bibliothek altes Reich
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Als ein innovatives, langfristig angelegtes Forum für Veröffentlichungen zur Geschichte des Alten Reichs möchte die Reihe "bibliothek altes Reich - baR" zur inhaltlichen und methodischen Neuausrichtung der Erforschung des Alten Reichs anregen, die Forschungsdiskussion bündeln und Fachwissen popularisieren. Dabei versteht sie sich als grundsätzlich institutionsunabhängiges Unternehmen.
Der Tagungsband geht aus akteurszentrierter Perspektive den Fragen nach, welche Personen(-gruppen) am Zustandekommen des Westfälischen Friedens beteiligt waren, wer von diesem Prozess wie profitiert hat und wer auf welche Weise zur Informationsverbreitung beigetragen hat. Damit wird ein zentraler Ansatz der Neuen Diplomatiegeschichte aufgegriffen und in breitem Zugriff für die Erforschung des Westfälischen Friedenskongresses nutzbar gemacht. Anders als in der älteren Forschung rücken somit nicht nur die Diplomaten selbst in den Fokus, sondern auch ihr vielgestaltiges Gefolge, auswärtige Künstler und Musiker oder auch lokale Akteure in den Kongressstädten. Die „Friedensmacher" in den Blick zu nehmen, heißt jedoch nicht, eine Erfolgsgeschichte des Kongresses schreiben zu wollen und lediglich dem individuellen Anteil der zeitgenössischen Akteure am Zustandekommen des Friedensschlusses nachzuspüren. Vielmehr geht es darum, in erweiterter Perspektive Personen(-gruppen), soziale Figurationen und Akteurskonstellationen zu untersuchen, die das Kongressgeschehen prägten, begleiteten oder rezipierten.
Der Immerwährende Reichstag in Regensburg war das wichtigste politische Forum im Alten Reich. In seinen vielfältigen Funktionen als Entscheidungszentrum, als Kommunikationsplattform und als Repräsentationsort besaß er gerade für die kleinen und mittleren Reichsstände große Relevanz. Die vorliegende Studie untersucht am Beispiel der Hochstifte Bamberg und Würzburg erstmals explizit die Politik geistlicher Reichsterritorien beim Reichstag. Ausgehend von einer Bestandsaufnahme zum Bamberger und Würzburger Gesandtschaftswesen werden mit einem akteurszentrierten Zugriff die organisatorischen Grundlagen sowie die konkrete reichstagspolitische Praxis der beiden Hochstifte vor dem Hintergrund der spannungsgeladenen Phase Mitte des 18. Jahrhunderts analysiert. Dabei wird deutlich, dass Bamberg und Würzburg überaus aktiv Reichspolitik betrieben und dem Reichstag hohe Bedeutung beimaßen. Die offengelegten Entscheidungsprozesse, Netzwerke und Klientelbeziehungen stellen den Topos der geistlichen Reichsfürsten als bedingungsloser Unterstützer kaiserlicher Politik in Frage.
Juristen entwickelten in der Vormoderne eine eigenes Berufswissen, das geheim war und in einem komplizierten Kommunikationsprozess entstand. Entscheidend hierfür war die alltägliche Routine. Die Beiträge dieses Bandes wollen herauszufinden, wie Juristen in Europa Wissen generierten und es in der Praxis umsetzten. Dies geschieht beispielhaft anhand von Diskussionen zur Pest und über Wirtschaftsfragen. Aber auch Institutionen wie der Reichshofrat, der Große Rat von Mechelen und die Tübinger Juristenfakultät werden untersucht. Hinzu kommen Aufsätze über die Möglichkeiten der Wissensgenerierung durch Wunderkammern und über die Verwendung von juristischer Literatur. Eine besondere Rolle spielt der Straßburger Georg Obrechts (1547-1612).
