5. Teil 1: Urkunden als Quellen und als Rechtsmittel
  6. Jüdisches Urkundenwesen und christliche Obrigkeiten im spätmittelalterlichen Österreich 19
  7. Datamining in Urkunden 41
  8. Mit brief und insigel. Reflexe von Beglaubigungsstrategien in mittelhochdeutschen Romanen 99
  9. Papstbriefe und Papsturkunden. Abgrenzungen und Überschneidungen im früheren Mittelalter 125
  10. Die ‚Privaturkunde‘ im persisch-islamischen Kultur- und Rechtsbereich. Herausforderungen einer komparatistischen Diplomatik 141
  11. Teil 2: Urkunden als Schriftbilder zwischen Recht und Repräsentation
  12. Das Erscheinungsbild tibetischsprachiger Herrscherurkunden. Strategien zur Erzeugung von Feierlichkeit 163
  13. Die sichtbare Macht. Visuelle Signale im Rahmen der kaiserlichen Privilegienurkunde in Byzanz 183
  14. Graphische Symbole in Bischofsurkunden des hohen Mittelalters 199
  15. „Same same but different“. Die Werkstatt der Avignoner Bischofsammelindulgenzen 233
  16. Illuminierte Urkunden. Bildmedium und Performanz 259
  17. Teil 3: Der Medienwechsel. Urkunden in Kopiaren und auf Stein
  18. Urkundeninschriften und Urkunden imitierende Inschriften. Gestaltungsformen und Gestaltungsmöglichkeiten 331
  19. Originale, imitierende Kopien, Fälschungen. Die Nutzung und Sicherung mittelalterlicher Herrscherurkunden durch geistliche Empfänger Italiens (10.‒12. Jahrhundert) 363
  20. Visuelle Rechtsordnung und Herrschaftslegitimation in katalanischen Libri feudorum und Capbreus 383
  21. Register 419
Downloaded on 29.11.2025 from https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110649970-002/html
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