Schriftlichkeit und Mündlichkeit prägen das Gerichtswesen der Vormoderne. Zunehmend gewannen schriftliche Elemente an Bedeutung, ohne die Mündlichkeit, nicht zuletzt bei der Entscheidungsfindung der Gerichte, ganz zu verdrängen. Die Beiträge des Bandes beleuchten das Wechselspiel schriftlicher und mündlicher Verfahrenselemente aus allgemein- und rechtshistorischer sowie archivalischer Sicht bis hin zur digitalen Erschließung von Gerichtsakten.
Mit der Lokal- und Regionalkartographie hatte sich seit dem späten Mittelalter ein neues Medium entwickelt, das es ermöglichte, die eigene Umgebung zu kartieren. Auch in der Region Hessen entstanden die vielfältigsten Skizzen, Karten und Pläne. Sie variierten nicht nur in Format und Farbe, sondern auch in Darstellungsweise, sodass die bisherige Forschung über ihre Einordnung rätselte. Die vorliegende Studie fragt erstmalig systematisch nach Entstehung, Funktion und Verwendung der verschiedenen Karten für die Periode 1500 bis 1575, indem sie die Beziehung zu den zugehörigen Akten mittels einer Text/ Bild-Analyse klärt. Die Untersuchung thematisiert vor allem eine ganz besondere Form der Lokal- und Regionalkartographie in den Fokus, wovon in Hessen viele Karten überliefert sind: Die Augenscheinkarte visualisierte die gerichtliche Inaugenscheinnahme und kartierte die wichtigsten Ansprüche der Kontrahenten in Text und Bild. Durch einen vergleichenden Zugriff auf die vielfaltige Aktenüberlieferung wird die komplexe Beziehung zwischen Karten und Akten verdeutlicht.
Die geschichtliche Vorstellung der Juden als machtlosen Opfer von Verfolgungen und Diskriminierungen ist trotz zahlreicher Studien, welche die Vielfalt und Komplexität jüdischen Lebens in der Vergangenheit zeigen, ungebrochen. Die vorliegende Studie wendet sich gegen diese Vorstellung und hebt die Rolle der Juden im Reich des 16. Jahrhunderts als politische Akteure hervor, die das politische System des Reichs außerordentlich gut kannten, seine Kultur trefflich verstanden und in der Lage waren, Verfolgungen abzuwehren und Gesetzgebungsakte zu beeinflussen. Mit Fokus auf dem Zeitalter der Reichsreform beschreibt die Studie die Entstehung und Entwicklung der politischen Repräsentation der Reichsjuden, ihre politischen Strategien bei Verhandlungen mit Reichsobrigkeiten und ihre Reaktionen auf die Veränderungen in der Reichspolitik, die durch die Reformation und den Territorialisierungsprozess verursacht wurden. Die Arbeit zeigt, dass die jüdische Politik trotz der marginalen sozialen und rechtlichen Position der Juden im Reichgefüge ein immanenter Bestandteil der Reichsgeschichte war.
Warum ging der Frieden im Jahr 1618 verloren, warum scheiterten die zahlreichen Versuche, ihn wiederherzustellen und wie gelang es schließlich 1648 den Frieden zurückzugewinnen? Diesen Fragen geht der vorliegende Band nach. Dabei geht es zum einen darum, die „Wendepunkte” vom Friedensende, über die Versuche den Frieden wiederherzustellen, bis hin zu seiner erfolgreichen Rückgewinnung – dem erneuten Friedenanfang – zu beleuchten. Zum anderen steht eine oftmals als „Dritte Partei des Westfälischen Friedenskongresses” bezeichnete reichsständische Gruppe im Fokus, die zwar bislang kaum erforscht ist, aber dennoch als wesentlich verantwortlich für den erfolgreichen Abschluss des Friedens von 1648 gilt. In einer Krise des Kongresses nahmen die kompromissbereiten, teils überkonfessionell agierenden Gesandten der Gruppe das Heft des Handelns in die Hand. Auf Grund ihrer Initiativen konnten die letzten Friedenshindernisse überwunden werden. Wie dies konkret gelang, ist eine weitere Frage, die der Band in den Blick nimmt.
Als Herzog Bernhard von Weimar (1604-1639) Ende 1638 die Festung Breisach einnahm, schien es eine Wende im Dreißigjährigen Krieg zu geben. Ihm war ein entscheidender Schlag gegen Habsburg gelungen. Der Herzog selbst wollte sich hier am Rhein und im Elsass eine Territorialherrschaft aufbauen. Bernhard, einer der wichtigsten Militärunternehmer dieses Krieges, agierte zwischen und mit den großen Mächten: Dänemark, Schweden, Frankreich, stets gegen den Kaiser. Ihm ging es um Herrschaft, finanziellen Gewinn, Ruhm, den lutherischen Glauben und die reichsständischen Freiheiten. Die Biographie zeigt den Heerführer und Politiker Bernhard, sie fragt nach der Finanzierung seines Krieges und der Versorgung seiner Weimarischen Armee, nicht zuletzt durch die Eidgenossenschaft, wie nach seinen medialen Strategien. Die ambitionierten Bündnisprojekte des Herzogs, geplante Ehen und seine Verbindungen zu Zeitgenossen wie Hugo Grotius, der Königin von Böhmen oder Herzog Henri de Rohan, dem Hugenottenführer, lassen politische und diplomatische Beziehungsnetze im protestantischen Europa sichtbar werden.
Wie die politische Lektüre des angehenden oder schon aktiven Fürstendieners auszusehen hat, beschäftigte im 17. Jahrhundert nicht nur Gelehrte, sondern auch aktive Fürstendiener, wie den Geheimen Rat und Gesandten Friedrich Rudolf von Canitz. Seine über 2000 Werke umfassende Bibliothek setzt sich zur Hälfte aus politisch-historischen Themen zusammen. Ziel dieser Studie ist es, die in der Bibliothek verborgenen ideellen Strömungen zu decodieren. Dies geschieht nicht durch eine klassische Bibliotheksanalyse, sondern erstmals mithilfe der Kanonforschung: Welche Deutungszusammenhänge bestehen zwischen einzelnen Titeln? Wie sind spezifische Quantitäten zu bewerten? Nur der Abgleich mit zeitgenössischen Lektürekanones kann diese Fragen beantworten. Die Gegenüberstellung der Bibliothek von Canitz mit vier politischen Leseanweisungen wird aufzeigen, welche Ideen und Konzepte im Bestand in welchem Ausmaß repräsentiert und miteinander kombiniert sind.
Kaiser Karl VI. (1685–1740) war der erste Habsburger seit Karl V., in dessen Person sich erneut Ansprüche auf die spanische Krone, die österreichische Landesherrschaft und die Kaiserwürde vereinten. In seiner Regierungszeit erreichte die Habsburgermonarchie ihre größte Ausdehnung. Die Regierung und Verwaltung seiner zahlreichen Länder, die Funktion der kaiserlichen Residenzstadt Wien und die Repräsentation des Kaisers und seiner Familie stehen im Mittelpunkt dieses Sammelbandes. Die Verhältnisse zwischen Zentrum und Peripherie, Norm und Praxis herrschaftlicher Kommunikation und die Akteure der spanischen, österreichischen und kaiserlichen Politik werden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vermittlung von Herrschaft und die Nutzung von Medien durch Karl VI., dessen Repräsentationsstrategien in den (neu erworbenen) Ländern auch im Vergleich zu Vorgängern und Nachfolgern untersucht werden. Die Autoren des Bandes liefern so ein facettenreiches Gesamtbild zur Regierungspraxis in der Habsburgermonarchie zwischen 1700 und 1740.
Der Tagungsband geht von der Beobachtung aus, dass der Raum in der Vormoderne nicht nur textuell beschrieben, sondern auch mit performativen Praktiken in Augenschein genommen und abgebildet wurde. Bei den Abbildungen handelt es sich um Visualisierungen des beanspruchten Raums, anschaulich gemachte Inaugenscheinnahmen und bildlich dargestellte Augenzeugenschaft. Wie wurden rechtliche Verhältnisse kartographiert? Diese zentrale Frage hat eine europäische Perspektive, die uns nach Entwicklungen und Einflüssen fragen lässt. Die Untersuchung gilt einerseits den Objekten der Raumdarstellung – wie Karten, Gemälden und Skizzen – andererseits den mit ihnen sich verbindenden performativen Praktiken.
Der Band enthält eine englische Übersetzung der Einleitung und einen Ausblick in die zukünftige Dokumentation von historischen Karten.
Der bergisch-kurpfälzische Richter C. W. A. Hardung verteidigte in den Jahren 1803-1805 in den säkularisierten Abteien Essen und Werden erbittert die Rechtsordnung des Alten Reiches. Obwohl er damit einen Aufstand gegen die neue preußische Herrschaft auslöste und danach unter Murat und Napoleon herausgehobene Ämter bekleidete, wurde er gleichwohl 1819 als Richter an den berühmten Rheinischen Revisions- und Kassationshof in Berlin berufen.
Der Band versammelt Beiträge, die das Wissen von Diplomaten und die darauf aufbauenden diplomatischen Strategien in der Frühen Neuzeit hinterfragen.
Der Financier Berend Lehmann zählt zu den großen und umstrittenen Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte der Frühen Neuzeit. Als „Hofjude" Augusts des Starken war er maßgeblich beim Erwerb der Polenkrone beteiligt. Von Juden wurde er als heiligenähnlicher Patriarch und Wohltäter verehrt, von Antisemiten als Wucherer diffamiert. Strobach legt eine erste, auf zahlreiche Quellen gestützte kritische Biographie vor.
In der Politiktheorie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges dominierte ein negatives Friedensverständnis. Krieg prägte die prominenten Werke wie etwa Hugo Grotius‘ De iure belli ac pacis. Dass es aber auch Schriften gab, die den Frieden aktiv fokussierten, wie z.B. Nicolaus Schaffshausens De pace, ist der Forschung bislang entgangen. Hier setzt die Studie an und fragt danach, welche positiven Friedensvorstellungen und -konzepte damals existierten.
Jährlich trafen sich Vertreter der Reichsstände und des Kaisers, um das Reichskammergericht, das Höchste Gericht im Alten Reich, zu evaluieren. Dabei wurden weitreichende politische und juristische Entscheidungen getroffen. Die Monographie wertet neue Quellen aus, informiert über die Verfassungs- und Mentalitätsgeschichte im 16. Jahrhundert und liefert wichtige Impulse zu einer neuen Betrachtungsweise des Gerichts und seiner Arbeit.
Der Dreißigjährige Krieg ist als eine Epoche des Niedergangs und Zusammenbruchs jeglicher politischer Ordnung in die deutsche Geschichte eingegangen. Zumindest auf Ebene der Reichskreise des Heiligen Römischen Reichs ist diese Sichtweise zu korrigieren. Die vorliegende Arbeit weist nach, welche hohe Relevanz die Reichskreise zur Kriegsfinanzierung und für bündnispolitische Projekte diverser Mächte über den gesamten Kriegsverlauf hinweg hatten.
Adelige Frauen reisten in der Frühen Neuzeit ähnlich häufig wie Prinzen und Fürsten. Die Beiträge befassen sich mit Konjunkturen von bestimmten Reiseformen, Reisezielen, Reisegründen, Reisesicherheit, dem Inkognito, Zeremoniell, der Entourage und den persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Die Beispiele zeigen eine Diskrepanz zwischen zeitgenössischer Theorie und Praxis, die von der historischen Reiseforschung bislang kaum beachtet wurde.
Die Publikation untersucht das in der publizistisch-literarischen Öffentlichkeit entwickelte und tradierte Stadtbild der Reichsstadt Frankfurt am Main als ein kulturelles Zentrum der Frühen Neuzeit. Wie ist dieses Bild entstanden, wie hat es sich entwickelt und welche Funktion besaß es? Häufig wurde dabei auf Bilder und Stereotypen zurückgriffen, die sich aus Frankfurts aufstrebender Bedeutung im Hoch- und Spätmittelalter speisten. Die intertextuelle Fortschreibung bekannter Topoi bis etwa 1800 diente offenbar zur Kompensation eines stadtgeschichtlichen Bedeutungswandels; lag aber auch in den literarisch-publizistischen Formen begründet, die sich an rhetorischen Vorgaben orientierten. Die Parameter des Diskurses bzw. Frankfurt-Bildes haben sich durch das Verblassen bestimmter Topoi und das Entstehen neuer Stereotypen von der reichischen Vergangenheit in die städtische Gegenwart verschoben, während gleichzeitig die Geschichte kontinuierlich als Legitimation herangezogen wurde.
Moderne Staaten haben Hauptstädte, in denen Exekutive und Legislative ihren Sitz haben. Das frühneuzeitliche Reich besaß dagegen keinen zentralen Ort mit Hauptstadtfunktion, sondern mehrere wichtige Zentren wie Regensburg, als Ort des Immerwährenden Reichstages, Frankfurt am Main als Ort der Kaiserwahl und -krönung, Wien als Residenzort, aber auch Speyer. In wohl keiner anderen Stadt wie in Speyer zeigte sich im 16. und 17. Jahrhunderts das Reich in seiner Funktion als ständische Organisation. Dort hatte das Reichskammergericht seit 1527 seinen Sitz und dort trafen sich Kaiser und Reichsstände zu Reichstagen und Visitationen des Gerichts. Politik und Recht interagierten in vielfältiger Weise. Die protestantische Stadt war Sitz eines katholischen Bistums und stand im Schnittpunkt zwischen den konfessionellen Protagonisten Mainz und Pfalz. Der Band vereinigt Aufsätze, die erstmals die herausragende Bedeutung der Stadt für das frühneuzeitliche Reich und die Region zeigen.
Frühneuzeitliche Menschen bedienten sich im Rahmen des gerichtlichen Austrags ihrer häuslichen Konflikte einer spezifischen Friedensrhetorik. Die vorliegende Analyse der kommunikativen Praktiken der Akteure vor Gericht zwischen 1760 und 1810 stellt die Bedeutung von Friedenskonzepten für die Konfliktregulierung auf der politischen Mikroebene heraus. Vor dem Hintergrund der erstmals umfassend erarbeiteten Diskurse zum Hausfrieden wird deren ordnungsstiftende Rolle in einer Zeit tiefgreifenden Wandels greifbar.
Warum Prozessakten? Was heißt und zu welchem Ende studiert man Höchstgerichte? Antworten auf diese Fragen geben Nachwuchsforscherinnen und -forscher aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden. Sie beleuchten, wie der Adel, der Klerus sowie die Untertanen zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert die Reichsgerichtsbarkeit, aber auch die höchsten territorialen und städtischen Gerichtsinstanzen nutzten, um ihre Rechte, Interessen und Forderungen durchzusetzen. Neben der Parteienperspektive interessieren zudem die Gerichte und deren Personal selbst; auch werden die Kriege und Krisen des 17. Jahrhunderts thematisiert, in denen die Richter versuchten, Recht zu sprechen. Auf der Basis umfangreicher Quellenstudien geben die jungen Autorinnen und Autoren epochenübergreifende Einblicke in das facettenreiche Erkenntnispotential, welches Prozessakten nach wie vor und auch zukünftig bereithält – ebenso wie in die Vielfalt der Höchstgerichte mit dem Reichshofrat und dem Reichskammergericht im Heiligen Römischen Reich an der Spitze.
Der Reichshofrat bestand bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Er war kaiserliche Regierungsbehörde sowie Beratungsorgan des Kaisers. Er stellt mit dem Reichskammergericht eines der wichtigsten Höchstgerichte im Alten Reich dar. Die genauen Tätigkeitsbereiche und seine Wirkung innerhalb des Reiches sind allerdings bis heute erst in Ansätzen analysiert worden. Gleiches gilt für die Verbindung der jüdischen Bevölkerung als Minderheit im Alten Reich zum Kaiser als ihren Schutzherren. Diese Verbindungen vermittelten sich u. a. über den Reichshofrat und liegen bis heute weitestgehend im Dunkeln. Das Buch erhellt einen Ausschnitt dieses Verhältnisses: die reichshofrätlichen Prozesse, in denen Juden gegen adelige Herrschaften des Heiligen Römischen Reiches klagten. Es geht besonders der Bedeutung des Reichshofrats zum einen für die Juden und zum anderen für das Reichsoberhaupt im diachronen Vergleich der Regierungszeiten Rudolfs II. (1576-1612) und Franz I. Stephans (1745-1765) nach. Dabei stehen keine Einzelfälle im Fokus der Untersuchung, sondern die Summe der von Juden in ihren Prozessen gegen die Reichsadeligen als Elite des Alten Reichs verwendeten Handlungs- und Argumentationsstrategien und Selbstbilder. Auf diese Weise wird ein neuer Blick auf diese Minderheit abseits einer bloßen Verfolgungsgeschichte geworfen. Das Buch zeigt, dass Juden als selbstbewusst agierende Bevölkerungsgruppe ein akzeptierter Bestandteil der frühneuzeitlichen Gesellschaft waren und sich nicht am Rande, sondern sich in der Mitte des Alten Reiches befanden.
Adelskultur und Rechtskultur waren in der Frühen Neuzeit in vielfältiger Hinsicht mit einander verbunden. Die Beiträge in diesem Sammelband eröffnen eine europäische Perspektive auf die Problemkreise der Verrechtlichung des sozialen Handelns, auf die Mitwirkung an der Ausgestaltung und Implementierung von Rechtsstandards und zuletzt auf die Frage nach den Effekten auf die Praxis adeligen Lebens.
"Wann der Vater Papistisch ist, nimmt er seine Söhne mit zur Messe, die Mutter nimmt ihre Töchter mit zur reinen Kirchen. Da ist keine rechte Liebe, oder man hält wenig von der Religion…" Religiös-konfessionell gemischte Ehen waren in der Frühen Neuzeit aus Sicht der Obrigkeit, der Kirchen und Familien unerwünscht, doch sie konnten selten verhindert werden. Konflikte um Glaubensfreiheit und Konversion, die Reichweite väterlicher Gewalt und religiöse Kindererziehung schienen unausweichlich und stellten Eheleute und Familien vor große Herausforderungen. In ihrem Buch zeigt Dagmar Freist das spannungsvolle Beziehungsgeflecht von religionsübergreifender Alltagskultur und Geschlechterverhältnis, obrigkeitlicher Konfessionspolitik, Glaubensfreiheit und Gewissenszwang. Religiös-konfessionell gemischte Ehen waren spätestens seit dem frühen 17. Jahrhundert ein Störfaktor – in der christlichen Familie, die auf der Einheit von Geist und Körper im Glauben beruhen sollte, im Staat, der sich um einen konfessionell homogenen Untertanenverband bemühte, für die Kirchen, die mit ihrem Monopolanspruch auf die Heilsgewissheit um die Gläubigen warben, und für den Reichsreligionsfrieden, der auf das Recht der Gewissensfreiheit auf der einen Seite und auf unantastbare konfessionelle Grenzziehungen und Abgrenzungen auf der anderen Seite gegründet war. Aus mikrohistorischer Perspektive wird das Ineinandergreifen von Alltagshandeln und lebensweltlichen Zusammenhängen beobachtbar in seiner Verwobenheit mit Prozessen der Rechtsetzung, konfessionspolitischen Interessen von Landesherrn und Kirchen, mit der praktischen Reichweite des Westfälischen Friedens und dem politisch-öffentlichen Ringen um die Auslegung religiöser Gewissensfreiheit. Damit bietet die Analyse von religiös-konfessionell gemischten Ehen als einer der denkbar engsten Form religionsübergreifenden Zusammenlebens eine Annäherung an die Auswirkungen religiöser Pluralisierung aus einer von der Forschung bislang kaum eingenommenen Perspektive.
.Schwerpunkt sind zum einen die Beziehungen zwischen jüdischem Binnenraum und nicht-jüdischer Umwelt, zum anderen das Spannungsverhältnis zwischen Landesherrschaft und den imperialen, durch Kaiser und Reich bestimmten Rahmenbedingungen jüdischer Existenz. Beiträge von: Anette Baumann, J. Friedrich Battenberg, Stefan Ehrenpreis, Rainer S. Elkar, Andreas Gotzmann, André Griemert, Karl Härter, Vera Kallenberg, Verena Kasper-Marienberg, Thomas Lau, Gerhard Rechter (†), Ursula Reuter, Stephan Wendehorst
Bistumskumulationen, also die Regierung ein und desselben Bischofs über mehrere Bistümer zur selben Zeit, waren im Alten Reich über die gesamte Frühe Neuzeit hinweg häufig und stellten ein Strukturmerkmal der Germania Sacra dar. Diese Fürstbischöfe waren damit nicht nur für mehrere Diözesen, sondern als Reichsfürsten auch für gleich mehrere Territorien zuständig.
Die vorliegende Studie untersucht anhand der Herrschaft des Lothar Franz von Schönborn als Kurfürst und Erzbischof von Mainz sowie immediater Fürstbischof von Bamberg erstmals detailliert eine solche Personalunion. Ausgehend von der Betrachtung der kirchenrechtlichen und politischen Bedingungen werden die Folgen der Bistumskumulation für die Reichspolitik, das Verhältnis zur Kurie, die Organisation der Diözesen bzw. Territorien und deren Herrschaftseliten beleuchtet. Deutlich wird, wie prägend die Bistumskumulation nicht nur für die geistliche und weltliche Herrschaft sowie die Reichspolitik des Lothar Franz, sondern auch für die Entwicklung der Verwaltung und die Zusammensetzung der Herrschaftselite der beiden geistlichen Staaten war.
Am Beispiel des Osnabrücker Staatsmanns und Aufklärers Justus Möser (1720–1794) untersucht die Studie Aufklärung als einen kommunikativen Prozess. Mithilfe eines gezielt zusammenhängenden Blicks auf die Korrespondenz Mösers, das Osnabrücker Intelligenzblatt sowie den persönlichen Austausch im geselligen Rahmen analysiert sie Verflechtungen und rekonstruiert exemplarisch zwei konkrete Diskurse zu Projekten der praktischen Aufklärung. Die Berücksichtigung der Doppelrolle als Staatsmann und Aufklärer ermöglicht dabei nicht nur eine umfassende Betrachtung des Austauschs, sondern lässt auch Rückschlüsse auf Wechselwirkungen zwischen Diskurs und politischer Praxis zu. Zugleich wird auf diese Weise einem Charakteristikum der deutschen Aufklärung Rechnung getragen, denn zahlreiche Aufklärer standen ebenso wie Möser in staatlichen Diensten. Damit liefert die Studie neue Erkenntnisse über die bisher nur wenig erforschten Verflechtungen und den aufklärerischen Diskurs Justus Mösers und bietet darüber hinaus Einblick in die regionalen Sonderentwicklungen der deutschen Aufklärung.